Hongkong Eine unerhörte Idee

Jugendliche Aktivisten der pro-demokratischen Hongkonger Partei Demosisto bei einer Wahlkampfveranstaltung vor den Parlamentswahlen am Sonntag.

(Foto: Jerome Favre/dpa)

Pekings Eingriffe in die Freiheiten von Hongkong haben den Frust der Jungen geschürt. Vor den Wahlen fordern manche nun die Unabhängigkeit.

Von Kai Strittmatter, Peking

Eigentlich ist die Idee völlig abwegig. Und trotzdem reden alle darüber. Ein unabhängiges Hongkong. Hongkong ist das Anhängsel unten am Bauch Chinas, offizieller Status: Sonderverwaltungszone der Volksrepublik China. Eine "Farce" nennt Pekings Nationalistenblatt Global Times die Debatte über die Unabhängigkeit, aber auch die Realisten unter Hongkongs Demokraten bleiben auf dem Teppich: "Wir essen das Essen aus China, wir trinken das Wasser aus China", sagt Emily Lau, Vorsitzende der Demokratischen Partei. "Wie um alles in der Welt wollen wir da unabhängig werden?" Hongkong wählt am Sonntag ein neues Stadtparlament, auch deshalb wogt die Debatte mit großer Leidenschaft.

Hongkongs Basic Law, das Grundgesetz der Stadt seit der Rückkehr nach China 1997, beschreibt Hongkong als "unveräußerlichen Teil" der Volksrepublik. Und die KP in Peking wacht mit Argusaugen darüber, dass die Stadt sich keinen Millimeter entfernt von China. Im Gegenteil: Sie zieht Hongkong von Jahr zu Jahr ein Stückchen näher an sich heran. Und das ist wohl das Problem. Die Hongkonger sind zutiefst erschrocken darüber, wie ungeniert Peking seine Versprechen bricht, die es den Hongkongern 1997 gegeben hat: 50 Jahre Autonomie hatte die KP damals den besorgten Bürger versprochen, der Slogan hieß "ein Land, zwei Systeme". Jetzt sind noch nicht einmal zwanzig vergangen - und Chinas Eingriffe in die Freiheiten der Stadt haben ein solches Ausmaß angenommen, dass sich Furcht und Trotz vor allem unter den Jungen Bahn brechen. Da ist zum Beispiel Edward Leung, der Prominenteste unter denen, die nun Aufsehen erregen. Eben noch Student der Philosophie, mit einem Mal mitten in der Politik. "Wir wollen ein demokratisches Hongkong und haben erkannt, dass das unter chinesischer Herrschaft nicht möglich ist", sagt Leung. "Also wollen wir die Unabhängigkeit."

Noch vor zwei Jahren wären solche Sätze den Menschen in Hongkong unerhört vorgekommen. Komplett verrückt. Die Mehrheit haben Leung und seine Gesinnungsgenossen natürlich auch heute nicht auf ihrer Seite. Sie sind die Radikalen. Aber das Erstaunliche ist: Plötzlich hören ihnen alle zu. Sie bestimmen die Debatte. Es ist viel passiert in den letzten Jahren.

Der größte Schock war die Entführung von fünf Hongkonger Buchhändlern

Die Liste der Klagen ist lang. Da ist der unbeliebte Regierungschef, Leung Chun-ying, reich geworden im Immobiliengeschäft. In der Stadt gilt es als offenes Geheimnis, dass Leung ein verdecktes Mitglied der Kommunistischen Partei ist. Die Regenschirm-Revolte vor zwei Jahren, bei der die Hongkonger für echte freie Wahlen auf die Straßen gingen, ließen er und die Machthaber in Peking an sich abgleiten, nicht einen Millimeter kamen sie den Hongkongern entgegen: Hongkongs Wahlregeln sind so gestaltet, dass am Ende stets die Pekingtreuen gewinnen. Die Frustration in der Stadt ist seither noch gewachsen. Plötzlich bestimmen Pekingfreunde die Besetzung der Universitätsdirektionen. Auch mischt sich die Regierung ein in die Arbeit der Unabhängigen Kommission gegen Korruption ICAC, die unangenehme Untersuchungen gegen Leung und seine Freunde angestoßen hatte. Kritische Journalisten wurden gefeuert, unabhängige Zeitungen von chinesischen Konzernen aufgekauft. Bis heute der größte Schock war die Entführung von fünf Hongkonger Buchhändlern und Verlegern durch chinesische Sicherheitsbeamte. Einer von ihnen war offenbar auf Hongkonger Territorium gekidnappt worden.

Einen "schamlosen Bruch des Basic Law" nennt das nicht nur die respektierte Anson Chan, einst Verwaltungschefin der Stadt. Zum Zeitpunkt der Machtübernahme durch China 1997 war sie die Nummer Zwei, ihre Präsenz ganz oben in der Führung sollte die Hongkonger beruhigen. Ihre Rede diesen Dienstag war ein dramatischer Weckruf: "Unsere Werte und Freiheiten werden unterwandert", sagte sie. Und: "Nie stand mehr auf dem Spiel." Auch Emily Lau von der Demokratischen Partei spricht von "den dunkelsten Stunden seit 1997". Beide machen Peking selbst und die zunehmenden Angriffe auf die Autonomie der Stadt verantwortlich für "die Frustration der Jugend", wie es Chan ausdrückte. Die Idee eines unabhängigen Hongkong hat sich in den Worten der lokalen South China Morning Post seither "verbreitet wie Krebs: Was einst das Gebrabbel von Verrückten war, hat mit einem Mal einen Platz an den Universitäten und Schulen". In einer Umfrage der Chinesischen Universität Hongkong vom Juli gaben 17 Prozent aller Befragten an, Hongkong solle sich von China trennen - unter den 15- bis 24-Jährigen waren es sage und schreibe 40 Prozent.

Die Regierung wollte es Hongkonger Lehrern nun verbieten, im Unterricht das Thema Unabhängigkeit diskutieren zu lassen. Der Student Edward Leung und fünf andere Kandidaten, die offen für ein unabhängiges Hongkong eintraten, wurden von den Wahllisten für Sonntag gestrichen. Bessere Werbung hätten sie sich nicht wünschen können. "Ja, wir sind eine Minderheit", sagte Leung hernach. "Aber wir wachsen. Und wir sind die Generation der Zukunft."