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Proteste:"Die Regierung verhindert Widerstand"

Wann die Vorteile für viele Hongkonger aufhörten zu überwiegen, ist schwer zu sagen. Vielleicht fing es 2015 an, als die chinesische Regierung einen schwedischen Verleger aus Thailand entführen ließ. Vor seinem Verschwinden hatte er einen Verlag in Hongkong geleitet, in dem chinakritische Bücher erschienen. Später tauchte er in Festlandchina auf, wo er im Staatsfernsehen ein erzwungenes Geständnis ablegte - bevor er wieder verschwand. Vielleicht begann es vor Monaten, als Hongkongs Regierung das Visum eines britischen Korrespondenten nicht mehr verlängerte, der eine Diskussionsveranstaltung mit dem Vertreter einer Splitterpartei organisierte, die sich für die Unabhängigkeit Hongkongs einsetzt. Die Presse in Hongkong steht seit langem unter Druck. Viele Zeitungen sind von prochinesischen Unternehmern aufgekauft worden. Freie Medien werden gegängelt und bedroht. Die De-facto-Ausweisung des Briten war trotzdem ein Novum.

Vielleicht war es aber auch erst am vergangenen Sonntag, als eine Million Menschen auf die Straße gingen, um für ihre Freiheit zu kämpfen. Und ihre Regierungschefin sie erneut übergehen wollte - eine Million Menschen, jeden siebten Bürger der Stadt. Sicher ist: Als die Studenten 2014 für Wochen die Innenstadt Hongkongs blockierten, ging es ihnen um den Status quo, um mehr demokratische Mitbestimmung, um freie Wahlen. Das ist dieses Mal anders.

Studenten wie Rachel geht es nicht um neue Freiheiten - sie wollen Hongkong retten. Und damit meinen sie, was davon noch übrig ist. Festlandchina mit seinen Überwachungskameras und der Internetzensur ist für sie ein fremder, ein toxischer Ort, der schleichend ihre Stadt vergiftet. "In China verhindert die Regierung Widerstand, noch bevor er in den Köpfen der Menschen entstehen kann", sagt sie mit Abscheu in der Stimme. Niemals solle Hongkong, ihre Heimat, so werden. Selbst wenn es dafür Gewalt bräuchte, sagt die junge Hongkongerin in dieser Nacht: "Wir kämpfen, solange wir können."

Als sie am Mittwochmorgen mit Kommilitonen zu den Demonstranten aufbrach, ahnte sie nicht, was sie in den nächsten Stunden erleben würde. Sie trug nur Jeans und ein Shirt, als würde sie zu einer Vorlesung gehen. Die Schutzkleidung hat sie von Freiwilligen geschenkt bekommen, als die Tumulte ausbrachen. Der Hongkonger Kommissar Stephen Lo wird am nächsten Morgen bei einer Pressekonferenz erklären, dass die Polizisten zu einem gewissen Zeitpunkt keine andere Wahl mehr gehabt hätten, als zu eskalieren: "Das Verhalten der gewalttätigen Protestierenden stellte eine ernsthafte Gefahr für die öffentliche Ordnung dar", sagt er.

150 Tränengaspatronen, Gummigeschosse und sogenannte Beanbags, eine Schrotmunition, die den Getroffenen nicht töten soll, schoss die Polizei auf die Demonstranten. Ein Team von Sanitätern, das in der Nacht zu Donnerstag in der Nähe des Regierungsviertels unterwegs ist, berichtet von schweren Verletzungen. Sie haben sich mit Klebeband ein rotes Kreuz auf den Arm geklebt und halten nach Demonstranten Ausschau, die Hilfe brauchen.

Einer der jungen Sanitäter weint. "Ich bin so enttäuscht von dem, was heute passiert ist", sagt er. In einem improvisierten Lager haben sie unter Regenschirmen Nachschub gestapelt: Mullbinden, Kochsalzlösungen, Wasser. Sie haben den Tag über Demonstranten versorgt, die durch das Gas kurzzeitig erblindet waren, sich Schürfwunden oder Gehirnerschütterungen zugezogen haben. Viele der Protestierenden haben Schocks erlitten - mitten im Viertel Admiralty. Dort, wo sonst Banker arbeiten und Stars beim Shoppen abgelichtet werden. Unter den Demonstranten sind auch viele Schüler.

Selbst ihre Partei warnt die Regierungschefin davor, an dem Abkommen festzuhalten

Teilweise Kinder, 14 und 15 Jahre alt. Drei Tage nach den schweren Krawallen versuchen die Menschen in der Stadt immer noch zu verstehen, was passiert ist. Die Zahl der Verletzten ist seit Mittwoch auf mindestens 81 Menschen gestiegen, 22 davon Polizisten. Es war das erste Mal seit der prodemokratischen Proteste der Regenschirmbewegung vor fünf Jahren, dass die Hongkonger Polizei Tränengas einsetzte. Der Hongkong-Direktor von Amnesty International, Man-Kei Tam, verurteilte den Einsatz der Munition gegen friedliche Demonstranten. Die Menschenrechtsgruppe warnte, das Vorgehen der Polizei werde die Spannungen weiter befeuern "und dürfte eher zu weiterer Gewalt beitragen, statt sie zu beenden". Das Verhältnis zwischen Bürgern und den Behörden habe massiv gelitten, sagt der Vizevorsitzende der Arbeiterpartei, Fernando Cheung Chiu-hung. Elf Menschen hat die Hongkonger Polizei inzwischen festgenommen.

Trotz des massiven Widerstands ist bisher nicht klar, ob die Hongkonger Regierungschefin an dem Gesetz festhalten wird. Medienberichten zufolge, könnte Carrie Lam das Gesetz verschieben. Aus Lams Sicht waren die Massenproteste ein "Aufruhr", der "eindeutig organisiert" gewesen sei. Eine Formulierung, die bei der Verhaftung von Demonstranten höhere Strafen zu Folge haben könnte.

Auch wenn Peking und die staatliche Festlandpresse eine ähnliche Theorie verbreiten, scheinen sich selbst ihre Kollegen aus dem prochinesischen Lager in Hongkong nicht mehr öffentlich zu ihr bekennen zu wollen. "Lam hat ihr politisches Überleben an den Posten geknüpft", sagte ein Abgeordneter der Demokratischen Partei noch vor Mittwoch im Gespräch mit der SZ. Eine Gruppe ehemaliger hoher Regierungsbeamter forderte in einem Brief am Freitag die Regierungschefin auf, nicht eine Konfrontation zu erzwingen, indem sie das Gesetzgebungsverfahren weiter vorantreibt. Ein hoher Beamter bezeichnet ihre Weigerung einzulenken als "Wahnsinn." Für den Sonntag sind wieder Proteste angesagt. Auf der Ankündigung dazu heißt es: "Hongkong ist nicht China - noch nicht."

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