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Ein Jahr Ibiza-Affäre:Ein Beben, das andauert

Ibiza Video Screenshot

Szene aus dem Ibiza-Video.

(Foto: SZ / DER SPIEGEL)

Die Veröffentlichung des heimlich aufgenommenen Videos im Mai 2019 erschütterte Österreich - die Folgen sind bis heute noch nicht ausgestanden. Das Recherche-Team blickt zurück.

Von Leila Al-Serori, Oliver Das Gupta, Peter Münch, Frederik Obermaier und Bastian Obermayer

In den ersten Maiwochen vor einem Jahr saßen wir nicht verstreut im Home-Office, sondern zu fünft in einem kleinen Zimmer im SZ-Hochhaus, streng abgeschirmt von den Kolleginnen und Kollegen. Tagelang haben wir uns dort die Filmclips angesehen, die uns und dem Spiegel zugespielt worden waren: das Ibiza-Video. Immer wieder, bis wir wirklich alles verstanden hatten.

Was in den heimlich aufgenommenen Sequenzen der Rechtspopulist Heinz-Christian Strache und sein Ziehsohn Johann Gudenus von sich geben, ist inzwischen Politikgeschichte: die Offenheit für dubiose Deals und illegale Parteispenden. Der Versuch, die mächtige Kronen Zeitung auf Linie zu bringen, um Straches Partei zu "pushen" und unliebsame Redakteure - zack, zack, zack - abzuservieren. Österreichs Medienlandschaft nach ungarischem Vorbild umzumodeln. Und die Teilprivatisierung des österreichischen Trinkwassers anzudenken.

Die abfälligen Sprüche über Journalisten und politische Mitbewerber. Die dreckigen Zehen der vermeintlichen schwerreichen Russin, die die FPÖ-Spitzenmänner in die Falle gelockt hatte: "Bist du deppert, die ist schoaf". All das soll der österreichische Vizekanzler von sich gegeben haben, fünf Monate bevor er ins Amt kam?

Überraschende Dynamik und Wirkmächtigkeit

Beim Anschauen und Abtippen des Videos haben wir anfangs gezweifelt, wir haben diskutiert, die Clips extern auf Authentizität prüfen lassen, und uns mit den Kollegen beim Spiegel ausgetauscht. Schließlich haben wir die Texte geschrieben, für die gedruckte Zeitung und für unser digitales Storytelling, alles in einer eigenen rötlichen Optik.

Dann kam der 17. Mai. Um Punkt 18 Uhr schalteten wir die Texte auf SZ.de frei, dieser Newsletter wurde verschickt, zeitgleich publizierte der Spiegel seine Stücke.

Was danach passierte, hat uns in seiner Dynamik und Wirkmächtigkeit überrascht. 16 Stunden später war Strache von seinen Funktionen zurückgetreten, daraufhin rief Kanzler Sebastian Kurz Neuwahlen aus, die ÖVP/FPÖ-Regierung zerbrach. Zehn Tage nach der Veröffentlichung verlor auch Kurz durch ein Parlamentsvotum sein Amt.

Nun, ein Jahr später, sind die Folgen der Ibiza-Affäre noch lange nicht ausgestanden, Anfang Juni startet ein Untersuchungsausschuss im Parlament. Die Verfahren gegen diejenigen Journalistinnen und Journalisten, die an der Aufdeckung beteiligt waren, wurden mittlerweile eingestellt.

Das übergeordnete öffentliche Interesse hat Vorrang vor den Persönlichkeitsrechten der in die Falle gelockten Rechtspopulisten. Schließlich haben SZ und Spiegel nur solche Sequenzen veröffentlicht, die politisch von herausragendem öffentlichen Interesse sind, denn nur dann erlaubt es das deutsche Medienrecht. Das ist auch der Grund, weshalb wir nicht das komplette Ibiza-Video publizieren.

Inzwischen hatte Österreich eine Bundeskanzlerin. Seit Jänner ist Kurz wieder Regierungschef, diesmal mit den Grünen. Die FPÖ hat Strache ausgeschlossen, dieser wiederum will mit einer eigenen Partei im Herbst bei der Wiener Landtagswahl antreten. Und die SZ ist mehr denn je mit Freude dabei, aus und über Österreich zu berichten - wie Sie auch in dieser Wochenend-Ausgabe wieder lesen.

Diese Kolumne ist zuerst am 15. Mai 2020 im Österreich-Newsletter erschienen. Alle Infos und kostenlose Anmeldung: sz.de/oesterreich

© SZ vom 16.05.2020/odg
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