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Horst Köhler über seinen Rücktritt:Horst von Hohenstaufen

Ein Jahr nach seinem Rücktritt beschwert sich Horst Köhler über die harsche Kritik, die damals an seiner Person geübt wurde. Doch das Problem waren nicht diese Attacken, das Problem war Horst Köhler selbst, der die Kritik als Majestätsbeleidigung empfand.

Joachim Käppner

Er sah sich als Opfer eines Rufmords. Nun hat er gerade selbst etwas begangen, was man als Selbstrufmord bezeichnen könnte. Horst Köhler versucht, seine jähe Flucht aus dem Amt vor einem Jahr zu erklären; er lamentiert in der Zeit über die "ungeheuerliche" Kritik, die man an ihm, dem Bundespräsidenten, zu üben gewagt habe.

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Der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler versucht, seine jähe Flucht aus dem Amt vor einem Jahr zu erklären - und begeht dabei so etwas wie Selbstrufmord.

(Foto: dpa)

Diese Attacken waren aber eher banal. Sie kamen nach einer harmlosen Äußerung Köhlers über den Schutz der Seewege durch das Militär vor allem von Grünen und mehr noch von der Linken. Wenn nun jeder zurücktreten würde, dem die Linke Unsinn wie Kanonenbootpolitik vorwirft, die Regierung wäre verwaist.

Das Problem war nicht die Kritik. Das Problem war ihr Adressat. Er vermisste Rückhalt, er war gekränkt; er verstand Widerrede offenbar so, als sei er Horst von Hohenstaufen, als Majestätsbeleidigung. Es hätte noch Respekt verdient, wenn er das Amt aus persönlichen Gründen aufgegeben hätte: Es ist zu viel, ich kann es nicht länger tragen. Aber nun will er den Rücktritt als Akt der Verantwortung vor dem Amt verklären - als sei hier eine ehrliche Haut an der Perfidie der politischen Klasse gescheitert.

Auch Bundespräsidenten wie Richard von Weizsäcker, dessen Zeit heute im zarten Schimmer der Verklärung betrachtet wird, haben viel Kritik erduldet - Weizsäcker zum Beispiel 1985 nach seiner großen Rede über die deutsche Kriegsschuld.

Aber eben das ist Aufgabe eines Präsidenten, der über wenig Macht und viel Nimbus verfügt: über den Tag im hektischen Politikbetrieb hinaus zu denken, gar so etwas wie das Gewissen dieser Politik zu sein. Köhler dagegen verkörpert die Politikverdrossenheit im Gewande der gekränkten Unschuld.

© SZ vom 10.06.2011
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