Holocaust-Gedenken im Bundestag:"Es gab keinen Ausweg, nur die Gaskammern in Auschwitz, zu verhungern, Selbstmord oder an Krankheiten zu sterben"

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Holocaust-Gedenken im Bundestag: Inge Auerbacher spricht bei der Gedenkstunde zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus im Deutschen Bundestag.

Inge Auerbacher spricht bei der Gedenkstunde zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus im Deutschen Bundestag.

(Foto: Markus Schreiber/AP)

Die Holocaust-Überlebende Inge Auerbacher warnt im Bundestag eindringlich vor dem Vergessen - und vor der Verharmlosung des heutigen Antisemitismus. Knesset-Präsident Mickey Levy lobt die deutsch-israelische Zusammenarbeit und betont, die Mahnung des Holocaust sei: "Nie wieder, nie wieder!"

Die Holocaust-Überlebende Inge Auerbacher hat vor den Abgeordneten des Bundestags eindringlich vor dem Vergessen des Holocaust und vor heute erstarkendem Antisemitismus gewarnt. Im Rahmen des Gedenktags an die Opfer des Nationalsozialismus sagte die 87-Jährige: "Ich wohne seit 75 Jahren in New York, aber habe noch die grauenhafte Zeit des Schreckens und Menschenhasses gut im Gedächtnis. Leider ist dieser Krebs wiedererwacht und Judenhass ist in vielen Ländern der Welt, auch in Deutschland, wieder alltäglich. Diese Krankheit muss so schnell wie möglich geheilt werden", so Auerbacher.

Am 27. Januar 1945 hatten Soldaten der Roten Armee die Überlebenden des Konzentrationslagers Auschwitz im besetzten Polen befreit. Die Nazis hatten dort mehr als eine Million Menschen ermordet. Seit 1997 erinnert der Bundestag rund um den Jahrestag der Befreiung des Lagers mit einer eigenen Veranstaltung an die Opfer der Verfolgung und Ermordung durch die Nationalsozialisten. Bundestagspräsidentin Bärbel Bas sprach zu Beginn der Sitzung vom 27. Januar als einem "Tag der Scham". Der Bundestag gedenke heute "der Millionen Menschen, die verfolgt, beraubt, gedemütigt, geknechtet, gequält und dem Tode preisgegeben wurden". "Der Antisemitismus ist mitten unter uns", warnte Bas und sprach Rednerin Auerbacher ihre Bewunderung aus.

Inge Auerbacher, in Jebenhausen und Göppingen in einer strenggläubigen jüdischen Familie aufgewachsen, wurde 1942 als Siebenjährige in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Nach der Befreiung des Ghettos durch die Rote Armee wanderte sie mit ihrer Familie in die Vereinigten Staaten aus. 1986 veröffentlichte Auerbacher ein Buch über ihre Kindheitserinnerungen.

"Das Leben in Theresienstadt war besonders schwer für solch ein junges Kind"

Im Bundestag erinnerte Auerbacher an ihre Eltern Berthold und Regina Auerbacher, deren Familien seit Generationen in Deutschland lebten, und beschrieb ihre Kindheit in der Nazizeit, die Diskriminierung und Verfolgung ihrer Familie vor der Deportation und die Pogromnacht, die der damals Dreijährigen im Gedächtnis blieb. Eindrücklich schilderte Auerbacher den Schrecken der Deportation für die damals Siebenjährige und die Versuche ihrer Eltern, die kleine Inge zu schützen.

"Das Leben in Theresienstadt war besonders schwer für solch ein junges Kind", so Auerbacher über die Zeit im Ghetto. "Es gab keinen Ausweg, nur die Gaskammern in Auschwitz, zu verhungern, Selbstmord oder an Krankheiten zu sterben." Sie erzählte von ihrer Freundin im Ghetto, Ruth, die nicht einmal zehn Jahre alt wurde.

Nach ihrer Befreiung blieben Inge Auerbacher und ihre Eltern kurz in Göppingen und emigrierten 1946 in die USA, wo Auerbacher infolge der Haftzeit schwer an Tuberkulose erkrankte. Vor den Bundestagsabgeordneten schilderte Auerbacher ihre Schulzeit, das Studium und das Leben als Chemikerin in den USA - ein Leben, das vom Trauma der Gefangenschaft und der Erkrankung geprägt blieb. "Ich durfte nie ein Brautkleid tragen. Ich werde nie Mama oder Oma werden. Aber ich bin glücklich und die Kinder der Welt sind meine", sagte Auerbacher. Sie schloss mit einem Appell des Friedens und des Kampfs gegen Antisemitismus und erhielt lange anhaltenden Stehapplaus der Abgeordneten.

"Hinter jedem der sechs Millionen Toten steckt eine Geschichte"

Die zweite zentrale Rede hielt Mickey Levy. Mit ihm sprach erstmals ein Präsident des israelischen Parlaments vor dem Plenum des Bundestags. Zu Beginn seiner Rede im Reichstagsgebäude sagte er, dass "an diesem Ort die schrecklichsten Ereignisse der Menschheitsgeschichte beschlossen und die Grenzen des Bösen ausgedehnt" worden seien. Die Demokratie sei fragil und es sei die Aufgabe der Staaten Israel und Deutschland, sie um jeden Preis zu verteidigen.

Holocaust-Gedenken im Bundestag: Knesset-Präsident Mickey Levy bei der Gedenkstunde im Bundestag.

Knesset-Präsident Mickey Levy bei der Gedenkstunde im Bundestag.

(Foto: Kay Nietfeld/dpa)

Levy dankte Inge Auerbacher für ihre Rede. "Ihre Geschichte frisst sich in die Herzen. Es ist abscheulich, dass Sie nur sieben Jahre Kind sein durften und Ihnen Ihre Menschenwürde geraubt wurde." Er kritisierte die Reduzierung des Holocaust auf Zahlen und Statistiken: "Hinter jedem der sechs Millionen Toten steckt eine Geschichte eines Lebens, das hätte sein können, aber nicht mehr sein durfte."

Levy erinnerte an die Wannseekonferenz im Jahr 1942, auf der die Ermordung der Juden beschlossen wurde. "Die ewig ernste Mahnung des Holocaust an den Juden Europas lautet: Nie wieder, nie wieder! Vor 80 Jahren und sieben Tagen sollte das jüdische Volk ausgelöscht werden, doch das jüdische Volk ist auferstanden." Deutschland und Israel sei es in den vergangenen Jahrzehnten gelungen, etwas Neues zu schaffen, gemeinsam für Demokratie, Freiheit und Toleranz einzustehen. Er lobte die Zusammenarbeit beider Staaten.

Am Ende seiner Rede trug Levy ein Gebet zum Gedenken an die getöteten Juden vor. Während seines Vortrags kamen ihm die Tränen, er schlug die Hände vor dem Gesicht zusammen und beendete seine Rede mit zitternder Stimme.

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