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Holocaust-Leugner Williamson:"Es geht um Beweise"

In einem schriftlichen Interview kündigt Bischof Williamson eine Überprüfung seiner Holocaust-Meinung an - und sieht sich als Opfer kircheninterner Machtspiele.

Die Aufregung um den umstrittenen Bischof Richard Williamson reißt nicht ab. Selbst der ultrakonservativen Pius-Bruderschaft sind die Positionen des Holocaust-Leugners offenbar zu extrem: Sie soll ihm die Leitung eines Priesterseminars in Argentinien entzogen haben.

Richard Williamson will die "historischen Beweise" prüfen - und sich dafür Zeit lassen.

(Foto: Foto: Reuters)

Williamson selbst äußerte sich derweil in einem per Email geführten Interview erstmals seit der Forderung des Papstes nach einem Widerruf öffentlich - und verweigerte eine schnelle Rücknahme seiner Positionen.

"Es geht um historische Beweise, nicht um Emotionen", sagte Williamson dem Spiegel. Er habe sich in den achtziger Jahren mit dem Thema Holocaust beschäftigt. Aufgrund seiner Recherchen sei er von der Richtigkeit seiner Äußerungen zum Holocaust überzeugt gewesen.

In einem Fernsehinterview hatte Williamson die Existenz von Gaskammern geleugnet. Zudem hatte er bestritten, dass Millionen Juden von den Nationalsozialisten ermordet worden seien. Daraufhin wollte Williamson dem Sender Sveriges Television AB die Verbreitung des Interviews mit seiner Holocaust-Leugnung außerhalb Schwedens verbieten, scheiterte aber am Montag vor dem Landgericht Nürnberg-Fürth damit.

In dem TV-Interview berief sich der Brite dabei unter anderem auf den sogenannten Leuchter-Report, einen Text des selbsternannten Hinrichtungsexperten und US-Amerikaners Fred A. Leuchter aus den späten achtziger Jahren, der behauptete, in Auschwitz habe es keine Massenmorde durch Gas gegeben.

"Nun sagt man mir, dieser (Leuchter-Report) sei wissenschaftlich widerlegt", sagte Williamson im Interview weiter. Damit werde er sich jetzt auseinandersetzen: "Ich muss nun alles nochmals prüfen und mir die Beweise ansehen." Wenn er diese Beweise finde, dann werde er sich korrigieren. "Aber das wird Zeit brauchen."

"Ich bin hier nur das Werkzeug"

Ein eigenes Bild vom Ort der Vernichtung will Williamson sich nicht machen: "Nein, nach Auschwitz werde ich nicht fahren", sagte er dem Spiegel. Stattdessen will der Bischof das Buch eines Mannes "lesen und studieren", der sich selbst von einem Holocaust-Leugner zum Erforscher der Nazi-Verbrechen wandelte: "Auschwitz. Technique and operation of the gas chambers" des französischen Apothekers Jean-Claude Pressac.

Das Buch wurde selbst von dem herausragenden Holocaust-Forscher Raul Hilberg für die detaillierte Darstellung der technischen Konstruktion und Abläufe der Vernichtungsmaschinerie gewürdigt. Die von Pressac geschätzte Zahl von 630.000 in Auschwitz ermordeten Juden hielt Hilberg allerdings für deutlich zu niedrig angesetzt.

Sollten ihn die "historischen Beweise" nach eigenen Worten nicht überzeugen, ist Williamson offenbar sogar bereit, den Bruch mit Bruderschaft und Kirche in Kauf zu nehmen, "um unter keinen Umständen die Kirche und die Priesterbruderschaft weiter zu beschädigen", wie er sagte. "Nehmt mich und werft mich ins Meer, damit das Meer sich beruhigt und euch verschont", zitierte er in diesem Zusammenhang aus dem Alten Testament.

Die weltweiten Proteste gegen ihn sieht Williamson denn auch weniger inhaltlich motiviert, als durch Machtfragen gekennzeichnet. Ein einziges Interview im schwedischen Fernsehen sei nun seit Wochen ein Hauptthema in Deutschland. Das wundere ihn schon. Seiner Ansicht nach kann das nicht an seiner Gesetzesverletzung liegen: "Nein, ich bin hier nur das Werkzeug, damit gegen die Priesterbruderschaft und den Papst agiert werden kann. Offenbar hat der deutsche Linkskatholizismus es Ratzinger noch nicht verziehen, dass er Papst geworden ist."

Zweideutige Texte

Durch die umstrittene Aufhebung seiner Exkommunikation durch Papst Benedikt XVI. sieht Williamson sich und die Pius-Bruderschaft in ihren ultrakonservativen Positionen ohnehin erst einmal bestätigt. Nach den Zweiten Vatikanischen Konzil seien "wir an den Rand der Kirche gedrängt worden, und nun, wenn das Scheitern dieser Veränderungen an den leeren Kirchen und dem überalterten Klerus deutlich wird, rücken wir wieder in die Mitte. Das ist so bei uns Konservativen: Wir behalten recht, wir müssen nur lange genug warten".

Die Konzilstexte seien immer wieder zweideutig und vielfach überholt, begründete Williamson, warum er das zweite Vatikanische Konzil nicht in vollem Umfang anerkenne. Diese Mehrdeutigkeit habe "zu diesem theologischen Chaos, das wir heute haben", geführt.

Den Vorwurf des Antisemitismus konterte Williamson mit Verweis auf die Bibel: Dem Heiligen Paulus gemäß seien die "Juden geliebt um der Väter willen, aber unsere Gegner um des Evangeliums willen". Letztlich bedürften "alle Menschen zu ihrer Erlösung Christus, ... auch die Juden".

Williamson verteidigte zudem den wegen seiner unbestimmten Haltung zu den Nationalsozialisten heftig umstrittenen Papst Pius XII.. Die Fakten über Pius XII. würden ins Gegenteil verdreht, niemand habe während der Nazi-Zeit mehr Juden gerettet, behauptete Williamson.

© sueddeutsche.de/gal/bosw
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