Hollandes Amteinführung:Ein Präsident, der an roten Ampeln hält

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Anfangs noch etwas steif, dann immer gelöster und schließlich lachend im Regen: Präsident Hollande begeistert die Franzosen schon an seinem ersten Tag im Amt. Ihnen imponieren vor allem die Details, die ihn von seinem Vorgänger Sarkozy unterscheiden. Und dass Hollande sich offenbar vor nichts fürchtet - nicht einmal vor einem Blitzeinschlag in sein Flugzeug.

Stefan Ulrich, Paris

Die Symbol-Szene dieses Tages vollzieht sich kurz vor zwölf. Von berittenen republikanischen Garden eskortiert, fährt der neue Staatspräsident die Champs-Élysées hinauf. François Hollande steht barhäuptig in einem offenen grauen Citroën und winkt den Menschen hinter den Barrikaden zu, während sich der Himmel über ihn ergießt. Der Regen rinnt an seinen Brillengläsern herunter, durchweicht den schwarzen Anzug und das weiße Hemd. Hollande scheint das gar nicht zu bemerken. Er lacht und wirkt zum ersten Mal ganz gelöst an diesem Tag.

Frankreichs neuer Präsident Francois Hollande

François Hollande in seinem Dienstwagen auf den Champs-Élysées. 

(Foto: Getty Images)

Ein glücklicher Präsident im Regen - das trifft die Lage in Paris recht genau. Der lange Zeit unterschätzte Sozialist hat sich seinen Jugendtraum erfüllt. Er steht an der Spitze Frankreichs. Zugleich übernimmt er die Führung in prekären Zeiten. Er selbst spricht bei seiner Antrittsrede die Schulden, die Arbeitslosigkeit und die schwierige Lage Europas an. Die Last der Verantwortung ist ihm anzusehen. Zum Feiern bleibt ihm wenig Zeit.

Hollande machte an diesem Dienstag der Machtübergabe von Anfang an klar, dass er ein anderer Präsident werden möchte als sein omnipräsenter und bisweilen anmaßender Vorgänger Nicolas Sarkozy. Der Sozialist ließ daher seinen Chauffeur an jeder Ampel halten, als er am Morgen zum Élysée-Palast fuhr. Die französischen Kommentatoren waren außer sich. "Ein Präsident, der an roten Ampeln hält! So etwas gab es noch nie!"

Hollande kam dadurch einige Minuten zu spät im Ehrenhof des Élysées an. Er nickte den aufmarschierten Garden zu und schritt auf dem roten Teppich zur Freitreppe des Palastes. Von oben kam Sarkozy herunter. Die beiden Männer, die sich im Wahlkampf monatelang bekämpft hatten, blickten drein, als gehe es um ein Duell. Dann standen sie sich gegenüber und drückten einander ernst die Hand. Es muss dieser Augenblick gewesen sein, in dem die Macht in Frankreich vom alten auf den neuen Präsidenten übersprang.

Während die Garden im Palais ihre blanken Säbel zückten, stiegen die beiden kleinen Männer in den ersten Stock empor. Für eine halbe Stunde verschwanden sie im Arbeitszimmer des Staatschefs. Sarkozy weihte seinen Nachfolger dabei in Staatsgeheimnisse ein. Die beiden sprachen vermutlich über Iran, Afghanistan, die Lage im Maghreb und die anstehenden Gipfeltreffen der G-8-Staaten und der Nato. In Paris wird getuschelt, in diesen Minuten sei auch der Atom-Code zur Aktivierung der Nuklearwaffen übergeben worden.

In Wirklichkeit war es wohl später ein Fünf-Sterne-General, der Hollande im unterirdischen "Kommandoposten Jupiter" des Élysées in die Geheimnisse der Force de frappe einweihte. Als die beiden Präsidenten wieder auf die Freitreppe traten, waren ihre Partnerinnen bei ihnen. Carla Bruni und Valérie Trierweiler küssten sich. Nur ein ganz schmales Lächeln umspielte die Lippen von Hollande und Sarkozy, als sie sich ein letztes Mal die Hand reichten. Dann stiegen Sarkozy und Bruni in eine schwarze Limousine und fuhren in ein anderes Leben. Für Hollande begann nun die eigentliche Amtseinführung.

Sie werden heute der siebte Präsident der Fünften Republik", eröffnete ihm Jean-Louis Debré, der Chef des Verfassungsrats. "Sie verkörpern jetzt Frankreich. Sie symbolisieren die Republik. Sie repräsentieren alle Franzosen." Danach überreichte ein General dem neuen Staatschef die 930 Gramm schwere Goldkette des Großmeisters der Ehrenlegion.

Hollande wirkte noch etwas steif, während er durch die Prunksäle des Élysées schritt und die Repräsentanten des Staates, politische Weggefährten, Nobelpreisträger und Gewerkschaftsvertreter begrüßte. Doch als er dann unter den Lüstern des Festsaals seine erste Rede als Staatschef hielt, war keinerlei Unsicherheit mehr zu spüren. Aus dem Bürger Hollande war der Präsident geworden. Mit kraftvoller Stimme und entschlossenem Blick begann er: "Wir sind ein großes Volk, das in seiner Geschichte viele Prüfungen bestanden hat." Dann beschrieb er den Ernst der Lage und versprach, die Nation "würdig, schlicht und nüchtern" zu führen. "Ich werde Frankreich wieder aufbauen und zum Frieden in der Welt und der Bewahrung der Erde beitragen."

Die Rituale der Republik beschäftigten Hollande bis in den späten Nachmittag hinein: Truppenschau im Élysée-Garten, Kranzniederlegung am Grabmal des unbekannten Soldaten, Besuch an den Gedenkstätten berühmter Franzosen, bewegende Rede im Rathaus von Paris, Bad in der Menge. Zwischendrin musste sich der tropfnasse Präsident auch noch trockene Sachen anziehen. Zudem wurde am späten Nachmittag der Name seines künftigen Premierministers bekanntgegeben. Es ist der bisherige sozialistische Fraktionschef Jean-Marc Ayrault. Der frühere Deutschlehrer gilt als gemäßigter Sozialdemokrat, was all jene beruhigen dürfte, die einen zu scharfen Linksruck in Frankreich befürchteten.

Am Spätnachmittag war für François Hollande dann Schluss mit Feiern. Der Ernst des Präsidentenlebens begann. Hollande ließ sich zum Flughafen fahren, um zur Kanzlerin Angela Merkel zu reisen. "Ich fürchte mich vor nichts", hatte er am Mittag angesichts des Schauerwetters gesagt. Später musste er auf dem Weg nach Berlin kehrtmachen, weil ein Blitz in sein Flugzeug einschlug. Doch auch das scheint ihn nicht aufzuhalten: Hollande flog nach Paris zurück und machte sich in einem anderen Flugzeug auf den Weg zur Kanzlerin.

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