Süddeutsche Zeitung

Kriegsende 1945 (3): Der KZ-Überlebende:Neun Höllen entronnen

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Mit 22 wird Isak Wasserstein ins KZ deportiert. Er wird gefoltert, muss Morde mitansehen. In Auschwitz wird er selektiert - und hat Glück, dass die SS etwas an ihm übersieht.

Von Wolfgang Jaschensky

Isak Wasserstein, 1920 als Sohn polnischer Juden geboren, wächst in Warschau auf. Der Vater verdient als Schuster gerade genug, um seine Frau, Isak und dessen beide Brüder zu ernähren und eine Wohnung in Warschau zu bezahlen.

Mit 19 Jahren erlebt Isak Wasserstein, wie die ersten deutschen Bomben auf Polen fallen, mit 20, wie das Warschauer Ghetto errichtet wird. Zwei Jahre überlebt Isak Wasserstein mit seiner Familie dort unter katastrophalen Bedingungen. Bis ihn die Deutschen verhaften. Es ist der Anfang eines Schreckens, den er bis heute nicht vergessen kann, eines Grauens, das er bis heute nicht begreifen kann.

"Die großen Eisentore sind geöffnet, als würden sie schon auf uns warten. Der Zug fährt vor eine Rampe und bleibt dann langsam stehen. Die Waggons werden aufgerissen und ich mit ungefähr 1000 weiteren Häftlinge herausgetrieben.

"Arbeit macht frei" steht über der Einfahrt.

Jetzt also Auschwitz.

Ich hatte von dem Lager gehört, aber dass dort Menschen massenweise vergast und maschinell verbrannt werden, war für mich unvorstellbar. Dabei hatte ich schon viel erlebt, hatte am eigenen Leib einen Sadismus erfahren, wie ich ihm keinem Menschen zugetraut hätte.

Ich hatte gesehen, wie die Nazis Menschen bestialisch zugerichtet und umgebracht haben.

Doch irgendwie habe ich überlebt. Irgendwie bin ich dem Tötungsapparat der Nazis entkommen.

Nach meiner Festnahme im Warschauer Ghetto deportierten die Deutschen mich in ein Waldlager in Weißrussland nahe der Stadt Bobruisk. Nach unserer Ankunft wurden wir Häftlinge in Berufsgruppen eingeteilt. Als kaufmännischer Angestellter war für mich keine Verwendung.

Folter mit eiskaltem WasserIm letzten Moment folgte ich einer Eingebung und stellte mich zu den Köchen. Vom Kochen hatte ich keine Ahnung, aber ich hatte mir schnell überlegt, dass man hier keine aufwendigen Gerichte zubereiten würde. Meine Rechnung ging auf: Am Anfang war ich für das Brotschneiden zuständig. Aber ich lernte schnell und machte mich in der Küche unentbehrlich.

Doch auch die Arbeit als Koch war im Lager nicht einfach. Der deutsche Küchenchef hatte es eine Zeitlang auf mich abgesehen. Jeden Tag musste ich mich in der Küche nackt ausziehen. Dann nahm er einen Wasserschlauch und bespritzte mich mit eiskaltem Wasser so lange, bis ich ohnmächtig wurde und zu Boden fiel.

Die Bedingungen im Lager waren jenseits jeder Menschenwürde. Es gab keine sanitären Einrichtungen und wir hatten kein Wasser, um uns zu waschen. Im Winter froren wir bitterlich und mussten nackt durch den Schnee laufen. Viele Häftlinge mussten tagein, tagaus, ohne richtige Schuhe, ihre Füße nur durch Säcke geschützt, im Schnee arbeiten.

Als ob dies alles nicht genug wäre, suchte die SS jede Gelegenheit, um die Häftlinge zu schikanieren. Mit Hieben, Fußtritten oder der Peitsche.

Jeden Morgen, noch bei Dunkelheit, standen wir stundenlang beim Zählappell. Es wurde gezählt und wieder gezählt. Nach Brot und Tee ging es zur Arbeit. Kehrten die Häftlinge ins Lager zurück, wurden sie schon beim Eingangstor gezählt. Dann ging es wieder zum Zählappell. Alle mussten wieder antreten und stillstehen.

Die Appelle dauerten manchmal stundenlang. Häftlinge wurden dabei grundlos ausgepeitscht - 25 Mal auf den nackten Rücken.

Jeden Tag verhungerten Menschen, andere starben an Krankheiten - oder wurden erschossen. Das Todeskommando im Lager sammelte die Kranken und Alten und trieb sie in den Wald. Die Todeskandidaten mussten sich in ihr frisch geschaufeltes Grab legen und wurden erschossen. Ich habe mehrmals solche Exekutionen gesehen.

Mein Schicksal, vielleicht meine Rettung war, dass ich Koch geworden war. Wir Köche hatten immerhin manchmal mehr zu essen als andere Häftlinge. Dennoch war ich am Ende der Einzige von einstmals neun Köchen, der das Lager überlebte."

Isak Wasserstein war 18 Monate lang Häftling in Bobruisk. Doch dies sollte nur die erste Station eines Weges durch die Tötungsmaschinerie der Nazis sein. Über Minsk kommt Isak Wasserstein in das Konzentrationslager Majdanek und dann in dessen Außenlager nach Budzyn und Radom. "Ein Lager war schlimmer als das andere", sagt der heute 90-Jährige. Dann brachte ihn die SS nach Auschwitz.

"Nach Stunden stehe ich noch immer an der Rampe von Auschwitz, zwischen Leben und Tod. Wir sind ungefähr 1000 Häftlinge, darunter Frauen und Kinder, die jetzt zitternd und vor Kälte schlotternd in Reih und Glied stehen. Häftlinge des Lagers tragen die Schwachen und Kranken direkt in die Gaskammern. Auf den anderen Gleisen kommen weitere Züge mit Juden an. Die SS-Männer begrüßen die Neuankömmlinge mit Peitschenschlägen und Fußtritten und treiben sie allem Anschein nach gleich zur Vernichtung.

Unsere Gruppe wird von der SS selektiert. Frauen, Kinder und Alte werden gleich abgeführt, die jungen Männer einzeln begutachtet. Ich stehe stramm und verstecke die Wunde an meiner Hand - bei der Arbeit im Lager Radom hatte ich einen Finger verloren. Ich weiß, dass diese Verletzung mein Todesurteil ist, wenn sie der SS-Mann entdeckt, der mich mustert.

Ich werde einer Gruppe zugeteilt, ohne zu wissen, was dies bedeutet.

Eine Kolonne weiblicher Häftlinge schiebt ein Jauchefass vorbei. Einige sind wie Pferde an die Deichsel vor dem Karren gespannt. Halbnackt, ohne Schuhe an den Füßen und mit kahlrasiertem Schädel sehen sie aus wie Gespenster. Ich habe Angst um mein Leben und koche doch vor Wut. Mein einziger Trost: Die Hoffnung, dass dieses Verbrechen nicht ungesühnt bleibt. Eines Tages, denke ich, werden all diese Verbrechen und all diese Mörder bestraft, sonst würde die Welt keine Lebensberechtigung mehr besitzen.

Dann, nach stundenlangem Warten, wird die Gruppe der ich zugewiesen wurde in zwei Waggons verladen. Erst später werde ich erfahren, welcher Hölle ich entronnen bin."

Isak Wasserstein überlebte nach Auschwitz die Konzentrationslager Vaihingen, Bisingen und Spaichingen.

Im April 1945 ist für Wasserstein der Krieg zu Ende: Die SS treibt ihn und andere Juden auf einen der berüchtigten "Todesmärsche". Nach einer Nacht in einer Scheune erwachen die Häftlinge und stellen erstaunt fest, dass ihre Peiniger die Flucht ergriffen haben.

Die Gruppe läuft weiter und begegnet einem Trupp US-Soldaten - nun sind sie in Sicherheit. Isak Wasserstein entschließt sich, in Deutschland zu bleiben.

Der KZ-Überlebende hält viele Vorträge über seine Leidenszeit, vor allem an Schulen. Er schreibt ein Buch, das im Selbstverlag erschienen und mittlerweile vergriffen ist.

Heute ist Isak Wasserstein 90 Jahre alt und wohnt mit seiner Frau in München. Er sagt, er lebe ein normales Leben und sei zufrieden, dass er noch gut auf den Beinen ist. Doch bis heute vergeht kein Tag, an dem er nicht an die Zeit im Konzentrationslager denken muss.

Was mit seiner Familie passierte, von der er im Warschauer Ghetto getrennt wurde, weiß Wasserstein bis heute nicht.

Nachtrag: Isak Wasserstein starb im Januar 2012 in München.

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