USA:Die unglaubliche Geschichte um den Laptop von Hunter Biden

Lesezeit: 3 min

USA: Die Lobbyisten-Deals von Hunter Biden (Mitte) sind ein gefundenes Fressen für die Gegner seines Vaters, US-Präsident Joe Biden (rechts).

Die Lobbyisten-Deals von Hunter Biden (Mitte) sind ein gefundenes Fressen für die Gegner seines Vaters, US-Präsident Joe Biden (rechts).

(Foto: Olivier Douliery/AFP)

Schlechte Nachrichten für den US-Präsidenten: "New York Times" und "Washington Post" halten Dokumente, die seinen Sohn belasten, mindestens in Teilen für echt. Haben die Zeitungen der Story im Wahlkampf 2020 zu wenig Beachtung geschenkt?

Von Fabian Fellmann, Washington

Die Geschichte könnte aus einem zweitklassigen Agententhriller aus dem Kalten Krieg stammen. Am Anfang steht der Computerreparateur John Paul Mac Isaac. Er erhält im April 2019 Besuch von einem Mann, den der stark sehbehinderte Mac Isaac nicht genau erkennen kann, der sich aber als Hunter Biden ausgibt, Sohn des vormaligen Vizepräsidenten und damaligen demokratischen Spitzenkandidaten Joe Biden. Der Mann hinterlässt einen Laptop mit Wasserschaden zur Datenrettung, meldet sich danach aber nicht mehr.

Der Computerreparateur durchforstet daraufhin die Daten - und stößt auf E-Mails, die er, ein glühender Trump-Anhänger, als brisant betrachtet: Sie könnten belegen, dass Hunter Biden in der Ukraine Geschäfte machte mit der Nähe zu seinem Vater, der in seiner Amtszeit als Vizepräsident mit dem Ukraine-Dossier betraut war. Mac Isaac wendet sich ans FBI, das den Laptop abholen lässt.

Danach: Funkstille. Vergeblich wartet der Computerreparateur darauf, dass Hunter Biden hochgenommen wird. Auch noch, als 2020 das Amtsenthebungsverfahren gegen Donald Trump läuft. Der hat zuvor 400 Millionen Dollar Militärhilfe für die Ukraine blockiert und Präsident Wolodimir Selenskij angerufen: Das Geld fließe nur, wenn die Ukraine Ermittlungen gegen Joe und Hunter Biden einleite. Ein Whistleblower macht den Anruf öffentlich, die Demokraten leiten ein Amtsenthebungsverfahren gegen Trump ein. Die Republikaner versenken das Verfahren, doch der Computerreparateur ist perplex. Warum ist vom FBI nichts zu hören?

Mac Isaac nimmt Kontakt auf zu Rudy Giuliani, dem Anwalt Donald Trumps - und schickt ihm Kopien des Materials von Hunter Bidens Laptop. Der füttert damit konservative Medien. Kurz vor der Präsidentschaftswahl 2020 veröffentlicht das rechte Revolverblatt New York Post die erste Geschichte. Es ist ein gefundenes Fressen, Bidens Sohn ist stets gut für fette Schlagzeilen: Geldprobleme, Kokainsucht, Scheidung, Beziehung mit der Witwe seines Bruders.

Vielen erschien die Geschichte zu unglaublich, um wahr zu sein

Damals, in den entscheidenden Monaten des Präsidentschaftswahlkampfs 2020, hatte die Geschichte Sprengkraft. Dennoch blieb sie ein ungelöstes Rätsel. Viele Medien erhielten keinen Zugang zu dem Material, konnten es nicht überprüfen und hielten sich bei der Berichterstattung zurück.

Sofort kam der Verdacht auf, die Geschichte sei zu unglaublich, um wahr zu sein. Konnte der Computerreparateur ausschließen, dass ihm das Gerät untergeschoben worden war? Russische Hacker hätten die Daten auf dem Computer manipuliert, um die Präsidentschaftswahl zu beeinflussen, wurde gemutmaßt. Schon 2016 hatten Hacker E-Mails von Hillary Clintons privatem Mail-Server publiziert, was zu FBI-Ermittlungen führte und sie arg in Bedrängnis brachte.

Twitter und Facebook bremsten die Verbreitung der Hunter-Biden-Story, indem sie das Teilen unterbanden - und nahmen damit die Rolle von Schiedsrichtern in einem demokratischen Diskurs ein. Die Republikaner beschuldigten die Medien und die Tech-Branche deswegen, Joe Biden zu schützen.

Bis Sommer 2021 sei ihr der Zugang zu den Daten verweigert worden, beteuert die "Washington Post"

Jetzt plötzlich ziert die Laptop-Saga wieder die Frontseiten der US-amerikanischen Zeitungen. Sowohl die New York Times als auch die Washington Post haben unabhängig voneinander die Daten von Hunter Bidens Laptop überprüft. Und sie kamen beide zum selben Schluss: Zumindest ein Teil der mehr als 120 000 E-Mails und Dokumente, 217 Gigabyte an Daten, dürfte echt sein. Die Herkunft einer Mehrheit der Daten lasse sich jedoch nicht mehr verifizieren, weil sie zu oft kopiert wurden. Den Vorwurf, der Geschichte vor den Wahlen 2020 zu wenig Beachtung geschenkt zu haben, weist die Washington Post zurück: Ihr sei der Zugang zu den Daten bis zum Sommer 2021 verweigert worden.

Was aber bleibt zurück gegen Hunter Biden - und vor allem gegen Joe Biden? Gegen Hunter Biden laufen Ermittlungen, wie dieser selbst öffentlich gemacht hatte. Er wird verdächtigt, einen Teil seiner Einkünfte nicht korrekt versteuert zu haben. Nun hat er eine größere Steuerforderung beglichen. Das ist laut New York Times möglicherweise ein Hinweis darauf, dass Biden mit einer Anklage rechnet und er hofft, Richter und Jury milde zu stimmen. Ebenso untersuchen die Behörden offenbar, ob Biden Offenlegungsvorschriften als Interessenvertreter für ausländische Firmen verletzt hat.

Für Joe Biden sind das schlechte Nachrichten. Er hat das Image eines Saubermanns, der nie reich war. Nun verdichtet sich das Bild, dass sein Sohn die Nähe zum Vater für Millionenbeträge verkauft hat. Das ist zumindest unappetitlich und unethisch. Dasselbe gilt für Hunters jüngsten Streich: Er malt und verkauft Bilder, wobei der Preis von bis zu 500 000 Dollar eher nicht mit der Qualität zu erklären ist. Ob er auch illegal gehandelt hat, bleibt vorerst offen. Eine Anklage jedenfalls würde politisch auch auf Vater Biden ausstrahlen.

Bisher gibt es keine Belege dafür, dass der Vater selbst in die fragwürdigen Geschäfte involviert war oder davon wusste. Joe Biden machte stets geltend, er beschäftige sich nicht mit den Geschäften seiner Familienmitglieder. Angesichts des großen Werts, den er auf enge Familienbande legt, ist das zumindest bemerkenswert.

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