bedeckt München 27°

Homosexuelle in Russland:Präsident Putin geht mit Schwulenhass auf Stimmenfang

Die Homophobie in der Bevölkerung nützt laut Adrianowa vor allem einem: Präsident Putin. "Durch die riesigen Demonstrationen nach den letzten Wahlen hat er Angst bekommen", sagt sie. Die Aktivistin glaubt: "Er brauchte ein gemeinsames Feindbild, um schnell möglichst viele Wähler auf seine Seite zu ziehen. Mit der Diskriminierung von Homosexuellen war ihm Unterstützung aus der Bevölkerung praktisch sicher."

Die Konsequenzen des neuen Gesetzes spürt die Organisation jeden Tag. Als die Aktivisten für ihr jährliches Kulturfestival einen Veranstaltungsort suchten, mussten sie fast 60 Anfragen schreiben. Und auch eine Zusage heißt nicht, dass alles glatt laufen wird. Vor drei Jahren sagte der Leiter des Ausstellungszentrums am Abend vor der Eröffnung ab - vermutlich auf staatlichen Druck hin. "Wir müssen immer einen Plan B, C, D und E haben", sagt Adrianowa. "Das zehrt an den Nerven."

Zutritt zur eigenen Verurteilung verwehrt

Im Juni wurden sowohl die Organisation als auch ihre Vorsitzende Anna Anisimowa schuldig gesprochen, sich nicht als sogenannte "ausländische Agenten" registriert zu haben. Dies verlangt seit einem Jahr ein umstrittenes Gesetz, wenn Aktivisten Geld aus dem Ausland erhalten. Insgesamt 800.000 Rubel, mehr als 18.000 Euro, Strafe sollte "Coming Out" zahlen. Am Tag der Urteilsverkündung blockierten nach Angaben der Organisation etwa 30 Nationalisten den Eingang des Gerichtsgebäudes, ihr Anwalt konnte erst mit einiger Verzögerung in den Saal.

Vor Kurzem hob das Gericht nun die Verurteilung von Anisimowa auf. Das Revisionsverfahren gegen die Organisation steht noch aus. Trotzdem bleibt Aktivistin Adrianowa skeptisch: "Es gibt in Petersburg zwei Organisationen, die unter dem Ausländische-Agenten-Gesetz verurteilt wurden. Beide setzen sich für Homosexuelle ein."

"Coming Out" hat Konsequenzen aus der Verurteilung gezogen und stellt die meisten ihrer öffentlichen Aktionen vorerst ein. Durch die Kampagnen macht die Gruppe sich strafbar, und mit einer erneuten Verurteilung riskiert sie, drei Monate lang verboten zu werden. Dann müsste sie ihre kostenlosen psychologischen und juristischen Beratungen stoppen - doch die seien der Kern ihrer Arbeit, sagt Adrianowa. "Wichtiger als Lobbyismus ist die Unterstützung der Betroffenen." Die Aktivisten begleiten Schwule und Lesben auf ihrem Weg, sich zu outen, ihr Büro ist ein Treffpunkt: "Die Menschen brauchen einen Ort in Sankt Petersburg, an dem sie sie selbst sein können."

Ausweg: Auswandern

Besonders für gleichgeschlechtliche Familien mit Kindern ist jeder Tag ein neues Risiko. Durch das Propaganda-Gesetz kann der Staat den Paaren ihre Kinder wegnehmen, egal ob sie adoptiert sind oder eigene. "Uns erreichen so viele Anfragen zum Thema Auswandern oder Asyl wie nie zuvor", sagt Adrianowa. "Die Leute wollen wissen, in welchen Ländern sie sicher sind. Sie wollen einfach weg."

Auch die lesbische Journalistin Masha Gessen hält ein Leben in Russland für zu gefährlich. In einem Beitrag für die britische Zeitung The Observer beschreibt sie ihre Angst, wenn jeder Tag bedeuten kann, die eigenen Kinder zum letzten Mal zu sehen. Jetzt zieht die russisch-amerikanische Autorin nach New York. Sie ist sich ihrer Ausnahmestellung bewusst: "Wir verfügen über die nötigen finanziellen Mittel und Papiere, um relativ einfach umzuziehen. Tausende andere homosexuelle Familien und Personen haben dies nicht."