Humboldt-Forum Ein Weltmuseum

Wer sind die Deutschen? Wo ist ihr Ort in der globalisierten Welt? Die Debatte darüber ist rasch abgeflaut. Mit der Eröffnung des Forums wird sie wieder da sein.

Von Lothar Müller

Die Zeit drängt. Die Arbeiten an der Baustelle schreiten voran, längst ist dem Gebäude die Kuppel aufgesetzt, die weithin an das alte Hohenzollern-Schloss erinnert, schon hat die moderne Ostfassade Gestalt angenommen, im Herbst 2019 soll das Humboldt-Forum in Berlin eröffnet werden. Aber die Arbeiten am Konzept halten nicht Schritt mit der Fertigstellung des Gebäudes. Sie sind eingefroren in der Rhetorik des Internationalismus und Kosmopolitismus.

Ein Weltmuseum soll hier entstehen, heißt es, mit den Objekten der aus ihren bisherigen Standorten in Dahlem gekommenen, neu inszenierten außereuropäischen Sammlungen. Die Museumsinsel, der Rückblick in die griechisch-römische Antike und bis nach Ägypten, wird eingebettet in neue Dimensionen, in den Dialog mit den Zeugnissen aus Südamerika, Afrika und Asien. Aber wie wird sich das Humboldt-Forum zu dem Ort verhalten, an dem es steht, wie zu dem Gebäude, in dem es untergebracht ist, und vor allem: Wie wird es seinen Anspruch erfüllen, Forum großer Debatten zu sein? Bauherr ist immerhin die Bundesrepublik Deutschland.

Seit der vergangenen Woche hat das Humboldt-Forum einen designierten Intendanten, Hartmut Dorgerloh, den bisherigen Generaldirektor der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg. Er wird im Sommer die Gründungsintendanz ablösen, der Neil MacGregor vorstand, der ehemalige Leiter des British Museum. Er war als ausgewiesener Experte der Kunst berufen worden, Objekte zum Sprechen zu bringen. Je mehr die Objekte der außereuropäischen Sammlungen aus Dahlem in den Fokus des Humboldt-Forums rückten, desto dringlicher wurden die Fragen nach ihrer legitimen oder illegitimen Herkunft.

Ortsgeister sind hier lebendig: die Märzgefallenen von 1848, die Revolutionäre von 1918 und 1989

Seit Monaten wird vor allem über Provenienzfragen und den Zusammenhang der ehemaligen Völkerkundemuseen in Europa mit dem Kolonialismus diskutiert. Es ist die zweite Kontaminationsdebatte. Die erste handelte von Preußen. Als im Jahr 2000 die Idee des "Humboldt-Forums" geboren wurde, war ihr Ziel nicht zuletzt die Überführung der Debatten über die historische Schlossfassade, Preußen und die Hohenzollern in ein Zukunftsprojekt der Berliner Republik. Wilhelm und Alexander von Humboldt wurden als kosmopolitische Gelehrte Schutzherren des Projektes, nicht als Preußen. In dem Maß, in dem sich der Name "Humboldt-Forum" für das Gebäude wie seinen Inhalt durchsetzte, verblasste das historische Relief des Ortes, an dem die Schloss-Rekonstruktion errichtet wurde.

Die Aufgabe des künftigen Intendanten wird eine doppelte sein. Er muss sowohl das kosmopolitische Konzept des Weltmuseums präzisieren wie die Ortsbindung des Humboldt-Forums als eine seiner wichtigsten Energiequellen zurückgewinnen. Der Schlossplatz in der Mitte Berlins gehört zu den markanten Erinnerungsorten der Deutschen. Auch wenn der hier errichtete Bau in seiner äußeren Gestalt keinerlei Erinnerung an das historische Schloss wachriefe, wären die Ortsgeister in ihm lebendig. Sie lassen sich nicht abwählen, und sind nicht nur Schlossgeister. Die Märzgefallenen der Revolution von 1848 gehören dazu, die Menge, vor der in der Revolution 1918 vom Balkon des Schlosses aus Karl Liebknecht die sozialistische Republik ausrief, die Demonstranten, die am 7. Oktober 1989 zum Palast der Republik zogen.

Hartmut Dorgerloh hat schon Anfang 2017 ein Konzept für ein kleines "Museum des Ortes" im Humboldt-Forum vorgeschlagen. Ein Ensemble von ins Weltmuseum eingestreuten Exponaten aber wird nicht reichen. Der Intendant wird das Verhältnis von Universalismus, Kosmopolitismus und nationalem Erinnerungsort neu justieren müssen. Nicht nur, um der Vergangenheit, sondern vor allem, um der Gegenwart gerecht zu werden. Allzu leicht ließe sich das Humboldt-Forum in seiner Planungsphase in das Sommermärchen von 2006 einfügen, in die Mythologie der weltoffenen, gründlich entgifteten Deutschen. Jetzt ist es kälter geworden.

Wer die Deutschen sind und wo ihr Ort in der globalisierten Welt ist, darüber gibt es in Deutschland keinen Konsens. Im Humboldt-Forum wird die Stimme des Königs von Bamum zu hören sein. Und von seiner Kuppel aus wird ein Kreuz in den Himmel ragen. Was sagt es den Deutschen, was sagt es den Besuchern aus aller Welt? Die Debatte darüber ist abgeflaut. Man muss kein Prophet sein, um zu ahnen, dass sie spätestens mit der Eröffnung des Forums wieder da sein wird.