Holocaust-Gedenktag: Sinti und Roma:"Die Geschichte wiederholt sich"

Erstmals spricht mit Zoni Weisz ein Vertreter der Sinti und Roma am Holocaust-Gedenktag im Bundestag. Er erzählt seine bewegende Geschichte. Und der 73-Jährige hat eine politische Botschaft, die Deutschland nicht unbeachtet lassen darf.

Thorsten Denkler

Bevor Zoni Weisz an das Rednerpult des Deutschen Bundestages tritt, geht er auf den ungarischen Gitarristen Ferenc Snétberger zu und umarmt ihn. Snétbergers Spiel muss den Mann tief bewegt haben. Er nimmt einen Schluck Wasser, bevor er mit seiner Rede beginnen kann.

Gedenken an NS-Opfer - Bundestag

Zoni Weisz hat die Verfolgung durch die Nazis überlebt. Als Vertreter der Sinti und Roma spricht er im Bundestag in Berlin.

(Foto: dapd)

Es ist einer jener selten gewordenen besonderen Momente im Deutschen Bundestag. Auch für einen Holocaust-Gedenktag, der seit 1996 immer am 27. Januar als Erinnerung an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz 1945 durch sowjetische Soldaten begangen wird. Zum ersten Mal spricht ein Vertreter der Sinti und Roma vor dem Parlament. Die Hinterbliebenen der Opfer eines "vergessenen Holocaust" wie Weisz in seiner Rede sagen wird. Über eine Million Menschen sind diesem vergessenen Holocaust zum Opfer gefallen. Ermordet von Deutschen.

Etwas von Erleichterung, Genugtuung liegt in der Stimme von Zoni Weisz, als er sagt: "Hier heute stehen zu dürfen, empfinde ich als Zeichen der Anerkennung des uns während der Zeit des Nationalsozialismus zugefügten Leids." Und noch ein Wort schwingt mit in diesem Satz. Es lautet: Endlich!

Zoni Weisz, 1937 in Den Haag geboren, war sieben Jahre alt, als er mit ansehen musste, wie seine Mutter, sein Vater, seine Geschwister in einen Viehwaggon eingepfercht abtransportiert wurden nach Auschwitz. Seine gesamte Familie wurde ausgelöscht. Er selbst entging der Deportation nur, weil eine Polizist auf dem Bahnsteig ihm geholfen hatte, im letzten Moment in einen Personenzug auf dem anderen Bahngleis zu fliehen.

Es gibt ein Bild, das sich ihm, wie er sagt in seine "Netzhaut eingebrannt hat". Er hält inne, bevor er von diesem Bild erzählen kann. "Mein Vater hatte den ..." - er greift zum Wasserglas und nimmt einen Schluck, bevor er weiterreden kann - " ... hat den blauen Mantel meiner Schwester vor die Gitterstäbe des Viehwaggons gehängt, ich erkannte ihn sofort. Es war ein Mantel aus einem weichen blauen Stoff." Seine Stimme wird brüchig, jedes Wort scheint er sich herauspressen zu müssen. "Wenn ich die Augen schließe, spüre ich heute noch, wie herrlich weich sich der Mantel meiner Schwester anfühlte." Danach braucht er einen Moment, bis er sich wieder gefasst hat.

Bundestagspräsident Norbert Lammert berichtet zuvor davon, dass Zoni Weisz schon einmal im Deutschen Bundestag war. 1999 war das. Weisz, der es in den Niederlanden inzwischen zu einem erfolgreichen Floristen gebracht hat, sollte den Blumenschmuck für die Gedenkfeier zum 50-jährigen Bestehen der Bundesrepublik Deutschland liefern. "Ich habe gut verstanden, dass Sie damals lange gezögert haben, ob Sie den Auftrag überhaupt annehmen", sagt Lammert.

Weisz nickt an dieser Stelle und seine Lippen formen ein deutliches "Ja". Er hat den Auftrag angenommen. Im Manuskript seiner Rede steht, warum er sich so entschieden hat: "Gerade hier, im Deutschen Bundestag, konnte ich zeigen, dass die Nazis uns nicht alle haben ermorden können. Dass wir das Leben wieder in die Hand genommen und etwas daraus gemacht haben. Für mich war es auch eine symbolische Geste an das Deutschland von heute."

Klare Worte in Richtung Budapest

Es ist unüblich, Reden wie diese durch Applaus zu unterbrechen. An einer Stelle aber gibt es spontanen Beifall. Ein Beifall, der ihm hoffentlich signalisieren soll, dass verstanden worden ist, was er zu sagen hatte.

Es geht ihm um die Stellung von Sinti und Roma, "meinem Volk", im heutigen Europa. Er berichtet, wie "menschenunwürdig" Sinti und Roma in vielen ost- und südosteuropäischen Ländern wie Rumänien und Bulgarien behandelt werden. Seine Landsleute seien dort ohne Chancen, ohne Arbeit, ohne Ausbildung "ohne ordentliche medizinische Versorgung". "Diskriminierung, Stigmatisierung und Ausgrenzung sind an der Tagesordnung."

In Ungarn zögen Rechtsextremisten wieder "in schwarzer Kluft umher und schikanieren und überfallen Juden, Sinti und Roma. Neonazis haben Roma ermordet, darunter einen fünfjährigen Jungen. Es gibt in Gaststätten und Restaurants wieder Schilder mit der Aufschrift 'Für Zigeuner verboten'".

Auch in Westeuropa - in Italien, in Frankreich - werden Sinti und Roma wieder "diskriminiert, ausgegrenzt". Sie leben dort unter "menschenunwürdigen Umständen in Ghettos". Sie werden wieder des Landes verwiesen und in das Herkunftsland abgeschoben.

Dann sagt er einen Satz, der Angst machen muss angesichts seines Lebens: "Die Geschichte wiederholt sich."

Weisz greift die Bundesregierung nicht direkt an, weil zuwenig dagegen unternommen wird. Es reicht, darauf hinzuweisen, dass es bisher allein die Vizepräsidentin der Europäischen Kommission war, Viviane Reding, die "mit deutlichen Worten gegen diesen nicht hinnehmbaren Zustand Stellung bezogen" hat.

Es klingt wie ein Appell an Kanzlerin Angela Merkel, die ihm direkt gegenübersitzt, wenn er sagt: "Ich hoffe, dass man die betreffenden Regierungen darauf auch weiterhin ansprechen wird. Wir sind doch Europäer und müssen dieselben Rechte wie jeder andere Einwohner haben, mit gleichen Chancen, wie sie für jeden Europäer gelten."

Hier endlich der Applaus. So deutlich wie Weisz hatte nicht einmal der für klare Worte bekannte Norbert Lammert in seiner Eröffnungsrede beschrieben, was derzeit in Italien, Frankreich, Rumänien, Ungarn und Bulgarien geschieht und eine deutlichere Positionierung der Bundesregierung gefordert.

Weisz tritt etwas größer, aufrechter von seinem Pult zurück als er daran herangetreten war. Er hat eine schwere Aufgabe erfüllt. Als Vertreter der Sinti und Roma hat er hier gesprochen. Aber auch als Bürger Europas. Wer ihn gehört hat, wird von nun an anders über sein Volk denken.

© sueddeutsche.de/mcs/mati
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