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Zum Tod von Horst Herold:Herold verbunkerte sich bis kurz vor seinem Tod

Wo sollte er hin? Er war der gefährdetste Mann der Republik. Wo war er einigermaßen sicher? Der Staat wies dem außer Dienst gestellten deutschen Chef-Polizisten ein Grundstücklein in der Ecke der Grenzschutz-Kaserne von Rosenheim zu. Nirgendwo anders wollte er seinen außer Dienst gestellten Diener bewachen - nicht im Herold'schen Privathaus in Nürnberg, auch nicht in einer staatlichen Dienstwohnung. Der Staat hat sich die schützende "Lehmgrube", wie Herold das Areal in der Ecke der Kaserne nannte, teuer abkaufen lassen. Herold verkaufte sein Privathaus, um sich vom Erlös in aller Eile ein Fertighaus in der Lehmgrube bauen zu lassen. Der BKA-Präsident Herold war der Ministerialbürokratie zu mächtig gewesen. Jetzt ließ die Bürokratie den Pensionär Herold ihre Macht spüren. Aber was blieb dem Mann anderes übrig? In dem Haus in der Kaserne lebte er dreißig Jahre lang, zuletzt weniger aus Gefährdungs- als aus Gewohnheitsgründen.

Hier verbunkerte sich der Mann zusammen mit seiner Frau vor den Anschlägen der RAF, jahrzehntelang, hier versteckte er sich vor der Öffentlichkeit, hier wehrte er Interviewer und Dokumentarfilmer ab, hier war er aber auch, wenn es seinen Freunden gelang, die Mauern zu überwinden, ein liebenswürdiger Gastgeber; hier saß ihm in schlaflosen Nächten der tote Hanns Martin Schleyer auf der Brust, hier war er mit sich, seiner Frau, den Soldaten der Kaserne und seinen Erinnerungen allein. Jeder Blick aus den Wohnhzimmerfenstern war wie ein Blick in die Vergangenheit: er sah die Erdwälle aufgeschüttet, zum Schutz vor Angriffen, und er wusste, warum er da war, wo er war. Er sah sich aus dem Amt gejagt wie ein Hund, glaubte, seine Ehre verloren zu haben und versuchte verbissen und akribisch, sie in Prozessen gegen Falschzitierer, Professoren, Publizisten und Politiker zurückzugewinnen, gegen die, die ihn als datensüchtig, als Mischung aus Big Brother und Daten-Dracula darstellten. Viele, viele Prozesse hat er geführt, fast alle erfolgreich. Vielleicht halfen ihm die Prozesse, nicht krank oder verrückt zu werden; er wurde nur melancholisch, aber später vertrieb das Internet die Melancholie immer öfter; und staunend genoss er, wie es gedieh. Google war ihm der Beweis, dass seine Ideen keine Spinnereien gewesen waren: Exakt so hatte er sein polizeiliches Intranet geplant.

Der Mann sei süchtig, hatte es in den siebziger, achtziger Jahren geheißen: Er saufe Informationen wie ein Alkoholiker seinen Fusel. Das war die Krankheit, die man damals Jahren bei ihm diagnostiziert und wegen der man ihn 1981 für dienstunfähig erklärte. Es war eine furchtbare und folgenschwere Fehldiagnose. Herold war nicht süchtig, er war auch nicht berauscht, er war aber wohl zu oft zu euphorisch, der Zeit zu weit voraus. Er war ein kriminalistisches Genie, ein Visionär - und einer, der sich in den zu verfolgenden Gegner hineindachte. "Lösungen dürfen nicht in den Köpfen erfunden, sondern in der Wirklichkeit gefunden werden" - so las er es in den Schriften der Ulrike Meinhof. Herold machte sich diese Sätze zu eigen.

Seine Nachfolger hat er mit öffentlichen Ratschlägen verschont, auch wenn die Erfolglosigkeit der Fahndungen ihn umtrieb - seit 1985 wurde kein RAF-Mord mehr aufgeklärt. Herolds Nach-Nachfolger gestand, man habe die RAF "vom Radarschim verloren". Aber Herold kritisierte nicht, er äußerste sich viele Jahre lang gar nicht, und später nur ganz selten in der Öffentlichkeit - sehr loyal: Seine Nachfolger hätten es eben viel, viel schwieriger als er; die Terroristen hätten gelernt. So viele Geschichten trug dieser Mann mit sich herum, Geschichten, die Tatort-Kommissare wie Langweiler aussehen lassen. Geschichten und Geschichte. Mit Herold hätte man ganze Ringvorlesungen an den Universitäten bestreiten können. Er hätte den Juristen erklärt, wie im Kampf gegen die Terroristen zum erstenmal in der Kriminalgeschichte Täter überführt wurden, ohne dass der Zeugenbeweis eine Rolle spielte - weil das BKA den Beweis aufgrund von Spuren gerichtsfest perfektionierte. Er hätte zusammen mit den Politikwissenschaftlern über die exzessive Repression nachgedacht, mit welcher der Staat in den frühen siebziger Jahren auf die keimende Gewalt reagiert hat.

Was wäre gewesen, wenn der Staat frühzeitig die Weichen anders gestellt hätte? Wenn er Deeskalation nicht erst qualvoll hätte lernen müssen? Vielleicht hätte es dann eine RAF gar nicht gegeben, vielleicht wäre eine Ulrike Meinhof heute sogar Familienministerin. Derlei Gedanken trug Herold mit sich herum. Er war in den dreißig Jahren als Pensionist, die den aktiven dreißig Jahren folgten, ein Kriminalphilosoph geworden, ein freundlich grübelnder Weltverbesserer. Und immer mehr sah er so aus, als sei es ihm doch noch gelungen, halbwegs Frieden zu schließen mit denen, die seine Gegner waren - mit der RAF einerseits, und mit der Öffentlichkeit von damals andererseits, die ihn zum Gottseibeiuns gemacht hatte. Kurz vor seinem 94. Geburtstag und nach dem Tod seiner Frau, die er jahrelang hingebungsvoll gepflegt hatte, brach Herold aus aus seinem Rosenheimer Gefängnis und zog wieder in seine Heimatstadt Nürnberg. Es war seine Heimkehr.

In seinen späten Rosenheimer Jahren verabredete sich Horst Herold alle paar Monate mit dem früheren Münchner Polizeipräsideneten Manfred Schreiber im Münchner Spatenhaus, links hinten am Tisch in der Nische. Der Autor dieser Zeilen durfte dabei sein bei diesem Mittagskrimi mit Knödeln. Auf der Speisekarte stand gefüllter Kalbsbraten und auf der Tagesordnung die innere Sicherheit. Schreiber trieb bei dieser Gelegenheit seinen Freund Herold mit Fragen und Sticheleien zu kriminalistischen Höhenflügen; er nahm ihn, dann und wann, mit freundschaftlichem Spott auch ein wenig auf den Arm. Dann lachten die beiden wie die Buben. Diesen kleinen Stammtisch der großen Kriminalisten gibt es nicht mehr. Manfred Schreiber ist schon im Mai 2015 gestorben. Jetzt folgte ihm sein Freund in den Tod. Horst Herold ist am Morgen des 14. Dezember, nach kurzer schwerer Krankheit, wenige Wochen nach seinem 95. Geburtstag in Nürnberg gestorben.

RAF Tage des Terrors Bilder

Deutscher Herbst 1977

Tage des Terrors

In der Nacht auf den 18.10.1977 begehen im Gefängnis Stuttgart-Stammheim die drei RAF-Terroristen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jean-Carl Raspe Selbstmord. Auf die Todesnacht von Stammheim folgt die Ermordung von Hanns Martin Schleyer. Der Deutsche Herbst ist auf seinem Höhepunkt angelangt. Eine Chronik in Bildern.