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Holocaust-Überlebende Esther Bejarano:Rückkehr ins Land der NS-Verbrecher

Mit ihrem Mann Nissim und ihren beiden Kindern sind Sie 1960 aus Israel zurück nach Deutschland gekommen. Wie wirkte Ihre alte Heimat damals auf Sie?

Mir war am Anfang ganz schön mulmig zumute. Als ich den ersten Deutschen in Uniform sah, lief es mir kalt den Rücken runter. Wir sind ja aus Israel weg, weil ich die Hitze nicht gut vertragen habe und mein Mann nicht mehr in den Krieg ziehen wollte. Es war also nicht so, dass ich Deutschland so vermisst hätte. Aber nachdem auch Freunde uns von Hamburg vorgeschwärmt hatten, haben wir es gewagt.

Das war 1960, nur 15 Jahre nach Krieg. Da liefen noch viele Nazi-Verbrecher über die Straße.

Ich habe mich früher bei vielen älteren Leuten gefragt, was sie wohl vor 1945 getan haben.

Esther Bejarano

Vor den Schrecken des Holocaust: Esther Bejarano als junges Mädchen im Jahr 1938

(Foto: privat)

Sind Sie mal einem Menschen begegnet, der NS-Täter war?

Mein Hamburger Hausarzt Doktor Franz Bernhard Lucas kannte meine Geschichte. Er hat mich gedrängt, bei den Behörden gesundheitliche Schäden aus der Lagerzeit geltend zu machen. Er attestierte einige Sachen. Das hat mir geholfen, eine entsprechend höhere Rente zu beantragen. Hinterher stellte sich heraus, warum er so viel über Konzentrationslager wusste: Lucas war SS-Arzt in Auschwitz, aber er war ein guter Arzt. Deswegen wurde er in einem Verfahren auch freigesprochen (Anm. d. Red.: Lucas nahm Selektionen vor, wurde aber vor Gericht von ehemaligen Häftlingen entlastet, weil er Gefangenen geholfen hatte. Nach mehr als drei Jahren im Gefängnis kam er frei. Später wurde er freigesprochen. Er habe unter Zwang gehandelt und hätte bei Nichtbefolgung der Befehle sein Leben riskiert, argumentierte das Gericht).

Im Januar 1945 mussten Esther und 70 andere "Mischlinge" im KZ Ravensbrück ihre Judensterne abgeben. Sie wurden zu "Ariern" erklärt. Kurzzeitig besserte sich ihre Lage etwas, weil sie leichter Post empfangen konnten. Im April 1945 wurden sie aus dem Konzentrationslager getrieben, weil sich alliierte Truppen näherten. Tagelang dauerte der Todesmarsch, wer nicht mehr konnte, wurde von der SS erschossen.

Auschwitz "Ich erinnere mich, wie Blut den Schnee rot färbte"
KZ-Überlebender Maurice Cling

"Ich erinnere mich, wie Blut den Schnee rot färbte"

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Sind Sie zufrieden damit, wie sich Deutschland 70 Jahre nach Kriegsende entwickelt hat?

Das würde ich so nicht sagen. Schauen Sie sich mal an, wie die Behörden mit Neonazis oder anderen rechten Gruppen umgehen.

Worauf wollen Sie hinaus?

Der Staat ist auf dem rechten Auge blind oder er kneift es zu. Eine Gruppe wie der NSU ermordet jahrelang Menschen und der Staat schaut weg. Der Antisemitismus wird wieder offener gezeigt, es wird Stimmung gegen Muslime und Flüchtlinge gemacht. Und wenn ein Rechtsextremist einen Menschen halbtot schlägt, kommt er in der Regel mit einer milden Strafe davon. Eine Schande ist das! Weil der Staat nachlässig ist, zeigen die Rechten ihre Menschenverachtung und Menschenfeindlichkeit immer ungenierter. Die versuchen ein Klima der Angst zu schaffen. Wenn die Leute von Pegida oder der AfD sich durchsetzen würden, ginge es mit der Demokratie in Deutschland bergab.

Sie sprechen von einem Klima der Angst. Wurden Sie bedroht?

Ach, ich lasse mich nicht einschüchtern. Aber letztes Jahr haben Neonazis zwei Schulen bedroht, weil ich dort Lesungen abgehalten habe. Sowas haben die sich früher nicht getraut.

Die Lesungen fanden hoffentlich trotzdem statt.

Natürlich. Aber die Nazis kamen auch hin. Sie sind im Publikum gesessen, aber haben sich dann doch nicht getraut, die Veranstaltung zu sprengen. Denn die Polizei war auch da und wäre eingeschritten.

Wie reagieren die Schüler, wenn Sie von Auschwitz erzählen?

In der Regel sind sie betroffen, aber offen und interessiert. Einmal ist ein Mädchen aufgestanden und hat mich angeschrien. Ich solle aufhören zu lügen. Sie hat mir Jahre später Briefe geschrieben und sich für alles entschuldigt. Sie war damals in einer Nazigruppe und dort wurde ihr die Holocaust-Lüge eingetrichert. Außerdem hing sie sehr an ihrem Großvater. Doch der war ein Altnazi. Sie fragte mich, ob sie ihren Großvater trotzdem lieben darf.

Auschwitz "Ich war dort. Ich war so sehr dort" Bilder
Reportage
Besuch in Oświęcim

"Ich war dort. Ich war so sehr dort"

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Was haben Sie dem Mädchen geantwortet?

Klar kannst du deinem Großvater lieben! Aber widerspreche immer denjenigen, die behaupten, dass es den Holocaust nicht gegeben hat.

Am 3. Mai 1945 endete für Esther der Todesmarsch. Die Häftlinge hatten gehört, wie die SS-Wachen zueinander sagten, nun dürfe nicht mehr geschossen werden. Esther und sechs mit ihr befreundete Mädchen beschlossen zu fliehen. Ein Mädchen nach dem anderen verließ die Kolonne und versteckte sich.