bedeckt München 21°

Hungersnot am Horn von Afrika:Drei Gründe, warum Somalia internationale Gremien beschäftigt

Die Welt hätte sich wohl damit abgefunden, dass Somalia ein zerfallener Staat ist. Schließlich konnten 1993 nicht einmal die Sondereinheiten der US-Armee die entfesselten Milizen befrieden. Damals schleifte ein Mob in Mogadischu die verkohlten Leichen zweier Scharfschützen der Delta Force durch die Straßen, eine im Fernsehen übertragene Demütigung des frisch gewählten Präsidenten Bill Clinton. Im Jahr darauf sah die Welt schon dem Genozid in Ruanda zu, und der somalische Bürgerkrieg wurde verdrängt.

Es gibt drei Gründe, warum Somalia seit einiger Zeit wieder internationale Gremien beschäftigt. Vor fünf Jahren fielen große Teile des Landes an Islamisten, deren stärkste Miliz, al-Shabaab, aus ihren Kontakten zu al-Qaida kein Hehl macht. Ende 2006 marschierte die Armee des christlichen Nachbarlandes Äthiopien in Somalia ein, laut Wikileaks-Depeschen sollen die USA, der größte Geber Äthiopiens, das Regime in Addis Abeba zur Invasion gedrängt haben. Nach zwei Jahren mussten die Soldaten abziehen, sie hinterließen geplünderte Dörfer.

Der zweite Grund sind die somalischen Piraten, die mit steigender Professionalität internationale Handelsschiffe kapern und millionenschwere Lösegelder erpressen. Das Aufblühen der Piraterie hängt in einem Land, dessen Bevölkerung von jeher vor allem von der Landwirtschaft lebt, direkt mit dem Bürgerkrieg zusammen. Entwurzelte Nomaden und Fischer, deren Gewässer von ausländischen Trawlern leergefischt wurden, lassen sich von Piraterie-Bossen anheuern, von denen viele in Dubai wohnen oder in Nairobi. Die Angeheuerten sind meistens Menschen, die nicht ins Ausland fliehen wollen.

Viele Somalier, die in den neunziger Jahren ins Nachbarland Kenia auswanderten, wurden dort erfolgreiche Unternehmer. Vor allem in Eastleigh, Nairobis Einwandererviertel, sind einige sehr reich geworden. Eine Studie der britischen Denkfabrik Chatham House spricht von einer "erstaunlich belastbaren" Unternehmenskultur, die aus einem zerfallenen Staat importiert wurde.

Da weder der UN-Sicherheitsrat noch die Afrikanische Union zu wissen scheinen, wie man den Bürgerkrieg in Somalia beenden könnte, konzentriert sich die Weltgemeinschaft darauf, die Hungerkatastrophe in dem Land zu mildern. Der Klimawandel, der immer häufiger Dürren am Horn von Afrika verursacht, ist der dritte Grund, warum man auf Somalia blickt. Al-Shabaab behindert, so wie auch andere Milizen Anfang der neunziger Jahre, erwartungsgemäß die Arbeit der Hilfswerke.

Die Hilfsorganisationen geben sich dennoch zuversichtlich: Unter den radikalislamischen Milizen gebe es "Fraktionen", die heute schon der UN Zugang zu den Hungernden gewährten, erklärte der deutsche Vertreter des UN-Welternährungsprogramms, Ralf Südhoff. Allerdings gestalteten sich die Verhandlungen mit den Rebellen als schwierig, da sie Garantien wollten, dass die humanitäre Hilfe "mit politischen Fragen nichts zu tun" habe.

Die international anerkannte Regierung hat sich im Regierungsviertel von Mogadischu verschanzt und wäre ohne ein Schutzkontingent der Afrikanischen Union längst gestürzt. Allerdings wird diesmal wohl niemand auf die Idee kommen, Sondereinheiten nach Mogadischu zu schicken, damit Lebensmittel die Hungernden erreichen. Man versucht es mit einer Luftbrücke.

© sueddeutsche.de/AFP/hai

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite