Süddeutsche Zeitung

Hungersnot in Ostafrika:Erdnusspaste für die Hungernden

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Die erste Maschine mit Hilfslieferungen für die hungernden Menschen Somalias ist am Flughafen in Mogadischu gelandet. Doch während die Flugbrücke für Tausende unterernährte Kinder eine Chance auf Leben bedeutet, kann sie nur der Anfang der internationalen Hilfe sein. Denn die Lieferungen per Flugzeug sind ineffizient - und für die Hungernden in Ostafrika wird die Zeit knapp.

Jeanne Rubner

Bis Mittwochnachmittag ist die Luftbrücke mehr Luft als Brücke. Die Flugzeuge mit der lebensrettenden Fracht stehen am Boden. Vollgeladen und startbereit, seit Montag. Doch erst am Mittwoch kurz vor 15 Uhr deutscher Zeit darf die erste Maschine am Flughafen von Nairobi in die Luft gehen und Mogadischu ansteuern. In der Hauptstadt Somalias warten verzweifelte Hungernde auf die Fracht, das Überleben Tausender Kinder hängt von diesen Flugzeugen ab.

"Wir mussten bestimmte Regeln einhalten", sagt eine Sprecherin des Welternährungsprogramms (WFP), das eine Luftbrücke zwischen Nairobi und Mogadischu aufbauen will. Über sie soll zunächst das Notwendigste in das Flüchtlingszentrum der somalischen Hauptstadt gebracht werden: energiereiche, "ergänzende Nahrungsmittel" für massiv unterernährte Kinder.

Regeln, Anweisungen, Bürokratie - das fehlte den UN-Helfern gerade noch. Ob nun der Zoll am Flughafen von Nairobi tatsächlich Ärger machte, ob die Zentrale des WFP in Rom die Aktion nicht ausreichend vorbereitet hatte oder ob es vorübergehend zu gefährlich war, in der gewalttätigen Hauptstadt Somalias, Mogadischu, zu landen - das lässt sich so genau nicht sagen. Beim WFP ist man äußerst vorsichtig mit Auskünften, nur so viel: Das erste Flugzeug ist tatsächlich gestartet.

Das Hilfswerk der Vereinten Nationen hat in der Vergangenheit häufig Ärger gehabt mit den islamistischen Al-Shabaab-Milizen in Somalia, Helfer sind bedroht worden, die Organisation hat man als parteiisch und pro-westlich beschimpft. Daher bemüht sich das WFP um eine möglichst geräuschlose Hilfsaktion, um die - nach dem Lager Dadaab in Kenia - größte Gruppe von Hungerflüchtlingen mit dem Nötigsten zu versorgen.

Das Nötigste, das sind erst einmal um die 100 Tonnen der besonders protein- und fetthaltigen Erdnussbutterlösung für kleine Kinder. Um die zu transportieren, muss das WFP siebenmal nach Mogadischu fliegen, in eine Maschine passen etwa 14 Tonnen. Die Menge reicht aber nur, um 5000 Kinder unter fünf Jahren einen Monat lang zu versorgen. Die Jüngsten sind besonders bedroht vom Hungertod. Bei den Vereinten Nationen rechnet man mit 300.000 Menschen allein in Mogadischu, die vor der Dürre im Süden des Landes geflohen sind.

In den ersten drei Wochen im Juli sind bereits 40.000 Menschen, größtenteils völlig entkräftet, in die somalische Hauptstadt gekommen. 60.000 der insgesamt 300.000 Hungerflüchtlinge sind Kinder unter fünf Jahren. "Man bräuchte also jeden Monat zwölf Maschinen mit Hilfslieferungen allein für die kleinen Kinder", sagt Johan van der Kamp, Hilfskoordinator der deutschen Welthungerhilfe für die Region.

Dennoch sind die Lieferungen sinnvoll, sagt van der Kamp, um kurzfristig zu helfen. Langfristig ist sie jedoch zu ineffizient und zu teuer. Eine Tonne Nahrungsmittel kostet etwa 1500 Euro, der Transport schlägt noch einmal mit 6000 Euro zu Buche - für eine vollbeladene Maschine macht das 70.000 Euro. Doch es hungern auch die größeren Kinder und die Erwachsenen.

Langfristig müsse man daher, sagt van der Kamp, Nahrungsmittel auf dem Landweg beziehungsweise über das Wasser nach Mogadischu bringen. Tonnenweise. Ebenso benötigen die vielen Flüchtlinge in den Lagern rund um Somalia - in Kenia, in Äthiopien - Lebensmittel.

1,7 Millionen Menschen versorgt das WFP derzeit in der Region. Doch weitaus mehr Hungernde benötigen Hilfe - allein in Somalia bedroht die Krise 3,7 Millionen. Um mehr Güter in die Region zu schaffen, benötigen Hilfsorganisationen mehr Geld. Die Vereinten Nationen beziffern den Bedarf bis Jahresende auf 1,4 Milliarden Euro, von denen erst die Hälfte bei der UN eingegangen sind.

Zweitens erfordert die schlimmste Dürre in der Region eine größere Beteiligung weiterer Hilfsorganisationen als bisher, sagt Welthungerhilfe-Experte Johan van der Kamp. Diese müssten sich viel besser koordinieren: "Manche kommen in eine Region, versprechen schnelle Hilfe und merken dann, dass alles viel mühseliger ist als gedacht."

Warum die Hilfe so lange dauert? Ein Beispiel: Die Welthungerhilfe etwa organisiert derzeit "Sauberkeitskits" für die Flüchtlinge - Eimer, Seife, Desinfektionsmittel. Das ist nicht Luxus, sondern dringend notwendig, damit die Menschen sich und ihre Kleidung waschen können. Das soll vermeiden, dass Krankheiten sich ausbreiten.

Was einfach klingt, erfordert eine komplizierte Logistik: Es dauert einige Wochen, nur um die Waschutensilien für ein paar tausend Familien zu beschaffen. Bis sie verteilt sind, braucht es noch einmal mehrere Wochen. Von den Kosten ganz abgesehen: 400.000 Euro veranschlagt die Welthungerhilfe für die gesamte Aktion.

"Dafür müssen wir bei potenten Gebern Geld sammeln", sagt van der Kamp. In Deutschland sind das Auswärtiges Amt und Entwicklungshilfeministerium. Bis Geld gewährt wird, vergehen oft Wochen. "Deshalb dauert es auch Monate, bis eine größere Hilfsaktion richtig in Schwung kommt", sagt van der Kamp.

Wochen und Monate, in denen viele Menschen sterben. Die Hungerleidenden in Somalia brauchen die Hilfslieferungen sofort. Vor allem die Flüchtlinge in Mogadischu. Immerhin: Die Weltgemeinschaft scheint verstanden zu haben, dass nicht mehr viel Zeit bleibt. Und mittlerweile steht auch die Luftbrücke.

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Quelle:
SZ vom 28.07.2011
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