Hungersnot:Welthungerhilfe fordert mehr Geld von Deutschland

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Hungersnot: Ein unterernährtes Kind in einer Klinik in Somalia. Das Land leidet unter der schlimmsten Dürre seit Jahrzehnten.

Ein unterernährtes Kind in einer Klinik in Somalia. Das Land leidet unter der schlimmsten Dürre seit Jahrzehnten.

(Foto: Jerome Delay/AP)

Die Organisation warnt vor einer "Katastrophe". Der Hunger habe weltweit dramatisch zugenommen. Die Bundesregierung müsse ihre geplanten Kürzungen zur Hungerbekämpfung zurücknehmen - und drauflegen.

Von Till Uebelacker, Berlin

Dürre, Krieg und Inflation könnten in kurzer Zeit die jahrelangen Fortschritte in der Hungerbekämpfung pulverisieren. Mit dieser Botschaft stellte die Welthungerhilfe am Donnerstag den Welthunger-Index 2022 vor. Dem Bericht zufolge sind weltweit bis zu 828 Millionen Menschen unterernährt, gut 200 Millionen mehr als noch 2019 und 17 Millionen mehr als vor einem Jahr. Am Horn von Afrika, gebe es die "schlimmste Hungerkrise seit 40 Jahren", sagte Marlehn Thieme, Präsidentin der Welthungerhilfe in Berlin. Etwa fünf Millionen Kinder seien in dem östlichsten Teil des afrikanischen Kontinents akut mangelernährt.

Der Hunger nehme weltweit dramatisch zu, sagte Thieme, deshalb schlage die Organisation Alarm. "Eine toxische Mischung aus Kriegen und Krisen führt zur Katastrophe", sagte Thieme. Der Krieg in der Ukraine verschärfe die bestehende Ernährungskrise, er habe bis August ein Viertel des weltweiten Getreidehandels zum Erliegen gebracht. Millionen Menschen seien durch diesen Krieg "immensen Preisschocks" ausgesetzt. Einzelne, ohnehin schon krisengeschüttelte Staaten wie Eritrea oder Somalia seien besonders abhängig von ukrainischem Weizen. Auch in Kenia und Bangladesch würden wegen der explodierenden Preise Mahlzeiten gestrichen.

Das Ziel, den Hunger bis 2030 zu beenden, ist in weite Ferne gerückt

Einer der Schlüsselfaktoren für den negativen Trend ist laut Thieme der Klimawandel. Am Horn von Afrika herrsche derzeit eine der schlimmsten Dürren der vergangenen Jahrzehnte. Vom jüngsten Hochwasser in Pakistan seien 33 Millionen Menschen betroffen.

Bis zum Beginn der Corona-Pandemie habe man gute Fortschritte in der Hungerbekämpfung gemacht, erklärte die Organisation. Inzwischen aber sei das Ziel, den Hunger bis 2030 zu beenden, in weite Ferne gerückt. Dieser gefährliche Trend müsse durch konsequentes Eingreifen der Politik gestoppt werden. Thieme appellierte an die Bundesregierung, die im Etat des Auswärtigen Amtes und des Entwicklungsministeriums geplanten Kürzungen zur Hungerbekämpfung zurückzunehmen. Es gehe um zwei Milliarden Euro. "Die Bundesregierung sollte umsteuern und nachlegen." Die Bekämpfung von Unterernährung sei auch Friedenspolitik, sagte Thieme mit Blick auf mögliche Hungerrevolten.

Kinder würden am meisten leiden, sagte Thieme. Die weltweiten Preisanstiege führten schon heute dazu, dass ganze Mahlzeiten fehlen und zum Beispiel Schulessen ausfalle. Viele Nichtregierungsorganisationen - wie die Welthungerhilfe - seien bereit, Verantwortung zu übernehmen. "Wir müssen schnell auf die humanitären Notlagen reagieren und sowohl flexible und höhere Mittel zur Verfügung stellen und zugleich größere Investitionen für die Transformation der Ernährungssysteme bereitstellen", so die Welthungerhilfe-Präsidentin.

Der Welthunger-Index (WHI) beinhaltet vier Indikatoren: Unterernährung, Wachstumsverzögerung bei Kindern, Auszehrung bei Kindern und Kindersterblichkeit. Den schlechtesten Wert im Welthungerindex hat das Bürgerkriegsland Jemen. Akut ist die Lage laut Bericht in der Zentralafrikanischen Republik, im Tschad, in der Demokratischen Republik Kongo und in Madagaskar. Eine "ernste Hungerlage" gibt es laut Welthungerhilfe zudem in Somalia, Südsudan und Syrien. Laut Bericht existieren aber auch Positivbeispiele. 32 Länder konnten den Hunger stark zurückdrängen. Dazu zählen etwa Senegal und Ruanda, wo der Hunger laut Index seit dem Jahr 2000 halbiert wurde.

Der Generalsekretär der Welthungerhilfe, Mathias Mogge, forderte, die Ernährungssysteme gerecht, nachhaltig und krisenfest auszurichten. Die Mitbestimmung lokaler Akteure bei der nationalen Ernährungspolitik spiele dabei eine Schlüsselrolle. Die Zivilgesellschaft vor Ort müsse Möglichkeiten haben, die jeweiligen staatlichen Strukturen zu überprüfen und Verbesserungen einzuklagen. Mogge wies insbesondere auf die Situation in Haiti hin. Dort sei aufgrund der verschlechterten Sicherheitslage selbst humanitäre Hilfe derzeit nicht möglich. "Nichts geht mehr in diesem Land", beklagte Mogge.

Getreide-Abkommen auf der Kippe

Eine mögliche weitere Verschärfung der globalen Versorgungslage deutete sich am Donnerstagnachmittag an: Der Berater des russischen Präsidenten Wladimir Putin, Juri Uschakow, sagte am Rande eines Gipfels in der kasachischen Hauptstadt Astana, der Kreml erwäge, das bestehende Abkommen über die Ausfuhr ukrainischen Getreides nicht zu verlängern. "Ich weiß es nicht, weil der zweite Teil der Vereinbarung nicht eingehalten wird", sagte Uschakow auf die Frage eines Journalisten, ob der Vertrag in seiner jetzigen Form fortgeführt werden.

In dem Vertrag hat sich Russland zur Beendigung der Blockade ukrainischer Seehäfen für den Getreideexport verpflichtet, will aber im Gegenzug Erleichterungen für die eigene Ausfuhr von Dünge- und Lebensmitteln. Uschakow klagte nun, dass rund 300 000 Tonnen russischer Düngemittel in europäischen Häfen lagerten, die niemand abholen könne. Russland habe angeboten, sie kostenlos an die ärmsten Länder abzugeben. "Aber bisher erhält niemand Zugang zu diesen Düngemitteln", sagte Uschakow.

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