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Homophobie:"Die Lesbenfeindlichkeit nimmt zu"

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In Irland feierten Paare die Einführung der Ehe für alle im Jahr 2015 ausgelassen. Auch in Deutschland können Homosexuelle inzwischen heiraten - doch die Diskriminierung hat damit nicht aufgehört.

(Foto: Aidan Crawley/dpa)

Laut einer neuen Studie zeigen homosexuelle Frauen Beleidigungen und Übergriffe nur selten an. Expertin Ina Rosenthal erklärt, woran das liegt und wie sie selbst auf einen Übergriff im Sommer reagierte.

Interview von Thomas Balbierer

Laut einer neuen Studie aus Berlin gehen homosexuelle Frauen nur selten zur Polizei, wenn sie wegen ihrer sexuellen Orientierung beleidigt oder angegriffen werden. Das legt die erste Ausgabe des Monitorings trans- und homophober Gewalt im Auftrag der Berliner Landesstelle für Gleichbehandlung und gegen Diskriminierung nahe, die der SZ vorliegt. Zwischen 2010 und 2018 gingen in der Bundeshauptstadt laut polizeilicher Statistik nur 16 Prozent der angezeigten Fälle auf Frauen zurück - ein Widerspruch zur tatsächlichen Betroffenheit, heißt es in der Kurzfassung der Studie.

Über die Gründe dafür spricht Ina Rosenthal, sie leitet den Verein Rad und Tat, eine der ältesten lesbischen Initiativen in Berlin, und ist geschlechterpolitische Sprecherin der Berliner Grünen. Rosenthal ist mit einer Frau verheiratet und kämpft dafür, dass Lesbenfeindlichkeit nicht länger hingenommen wird. Im Sommer wurde die 52-Jährige selbst Opfer eines homophoben Übergriffs.

SZ: Frau Rosenthal, im Sommer wurden Sie in Berlin Ziel eines lesbenfeindlichen Angriffes. Was ist passiert?

Ina Rosenthal: Es war der Tag des Christopher Street Days in Berlin und ich wollte vor dem Haus unseres Vereins ein Statement zur lesbischen Sichtbarkeit in der Corona-Krise abgeben. Nachdem wir die Kamera aufgebaut hatten, versammelten sich schon die ersten Schaulustigen. Ich begann zu sprechen, und dann liefen drei junge Männer durchs Bild. Sie haben angefangen, uns zu beschimpfen. Einer beleidigte mich als "scheiß Lesbe" und sagte "Ich hau' dich kaputt". Dann bauten sie sich hinter mir auf, um ganz bewusst unsere Drehaufnahmen zu stören. Wir versuchten zu deeskalieren, doch sie blieben einfach stehen und blockierten unsere Arbeit, das ging etwa eineinhalb Stunden so. Immer wieder beschimpften sie den Kameramann und mich und drohten mit Gewalt.

Wie haben Sie reagiert?

Erst blieb ich ganz gelassen und dachte, dass sie gleich weitergehen und wir weitermachen können. Was mich dann immer mehr verstört und verärgert hat, war dieses bewusste Blockieren. Wir haben dreimal mit der Polizei telefoniert, irgendwann kamen dann zwei Streifenwagen und ich habe die Männer angezeigt. Einer ist abgehauen, ein anderer ging auf mich los und sagte, ich müsse mich bei ihm entschuldigen, denn ich hätte ihn diskriminiert. Da musste die Polizei dazwischen gehen. Was mich aber wirklich hilflos zurückgelassen hat: Die haben sich im Recht gefühlt und zeigten keine Spur von Unrechtsbewusstsein. Es standen mehrere Leute näher dran und keiner hat eingegriffen - das hat mich schockiert. Warum verstummen Menschen, wenn sie sowas sehen?

Nach dem Angriff veröffentlichten Sie ein Video, in dem sie sagten, es sei "definitiv Zeit, um über lesbenfeindliche Angriffe und Gewalt" zu reden. Haben Sie zuvor schon ähnliche Erfahrungen gemacht?

Ich habe in meinem Leben als lesbische Frau mehrfach Angriffe erlebt. In Köln kamen junge Männer in der U-Bahn mal mit einem Messer auf mich zu, da fühlte ich mich körperlich sehr bedroht. Zum Glück war damals eine Frau an meiner Seite, die Polizistin war. Wäre ich allein gewesen, wäre das wohl anders ausgegangen. In Frankreich sperrten mir mehrere Männer einmal den Weg ab und machten Vergewaltigungsandrohungen: Küss mich oder Du kommst hier nicht durch. Als lesbische Frau erlebt man solche Gewalt immer wieder. Aber wir können das nicht hinnehmen. Das ist Unrecht. Deshalb hat dieses nicht vorhandene Unrechtbewusstsein der jungen Männer in Berlin bei mir zu der Erkenntnis geführt: Jetzt reicht's. Wir müssen aufhören zu schweigen und laut darüber sprechen, was hier alltäglich passiert.

Sie haben als Leiterin einer Initiative für lesbische Frauen und geschlechterpolitische Sprecherin der Grünen in Berlin viel mit anderen lesbischen Frauen zu tun. Haben Sie das Gefühl, dass es eine latente Lesbenfeindlichkeit in der Gesellschaft gibt?

Ja, massiv. Die Lesbenfeindlichkeit nimmt zu. Vor der Pandemie hatte ich den Eindruck, dass es zu mehr Übergriffen und Beschimpfungen kam als noch vor fünf Jahren.

Ina Rosenthal Rad und Tat

Ina Rosenthal, 52, leitet den Berliner Verein Rad und Tat, eine Initiative lesbischer Frauen. Sie ist verheiratet und hat drei Kinder. Im Sommer wurde sie selbst zum Ziel homophober Gewalt.

(Foto: Caroline Walbuurg)

Woran liegt das?

Lesbische Frauen sind in der Öffentlichkeit noch immer unsichtbar und werden viel seltener als zum Beispiel schwule Männer erkannt. Was fremd ist, macht Angst und weckt Gewalt, Anfeindungen oder Befremdlichkeit. Wir müssen dafür sorgen, dass es normal wird, wenn lesbische Frauen Hand in Hand durch die Stadt gehen und sich küssen. Mir ist es zum Beispiel im Krankenhaus passiert, dass mich meine Ehefrau am Krankenbett besucht, eine Pflegerin in den Raum kommt und sagt: "Ach wie schön, dass Ihre Schwester Sie besucht." Ich sage dann: Nein, das ist meine Frau. Am nächsten Tag kommt dieselbe Pflegerin wieder in den Raum und sagt, dass meine Schwester und ich uns sehr ähnlich sähen. Man nimmt oft nur das wahr, was man wahrhaben will. Dieses Muster müssen wir aufbrechen.

Laut einer neuen Studie aus Berlin entsteht homophobe Gewalt oft in der Öffentlichkeit und aus zufälligen Begegnungen heraus. Woher kommt dieser spontane Hass?

Menschen, die Homosexuelle auf der Straße angreifen, haben ja in der Regel keinen Kontakt zu lesbischen Frauen, schwulen Männern oder intersexuellen Personen. Sie tragen den Hass mit sich herum und wenn sie dann mal jemandem begegnen, entlädt sich das. Aber es gibt auch gezielte Gewalt, wenn Ladenlokale beschmiert, Glasscheiben zertrümmert oder Drohbriefe verschickt werden.

In der Studie heißt es auch, dass Frauen eher als Männer dazu neigen, homophobe Beleidigungen hinzunehmen. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Lesbische Frauen sind von Geburt an von mehrfacher Diskriminierung betroffen. Die weibliche Sozialisierung ist auch 2020 noch mehrheitlich von dem Bild geprägt: Frauen, die laut sind, sind hysterisch und unangenehm. Sei nicht laut, stell dich nicht so an, ist doch gar nicht so schlimm - diese Einstellung wird uns in die Wiege gelegt. Frauen wird beigebracht, nicht aufzufallen. Jetzt zu sagen: Seid bitte laut, emanzipiert euch und benennt das Unrecht, das euch geschieht - das ist ein langer Prozess.

In Berlin bringen überwiegend Männer homophobe Gewalt zur Anzeige bei der Polizei, zwischen 2010 und 2018 stammten laut Statistik nur 16 Prozent der Anzeigen von Frauen.

Nach meinem Facebook-Video habe ich von vielen Frauen den Satz gehört: Stimmt, da ist ein Unrecht geschehen. Aber viele Frauen empfinden es als Normalität, wenn ihnen zum Beispiel Besoffene auf einer Party die Tür versperren und einen Kuss als Zoll einfordern. Das wird gar nicht als Gewalt definiert, sondern hingenommen und entschuldigt: Mein Gott, der war halt besoffen und außerdem habe ich auf der Tanzfläche provokant getanzt. Das gehört in den Kontext der Selbstentschuldigung, die man übrigens auch bei heterosexuellen Frauen erlebt. Aber wir sollten unsere eigene Wahrnehmung - dass so ein Verhalten nicht in Ordnung ist - so ernst nehmen, dass wir es zum Beispiel auch zur Anzeige bringen. Das ist ein Ausdruck von Selbstermächtigung.

Wo fängt lesbenfeindliche Gewalt für Sie an?

Wenn mich jemand als "scheiß Lesbe" bezeichnet, finde ich das homophob. Das ist eine Beleidigung meiner Person aufgrund meiner sexuellen Identität. Wenn ich meine Frau küsse und deshalb von jemandem angegangen werde, ist das lesbenfeindliche Gewalt. Meistens vermischt sich das aber, ich habe schon das ganze Potpourri abbekommen: Homophobie, Sexismus, Antisemitismus.

In einem Artikel auf Zeit Online nach dem Übergriff appellierten Sie an lesbische Frauen, sich von der "Selbstdiskriminierung" zu emanzipieren. Was meinen Sie damit konkret?

Das ist für mich eine Frage der Zivilcourage. Wenn ich mich sichtbar mache, bin ich Vorbild. Lesbische Frauen tarnen sich zum Beispiel manchmal als Männer: Wenn sie nachts durch die Straßen gehen, nehmen sie einen anderen Schritt an, machen eine andere Gestik und verhalten sich so, dass sie als Mann gelesen werden, um gefährliche Situationen zu vermeiden. Das müssen wir hinterfragen, selbstbewusster zur eigenen Person stehen und auch selbstbewusster in der Öffentlichkeit auftreten. Dazu braucht es Mut und Solidarität. Wir müssen uns gegenseitig stark machen.

Was erwarten Sie von der Gesellschaft?

Dass nicht weggeschaut wird, wenn Menschen Unterstützung brauchen.

© SZ/bepe
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