Hongkong Anführer der "Regenschirm-Bewegung" verurteilt

Ein Demonstrant hält im Oktober 2014 einen Regenschirm vor dem Regierungssitz in Hongkong.

(Foto: dpa)
  • Anführer der "Regenschirm-Bewegung" in Hongkong sind wegen Aufwiegelung und zum Teil Verschwörung zur Störung der öffentlichen Ordnung schuldig gesprochen worden.
  • Sie wurden zu Haftstrafen von bis zu 16 Monaten verurteilt.
  • Die Verurteilten hatten 2014 für mehr Demokratie und eine größere Unabhängigkeit von China demonstriert.

Viereinhalb Jahre nach der "Regenschirm-Bewegung" für mehr Demokratie in Hongkong sind neun Anführer der damaligen Proteste schuldig gesprochen worden. Ein Gericht der chinesischen Sonderverwaltungszone verhängte die Urteile wegen Aufwiegelung und zum Teil wegen Verschwörung zur Störung der öffentlichen Ordnung. Unter den Verurteilten sind Abgeordnete des Parlaments, renommierte Akademiker sowie Studentenführer. Die verkündeten Strafmaße reichen von bis zu 16-monatigen Haftstrafen bis zu Bewährungsstrafen und Sozialstunden.

Der Prozess ist der bisher größte gegen führende Teilnehmer der prodemokratischen Bewegung, die 2014 Teile der asiatischen Wirtschafts- und Finanzmetropole wochenlang lahmgelegt hatte. Seit ihrer Rückgabe 1997 an China wird die frühere britische Kronkolonie nach dem Grundsatz "ein Land, zwei Systeme" autonom als eigenes Territorium regiert. Als Reaktion auf die Proteste hatte die kommunistische Führung in Peking aber die Zügel im Umgang mit Hongkong angezogen.

Politik Europäische Union Warum Europa die Rivalität mit China braucht
Internationale Beziehungen

Warum Europa die Rivalität mit China braucht

Zwischen Chinas Präsident Xi und dem Westen bahnen sich Konflikte an - es ist entscheidend, diese auszutragen. Denn es geht für Europa nicht nur um Aufträge, es geht um konkurrierende Menschenbilder.   Kommentar von Stefan Kornelius

Die Bewegung bekam ihren Namen von den Regenschirmen, die die Demonstranten gegen das Tränengas der Polizei und die brennende Sonne oder den Regen einsetzten, während sie 79 Tage lang friedlich wichtige Straßenzüge besetzt hielten. Der Juradozent Benny Tai, der Sozialwissenschaftler Chan Kin-Man und der Baptistenpfarrer Chu Yiu-Ming wurden wegen Verschwörung zur Störung der öffentlichen Ordnung verurteilt. Sie hatten damals die Bewegung "Occupy Central" gegründet und als Akt zivilen Ungehorsams zur Besetzung des Geschäftsdistrikts der Metropole aufgerufen.

Die Abgeordneten Tanya Chan und Shiu Ka-chun sowie der frühere Parlamentarier Lee Wing-tat, die Studentenführer Tommy Cheung und Eason Chung sowie Raphael Wong, Mitglied der prodemokratischen Liga der Sozialdemokraten, wurden in teils verschiedenen Anklagepunkten der Anstiftung zur Störung der öffentlichen Ordnung für schuldig befunden. Die Verhandlung vor dem Gericht von West Kowloon hatte im November stattgefunden. Da einige Abgeordneten länger als einen Monat ins Gefängnis müssen, werden sie wohl ihren Parlamentssitz verlieren.

Der Prozess stieß auf scharfe Kritik von internationalen Menschenrechtsgruppen wie Amnesty, die vor "einschüchternden Auswirkungen" auf die freiheitliche Gesellschaft Hongkongs warnten. Anders als die Menschen in der Volksrepublik China genießen die sieben Millionen Hongkonger vergleichsweise große Rechte wie Presse-, Meinungs- und Versammlungsfreiheit, obwohl die Metropole seit 1997 unter chinesischer Souveränität steht.

Prozess begann erst Jahre nach den Demonstrationen

Die Strafverfolgung gegen die Anführer der Bewegung begann erst mit erheblicher Verspätung. Nur einen Tag nachdem ein Peking-treues Wahlkomitee die neue Regierungschefin Carrie Lam im März 2017 ausgesucht hatte, war Anklage erhoben worden. Die Demonstranten hatten sich damals auch an diesem Auswahlprozess gestoßen und das Recht gefordert, ihre politischen Führer und das Parlament in wirklich freien Wahlen selbst bestimmen zu dürfen.

In der Folge der Proteste 2014 waren stattdessen Aktivisten und politische Parteien, die mehr Selbstbestimmungsrechte oder sogar die Unabhängigkeit für Hongkong gefordert hatten, verboten worden. Viele wurden auch daran gehindert, bei den ohnehin nur begrenzten Wahlen in der Sonderverwaltungszone anzutreten.

Zwar stellt das seit 1997 geltende Grundgesetz in Hongkong die direkte Wahl des Regierungschefs zumindest in Aussicht, doch beharrt Peking darauf, dass die Kandidaten vorher einen strengen Auswahlprozess durchlaufen müssen. Dabei ist die Loyalität zu Chinas Führung das entscheidende Kriterium.

Politik Europäische Union "Die Zeit der Naivität ist vorbei"

EU-Verhältnis zu China

"Die Zeit der Naivität ist vorbei"

Monatelang haben EU-Experten an einer Strategie gegenüber China gefeilt, jetzt bezeichnen sie die Großmacht erstmals als "Systemrivale". Der Bericht legt Europas Schwächen schonungslos offen.   Von Matthias Kolb