Homosexualität im Nahen Osten Doppelmoral und Doppelleben

Will man verstehen, warum der Alltag für Homosexuelle in der arabischen Welt so schwer ist, muss man an die Orte gehen, die den Alltag prägen: die Moscheen. Es ist Freitag, in die Zahra-Moschee im Osten von Damaskus strömen die Gläubigen. Gut 4000 Menschen sind gekommen und lauschen der Chutba, der Freitagspredigt von Imam Muhammad Habash. Er spricht dieses Mal von der Stärke der Familie, von der Schönheit der Ehe und er spricht oft von "tadschdid", der Erneuerung des Glaubens. Habash ist Leiter des Zentrums für islamische Studien in Damaskus sowie Abgeordneter im syrischen Parlament. Er gehört zu den führenden religiösen Instanzen des Landes, seine Vorstellung vom Islam gilt als besonders liberal.

André heißt eigentlich Muhammad. So wollte es der Vater - ein gläubiger Muslim. Aber André distanziert sich von der Religion seines Vaters. Auf der Suche nach seiner Identität spielt die Herkuft seiner Mutter eine große Rolle. Sie kommt aus Armenien und ist Christin.

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"Der Islam verbietet keine neuen Ideen", sagt Habash. Erneuerung und Interpretation des Korans seien wichtig für die muslimische Gesellschaft: "Es gibt mehr als einen Weg zu Gott, konservatives Denken hilft uns im Glauben nicht weiter." Doch fragt man den Imam, wie die Erneuerung aussehe, dann kommt wenig. Lautsprecher am Minarett, Plasmafernseher bei der Predigt, das sei Erneuerung, Freiheit.

Und Sex? Gleichgeschlechtlich, vorehelich? "Nun", sagt Habash, "es gibt keine Freiheit ohne Grenzen". Aber kann man schwul und Muslim sein? Die Frage versteht er nicht; was sei denn "schwul", fragt Habash, als kenne er das Wort nicht. Dann sagt er: Ein guter Muslim und Homosexualität, das gehe nicht zusammen. Wer schwul sei, dem müsse geholfen werden, "sich zu korrigieren". Wer an Gott glaube, müsse seinen Regeln folgen - und was Sex angeht, so seien die ziemlich streng, sagt Habesh. Dabei thematisiert der Koran Homosexualität nur am Rande und nennt sie "unnatürlich". Eine Passage zur Bestrafung gleichgeschlechtlicher Liebe sucht man vergeblich.

"Es ist diese schreckliche Gesellschaft, nicht der Koran", sagt die Schwester und nestelt an seinem Hüfttuch. Die Schwester ist ziemlich dick, hat Haare auf dem Rücken und ein türkisfarbenes Handtuch zu einem Turban geknotet. Sie ist eine Orientversion von Dirk Bach, schrill, lustig, laut. Und sie ist der Star im Hammam al-Dschadid, dem "neuen" Hammam. Das Badehaus ist die inoffizielle Adresse für Schwulensex in Damaskus. Unweit der Altstadt in einer kleinen Gasse versteckt, sieht der Hammam zunächst unverdächtig aus: ein Springbrunnen im Innenhof, ein Präsidentenportrait an der Wand. Doch geht man in die Dampfräume, wandelt sich die Welt. "Huuuh, heut' ist mein Geburtstag", ruft die Schwester. "Du hast hier drin jeden Tag Geburtstag", antwortet ihm ein Chor aus Männern.

"Diese Gesellschaft hier macht dich kaputt"

Wer sich in dem Hammam verabreden will, kneift den anderen in den Hintern oder in den Schritt, dann geht es ab in einen kleinen Nebenraum. Das Pärchen hängt seine Hüfttücher in die offene Tür, wenn es ungestört bleiben will. Die Schwester hat sich einen filigranen Burschen geschnappt und beide stehen küssend neben einer Kabine.

Auch André* ist öfter hier, obwohl er sagt, der Hammam sei eine Welt der Doppelmoral. "Es gibt wahnsinnig viele Schwule in Damaskus", sagt er, "aber die meisten wollen einfach nur schnellen Sex". André aber will lieben. Doch wie findet man einen Freund, wenn der im "wirklichen Leben" eine Frau und drei Kinder hat? "Weißt du, diese Gesellschaft hier macht dich kaputt", sagt der 23-Jährige.

"Du brauchst sehr viel Selbstbewusstsein, um hier als Schwuler klarzukommen", sagt Rabih Maher. Er ist Mitarbeiter bei Helem, der einzigen offiziellen Schwulen- und Lesben-Organisation im Nahen Osten. Die Büros von Helem verstecken sich in einem heruntergekommenen Gebäude in Beiruts Stadtteil Hamra. Einschusslöcher aus dem Bürgerkrieg kleben wie Kaugummis an den Fassaden der Häuser, in der Nachbarschaft eröffnen Szenecafés und Kneipen. Beirut ist, anders als Kairo oder Damaskus, sehr viel offener in Sachen Sexualität. Es ist der Hauptanlaufpunkt für Schwule im Nahen Osten und "gerade deshalb kann unsere Organisation auch nur hier funktionieren", sagt Maher.

Der 30-Jährige ist selbst schwul und weiß, mit welchem Problem die Jugendlichen im Nahen Osten kämpfen: "Familie, Familie und nochmals Familie." Die sicherste Lösung, Ärger zu vermeiden sei, "sich erst mal von der Familie zu lösen und unabhängig zu werden." Maher selbst habe mehrere Jahre nicht mit seinen Eltern reden können. Erst spät hätten beide akzeptiert, wer er wirklich sei.

Doppelleben als Schutz

André ist Armenier, doch im Pass heißt er Muhammad, weil der Vater Muslim ist. Und weil auch der Sohn ein guter Muslim werden soll. Seit zwei Jahren studiert er Französisch an der Universität Damaskus. Hier hat André eine große Gruppe an schwulen und lesbischen Freunden kennengelernt, aber er muss sich auch immer wieder vor Hetero-Freunden verstellen. "Ui, was für ein geiler Arsch, sage ich dann, wenn wir irgendwo unterwegs sind und Mädels hinterher schauen." Wer in arabischen Ländern ein Doppelleben führt, wird von den Autoritäten meist in Ruhe gelassen.

"Solange alles schön traditionell wirkt, ist jeder zufrieden", sagt André, "was dann unter dem Tisch passiert, interessiert keinen". Und in Damaskus passiere viel "unter den Tischen". Neben dem Schwulen-Hammam gibt es Kinos, Clubs und Parks, meist neben Hotels die keine Fragen stellen, in denen sich die Homosexuellen der Stadt treffen können. "Und es gibt immer wieder Privatpartys", sagt André. Doch seit zwei seiner Freunde festgenommen wurden, ist er vorsichtiger geworden und geht nicht mehr auf jede Feier. "Die Polizei interessiert sich eigentlich nicht für uns - aber hin und wieder muss sie wohl ein Exempel statuieren".

Auch in Kairo trifft sich die Szene auf Privatpartys. Zum Beispiel in der Wohnung eines Deutschen im Stadtviertel Dokki. Der Abend verläuft entspannt, nur der Alkohol geht irgendwann aus. Die letzten Dosen Bier befinden sich in den Händen der Gäste. Ein Junge im engen schwarzen T-Shirt umrundet den Küchentisch und durchforstet den Wald aus Flaschen nach den letzten Resten Alkohol. Die meisten der ungefähr 50 jungen Männer feiern ungestört weiter und tanzen im Wohnzimmer zu einem Lied von Shakira. Viele haben von Freunden per SMS von der Party erfahren. So groß die Stadt auch ist, die Schwulenszene ist überschaubar. Man kennt sich.

Die ohnehin schon große Hitze in Kairo verwandelt das Apartment innerhalb kurzer Zeit in eine Sauna. Einer der Feiernden zieht sein T-Shirt aus, andere verschaffen sich auf dem Balkon Abkühlung. Dass unten zwei Polizeibeamte vorbeilaufen und nach oben schauen, besorgt sie nicht. "Die machen doch eh nichts", sagt ein Junge. "So lange wir uns hier draußen nicht küssen, ist es einfach nur eine Party mit vielen Männern." Er winkt den Polizisten mit seiner Bierdose in der Hand zu. "Schau, das hier ist Privatgelände, hier darf ich sogar Alkohol trinken."

"Als schwuler Ausländer habe ich hier keine Probleme", sagt der deutsche Gastgeber. Es ist nicht die erste Party, die er veranstaltet. Die Polizei sei sogar schon ein paar Mal zu ihm nach oben gekommen. "Dann drücke ich ihnen 100 Gineh, das sind etwa zwölf Euro, in die Hand und sie gehen wieder." Landesverweis sei das Schlimmste, was man als weißer Europäer erwarten könne. Verfolgt und eingesperrt werden die ägyptischen Jungs.