Hyperkapitalismus und Digitalisierung Firmen wie die Schufa schaffen das Vertrauen ab

Souverän ist, so der Staatsrechtler Carl Schmitt, wer über den Ausnahmezustand verfügt. Einige Jahre später revidierte er diesen berühmten Satz: "Nach dem Zweiten Weltkrieg, angesichts meines Todes, sage ich jetzt: Souverän ist, wer über die Wellen des Raumes verfügt." Carl Schmitt soll zeitlebens Angst vor Radio und Fernsehen gehabt haben - wegen der manipulativen Wirkung. Heute, im digitalen Regime, müsste der Satz der Souveränität erneut revidiert werden: Souverän ist, wer über die Daten im Netz verfügt.

Die digitale Vernetzung macht die Totalbewertung und Totalausleuchtung einer Person möglich. Angesichts der Gefahr, die das personenbezogene Datensammeln in sich birgt, ist heute die Politik gefordert, diese Praxis im erheblichen Maße einzuschränken. Auch von Schufa und anderen Scoring-Firmen geht eine diskriminierende Wirkung aus. Die ökonomische Bewertung einer Person widerspricht der Idee der Menschenwürde. Keine Person sollte zu einem Objekt algorithmischer Bewertung degradiert werden.

Dass etwa die Schufa, die in Deutschland eine heilige Selbstverständlichkeit geworden ist, vor einiger Zeit überhaupt auf den Gedanken kommen konnte, soziale Netzwerke nach nützlichen Informationen zu durchforsten, verrät die tiefe Intention des Unternehmens. Der Werbeslogan der Schufa: "Wir schaffen Vertrauen" ist ein reiner Zynismus.

Neue, radikale Denkansätze

Unternehmen wie die Schufa schaffen das Vertrauen gerade komplett ab und ersetzen es durch Kontrolle. Vertrauen heißt, trotz Nichtwissens über einen anderen eine positive Beziehung zu ihm zu unterhalten. Es macht Handlungen möglich trotz fehlenden Wissens. Weiß ich im Vorfeld alles über die Person, so erübrigt sich das Vertrauen. Schufa zum Beispiel bearbeitet täglich mehr als 200 000 Anfragen. Das ist nur in einer Kontrollgesellschaft möglich. Eine Vertrauensgesellschaft benötigt solche Unternehmen wie die Schufa nicht.

Das Vertrauen impliziert die Möglichkeit, dass ihm nicht entsprochen wird, dass es verraten wird. Aber diese Möglichkeit des Verrats ist konstitutiv für das Vertrauen selbst. Auch die Freiheit impliziert ein gewisses Risiko. Eine Gesellschaft, die im Namen der Sicherheit alles der Kontrolle und Überwachung unterwirft, verfällt in Totalitarismus.

Angesichts des drohenden digitalen Totalitarismus hat Europaparlamentspräsident Martin Schulz kürzlich auf die dringende Notwendigkeit hingewiesen, eine Charta der Grundrechte für das digitale Zeitalter zu formulieren. Auch der ehemalige Innenminister Gerhart Baum fordert eine umfassende Datenabrüstung.

Notwendig sind heute neue, radikale Denkansätze, um den Datentotalitarismus abzuwenden. Es sollte auch über eine konkrete technische Möglichkeit nachgedacht werden, die personenbezogenen Daten in einem bestimmten Umfang mit einer Fälligkeit zu versehen, so dass sie nach einer gewissen Zeit automatisch verschwinden. Diese Praxis würde zu einer massiven Datenabrüstung führen, die heute notwendig ist angesichts des Datenwahns.

"Tempel des Hyperkapitalismus": Apple Flagship-Store in New York

(Foto: AFP)

Die Charta der digitalen Grundrechte wird alleine den Datentotalitarismus nicht verhindern können. Es sollte auch ein Bewusstseins- und Mentalitätswandel herbeigeführt werden. Wir sind heute nicht einfach Insassen oder Opfer in einem fremdgesteuerten digitalen Panoptikum.

Ursprünglich war das Panoptikum ein von Jeremy Bentham entworfener gefängnisartiger Bau. Die Gefangenen im Außenring werden darin von einem zentralen Überwachungsturm bewacht. Im digitalen Panoptikum sind wir nicht einfach nur gefangen. Wir sind vielmehr selbst Täter. Wir bauen aktiv mit am digitalen Panoptikum. Wir unterhalten es sogar, indem wir uns entblößen, indem wir uns wie die Millionen Anhänger der Quantified-self-Bewegung am Körper verkabeln und unsere körperbezogenen Daten freiwillig ins Netz stellen. Die neue Herrschaft erlegt uns kein Schweigen auf. Vielmehr fordert sie uns permanent dazu auf, mitzuteilen, teilzunehmen, unsere Meinungen, Bedürfnisse, Wünsche und Vorlieben zu kommunizieren, ja unser Leben zu erzählen.

In den achtziger Jahren sind in Deutschland alle auf die Barrikaden gegangen gegen die Volkszählung. In einem Bürgeramt ist eine Bombe explodiert. Sogar die Schüler gingen auf die Straße. Es fanden Massendemonstrationen statt.

Aus heutiger Sicht ist diese Reaktion unverständlich, denn die Informationen, die abgefragt wurden, waren harmlos - wie beispielsweise Beruf, Schulabschluss, Familienstand, Entfernung zum Arbeitsplatz. Heute geben wir hemmungslos selbst intime Daten preis, und zwar freiwillig. Wir spüren sogar ein Bedürfnis, uns zu entblößen. Wir haben nun nichts dagegen, dass hundert oder tausend Datensätze über uns gesammelt, gespeichert, weitergegeben und verkauft werden. Niemand geht dagegen auf die Barrikaden. Es wird keinen massiven Protest gegen Google oder Facebook geben.

Eine ernst zu nehmende Krise der Freiheit

Zur Zeit der Volkszählung glaubte man, dem Staat als Herrschaftsinstanz gegenüberzustehen, der die Bürger gegen deren Willen aushorchen will. Diese Zeit ist längst vorbei. Heute entblößen wir uns freiwillig ohne jeden Zwang, ohne jede Verordnung. Wir stellen freiwillig alle möglichen Daten und Informationen über uns ins Netz, ohne zu wissen, wer was wann und bei welcher Gelegenheit über uns weiß.

Diese Unkontrollierbarkeit stellt eine ernst zu nehmende Krise der Freiheit dar. Angesichts der Daten, mit denen man nur so um sich wirft, wird außerdem der Begriff des Datenschutzes selbst obsolet. Heute sind wir nicht einfach Opfer einer staatlichen Überwachung, sondern tätige Elemente des Systems. Freiwillig geben wir private Schutzräume auf und setzen uns digitalen Netzen aus, die uns durchdringen und durchleuchten.

Die digitale Kommunikation als neue Produktionsform schafft rigoros Schutzräume ab und verwandelt alles in Informationen und Daten. Jede schützende Distanz geht dadurch verloren. In der digitalen Hyperkommunikation vermischt sich alles mit allem. Immer durchlässiger werden auch die Grenzen zwischen innen und außen. Menschliche Personen werden zu Schnittstellen in einer total vernetzten Welt. Diese digitale Schutzlosigkeit wird vom Hyperkapitalismus gefördert und ausgebeutet.

Wir müssten uns wieder ernsthaft der Frage stellen, was für ein Leben wir leben wollen. Wollen wir uns weiterhin der Totalüberwachung und Totalausbeutung der menschlichen Person ausliefern und dadurch unsere Freiheit, unsere Würde preisgeben? Es ist wieder an der Zeit, gemeinsam einen Widerstand gegen den drohenden digitalen Totalitarismus zu organisieren. Nichts an Aktualität eingebüßt hat Georg Büchners Wort: "Puppen sind wir, von unbekannten Gewalten am Draht gezogen; nichts, nichts wir selbst!"

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