Hommage an den kritischen SZ-Leser:Das Recht, sich aufzuregen

Die Leser sind mit Herz und Verstand bei der Sache, wenn sie auf Berichte in ihrer "Süddeutschen" reagieren. Für die Journalisten ist das eine ganz schöne Herausforderung.

Von christian mayer

Manchmal hat ein kurzer Brief große Wirkung, es reichen ein paar handgeschriebene Zeilen: "Diese Karte muss ich Ihnen schicken, nachdem ich soeben Ihr 'Schönes Wochenende' gelesen habe. Ich hoffe, Sie haben genauso viel Spaß daran wie ich", schreibt die Leserin aus dem niedersächsischen Nordhorn. Das Kunstwerk zeigt eine weißhaarige Dame, die mit ihrem Fahrrad um die Ecke biegt und dabei den Arm ausstreckt - das klassische, aber in Vergessenheit geratene Handzeichen, das man schon als Kind lernt. Wie die Radlerin da schräg in der Kurve hängt und von zwei männlichen Beobachtern ungläubig bestaunt wird, hat etwas von Slapstick. Das Beste aber ist: Die Illustration passt hundertprozentig zu einem kürzlich erschienenen Text von mir. Genau darum war es ja gegangen: um die Kunst des eleganten Abbiegens in Zeiten der allgemeinen Raserei.

Offenbar hat die Leserin genau verstanden, was ich gemeint habe, sie hatte das gleiche Bild vor Augen, eine Art Gedankenübertragung. Gibt es da etwa eine geheime neuronale Verbindung, die nur dann entsteht, wenn man sich schon länger kennt und einiges gemeinsam erlebt hat, gute und weniger gute Tage? Für viele ist die Süddeutsche eine Lebensbegleiterin: Man möchte sie auf gar keinen Fall missen, betrachtet aber manche Seiten an ihr durchaus mit Skepsis. Für die Journalisten wiederum sind solche persönlichen Reaktionen eine Bestätigung des eigenen Seins. Weshalb es nichts Schöneres gibt, als einen Zeitungsleser heimlich dabei zu beobachten, wie er sich in die Lektüre versenkt, möglicherweise sogar in den Artikel, den man selbst geschrieben hat. Dass er bloß nicht zu schnell umblättert oder, wenn er auf dem Smartphone liest, allzu rasch wegwischt!

Zum Glück hat die SZ viele Leserinnen und Leser, die ihre Sicht der Dinge an die Redaktion zurückspiegeln. Etwa 50 000 Zuschriften bekommt die Redaktion im Jahr (die Social-Media-Rückmeldungen nicht eingerechnet), zu nahezu jedem Thema, das man sich vorstellen kann, wobei Corona, Trump, Brexit, Bildung, Klimawandel, Mieten, Verkehrspolitik und soziale Gerechtigkeit dieses Jahr weit vorne liegen. Allgemein gilt: Je lokaler eine Geschichte, je näher an der eigenen Lebenswirklichkeit, desto größer ist das Interesse, aber auch der Widerspruchsgeist.

Viele Kollegen berichten von intensiven Dialogen mit Lesern, die eine Art Mitspracherecht einfordern. Roman Deininger zum Beispiel bekommt häufig böse Mails, wenn er mit der ihm eigenen Ironie über den bayerischen Ministerpräsidenten und andere CSU-Politiker berichtet. In diesen Fällen sucht der Autor gerne das direkte Gespräch und kann Missverständnisse ausräumen, "dann bleibt von der Wut oft wenig übrig", sagt er. Nur einmal hatte der Leserbriefschreiber nach einem Anruf Deiningers noch mehr Ärger. Denn seine Frau ging ans Telefon und war sauer, weil ihr Mann hoch und heilig versprochen hatte, keine Leserbriefe mehr zu schreiben. Es kommt auch vor, dass sich Bravorufe und Buhs beim SZ-Publikum ungefähr die Waage halten. Der Kollege Rudolf Neumaier erlebte das nach einer Seite-Drei-Geschichte über den Thermomix, ein Gerät, das manche Leser für Teufelszeug und andere für ein Küchenwunder hielten. Nach der Lektüre der etwa fünfzig Mails stand für Neumaier fest: Irgendwie hatte er den richtigen Knopf gedrückt bei seiner Geschichte, weil der Thermomix nicht nur Gemüse, sondern auch die Gemüter erhitzt - ein Beleg dafür, wie sehr sich die SZ-Leser für Themen aus ihrer Alltagswelt interessieren, auch für gutes und gesundes Essen, Genuss, Lebensart.

Bei Fehlern halten uns die Leser den Spiegel vor, oft auch auf humorvolle Weise

Egbert Tholl, Musik- und Theaterkritiker, kennt solche emotionalen Reaktionen, die er oft nach Rezensionen bekommt. "Einmal schickte mir eine Leserin nach einer Besprechung ein Foto, auf dem ihr Gesicht hinter einem großen Blumenstrauß verschwand - sehr vielsagend." Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt: Auf dieser Skala bewegt sich das Leser-Echo, wenn die SZ klar Position bezieht. Die Folge können dann aber auch allergische Reaktionen sein, bis hin zur feierlichen Ankündigung, jetzt sei aber mal Schluss, man werde bei nächster Gelegenheit das Abo kündigen - bei einem solchen Warnschuss ist dann diplomatisches Geschick gefragt. Ein Musikfreund beschwerte sich bei Tholl unlängst über eine Konzertkritik, musste dann auf Nachfrage aber einräumen, im Konzert gar nicht dabei gewesen zu sein. Aber eines könne er mit Sicherheit sagen: So wie der Rezensent den Abend beschreibe, könne es schlicht nicht gewesen sein. Vielleicht ist es besser, das dann einfach mal so stehen zu lassen.

"Es geht beim Zeitungslesen nie nur um Informationsgewinnung und freie Meinungsbildung, sondern auch um starke Gefühle. Um das Recht, sich aufzuregen", schreibt Michael Angele in seinem Essay "Der letzte Zeitungsleser", übrigens ein sehr empfehlenswertes Buch für alle, deren Leben ohne diese tägliche Lektüre ärmer und langweiliger wäre.

der kritische sz-leser
sz 75 jahre christian mayer

Diese Karte einer Leserin erreichte SZ-Redakteur Christian Mayer als Anerkennung für dessen Artikel - und freute ihn ungemein.

(Foto: OH)

Nicht wenige Journalisten glauben ja, dass sie unbedingt recht haben und die anderen, die das anders sehen, nur etwas begriffsstutzig sind - kurioserweise sind manche Leserbriefschreiber ähnlich von sich überzeugt. Wenn beide Seiten nur ein wenig aufeinander zugehen, entstehen die schönsten Debatten. Voraussetzung für einen echten Dialog ist allerdings ein respektvoller Umgangston. Mit wütenden Leser-Kommentaren kann man umgehen, sofern ein Mindestmaß an Höflichkeit gewahrt bleibt. Auf Hassmails oder persönliche Beleidigungen, wie sie im Netz leider üblich geworden sind, lohnt es sich meist nicht zu antworten.

Welche positive Wirkung die Anteilnahme der Leser andererseits entfalten kann, hat die Gerichtsreporterin Annette Ramelsberger erlebt. Fünf Jahre berichtete sie über den NSU-Prozess in München. Immer tiefer grub sie sich ein in die Details der rechtsradikalen Mordserie, während das Interesse der Öffentlichkeit mit der Zeit abnahm, eine durchaus zermürbende Erfahrung. Mut machten ihr die Leserinnen und Leser, die alles wissen wollten über den Prozess gegen Beate Zschäpe und ihre Mitangeklagten. "Mich haben die Zuschriften derjenigen sehr gerührt, die mich über Jahre beschworen haben, durchzuhalten und nicht aufzugeben - manche haben sich auch erkundigt, was mit mir los ist, wenn es mal zwei, drei Tage keine Berichte gab."

Cathrin Kahlweit ging es ähnlich: Nachdem sie als Korrespondentin für ihre Berichte aus der Ukraine und aus Ungarn mit heftigen Hass- und Drohmails teilweise dubioser Herkunft überschüttet worden war, änderte sich für sie mit dem Umzug nach London alles: Für ihre Seite-Drei-Geschichten über den Brexit, über Theresa May und Boris Johnson erhielt sie so viel Zuspruch und Lob von Lesern, "dass ich schon wieder fast mit allem versöhnt war", wie sie sagt.

Und dann gibt es noch die Leser, die ein untrügliches Gespür für Blödsinn haben. Wenn man schon etwas länger in dem Beruf ist, hat man im Eifer des Geschehens oft eine ganze Reihe von Fehlern gemacht, auf die man erst durch das kritische Auge von Lesern aufmerksam gemacht wurde. Ich selbst habe beispielsweise in einem Artikel über Weihnachtsbäume Kiefern mit Tannen verwechselt und in einem anderen Text Schallkanonen mit Schwallkanonen; ich habe die Theaterlegende Max Reinhardt mit Otto Falckenberg vertauscht und aus der Dresdner Bank versehentlich die Deutsche Bank gemacht, auch bei der Münchner Ortskenntnis war bei mir nicht immer alles zum Besten bestellt, etwa wenn es um die Grenzziehung zwischen Schwabing und der Maxvorstadt ging oder den Eisbach im Englischen Garten.

In all diesen Fällen persönlicher Schlamperei, die sonst meist schon in der Schlussredaktion auffällt, haben die Leser sofort reagiert. Sie haben den verdienten Rüffel erteilt und mir meine Unkenntnis vor Augen gehalten, einige sogar auf ziemlich humorvolle Weise. Peinlich ist das schon, aber man lernt ja auch von den Lesern - ein zweites Nadelbaum-Debakel passiert hoffentlich nicht mehr so schnell.

Klaus Ott hat als Investigativreporter der Süddeutschen Zeitung über viele Skandale in Politik und Wirtschaft geschrieben, zuletzt war er mit dem Fall Wirecard befasst. Bereits 2019 erschienen in der SZ zahlreiche Artikel über die immer dubioseren Vorgänge bei dem Dax-Unternehmen. Ein besonders aufmerksamer Leser aber blieb die ganze Zeit skeptisch. Er finde es "beschämend", dass sich die SZ "auf eine so billige Art und Weise an der Berichterstattung über angebliche Fehlentwicklungen bei der Wirecard AG" beteilige, teilte er Ott mit; aus diesem Grund sei die Zeitung für ihn gestorben.

Doch Ott ließ nicht locker, er blieb in ständigem Mailkontakt mit seinem Kritiker und verschickte die gesamte Wirecard-Berichterstattung auch an andere enttäuschte Aktionäre, die irritiert auf die Artikelserie reagiert hatten. Als dann das ganze Ausmaß des Skandals im Juni dieses Jahres offenkundig geworden war und der Aktienkurs endgültig in den Keller rauschte, bekam Ott eine überraschende Mail des Lesers: "Man muss auch eingestehen, wenn man einen Fehler gemacht hat, und aus diesem Grund möchte ich mich aufrichtig bei Ihnen entschuldigen ..."

Die Größe muss man erst mal haben. Man wünscht sich das auch selbst, als Redakteur: Einen Fehler einzugestehen ist nicht so einfach. Aber es kann sehr befreiend sein. Und es zeigt mal wieder: Wer die richtigen Leser hat, kann sich glücklich schätzen. Deshalb lohnt es sich auch, um jeden Einzelnen zu kämpfen.

© SZ vom 06.10.2020
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