Hollande gewinnt erste Wahlrunde Frankreich rechnet mit Sarkozy ab

Er wollte so viel und brachte so wenig. Nicolas Sarkozy hat die Franzosen bitter enttäuscht. Statt des Reformers erlebten sie einen flatterhaften Emporkömmling, der sein Handeln allein an der Macht ausrichtete. Dafür bekommt er nun die Quittung. Zur Freude der rechtsextremen Anti-Europäerin Marine Le Pen - und des Wahlsiegers François Hollande. Er ist für viele Franzosen nur das kleinere Übel.

Ein Kommentar von Stefan Ulrich

Dürften die Deutschen den französischen Präsidenten wählen, müsste Nicolas Sarkozy kaum zittern. Der anfangs etwas widerborstige Aufsteiger aus der Gaullisten-Familie hat sich über die Jahre zum verlässlichen Partner in der Euro-Krise entwickelt. Er ließ sich zur Stabilitätskultur in Europa bekehren. Er predigte den Franzosen die Abkehr vom Schuldenstaat. Er half der Kanzlerin, wankelmütige Mittelmeerländer zu disziplinieren.

In gefährlichen Stunden zeigte er sich führungsstark: während der Georgien-Krise, im libyschen Bürgerkrieg und nach den Attentaten von Toulouse. Nun verfügt er über die Erfahrung, mit der sich die nächste Krise im Euro-Raum bewältigen lässt. Warum sollte man ihn gegen den international unerfahrenen Sozialisten François Hollande austauschen?

Der Regent im Élysée wird aber nicht von den Deutschen gewählt - und schon gar nicht von ausländischen Regierungen - sondern von den Franzosen. Sie sehen ihren Präsidenten aus anderer Perspektive. Sarkozy war es, der 2007 eine rupture ankündigte, einen Bruch mit den elitären, reformfaulen Machteliten, die sich unter François Mitterrand und Jacques Chirac breitgemacht hatten. Der neue Mann versprach, den Staat zu verschlanken, das Sozialsystem zu sanieren, die Unternehmen zu stärken, die Politik zu reinigen. Er verhieß Jobs, Kaufkraft, mehr Lohn bei mehr Arbeit. Vor allem wollte er dafür sorgen, dass Frankreich seine Identität bewahrt und sich im globalen Kapitalismus behauptet.

So hat Sarkozy enorme Hoffnungen geweckt. Daran wird er nun gemessen. Am Sonntag haben ihn die Franzosen bereits auf den zweiten Platz verwiesen. In zwei Wochen werden sie ihn wahrscheinlich endgültig aus dem Élysée jagen. Die Gründe: Arbeitslosigkeit, Staatsverschuldung und Handelsdefizit sind rasant gestiegen. Frankreich fiel im internationalen Wettbewerb zurück, insbesondere gegenüber Deutschland. Die "untadelige Republik", die der Präsident versprach, blieb eine Fata Morgana. Stattdessen kam es zu vielen Affären. Der Präsident, der sich gern als Mann des Volkes präsentierte, spielte die Spiele der Pariser Machtkaste und versuchte, seinem Sohn einen Chefposten zu verschaffen.

Je länger Sarkozy regierte, desto mehr mussten sich die Franzosen fragen: Wohin führt uns dieser Mann? Er schwirrte von Thema zu Thema, von Reform zu Reform. Wie ein Kolibri vermochte er aus allem Honig zu saugen. Er herzte erst Briten und dann Deutsche, öffnete seine Politik mal nach links, mal nach rechts, beglückte die Wirtschaft mit noch mehr Geld aus dem Staatsetat und predigte dann das Sparen.

Sarkozy kündigte eine Ökosteuer an, um sie kurz darauf zu verwerfen. Er ließ Gaddafi im Garten neben dem Élysée-Palast zelten und bombardierte ihn später. Diese Flatterhaftigkeit hielt bis zuletzt an. Jüngste Opfer wurden die Bundesregierung und Europa. Noch Anfang des Jahres rühmte Sarkozy das "deutsche Modell". Zuletzt war davon keine Rede mehr, der Präsident besang lieber das "Genie" Frankreichs. Zugleich wandelte sich der Europäer Sarkozy zum Europaskeptiker, der die französischen EU-Beiträge einfrieren wollte.

Nach seiner größten Stärke befragt, nennt Sarkozy seine Energie. Sie ist tatsächlich beeindruckend. In den vergangenen Wochen strahlte der Präsident eine Kampfkraft aus, die immer noch fasziniert. Nur: Niemand weiß, was dieser Willensmensch damit anfangen will. Er wirkt wie der Prototyp des postmodernen Politikers, der sein Handeln nicht an Überzeugungen und Zielen ausrichtet, sondern allein an der Macht. Das erklärt das Misstrauen, ja den Widerwillen, den auch konservative Franzosen ihm gegenüber empfinden.

Der Stil, Sarkozys Faible für Prominente, Yachten und ein bisschen zu auffällige Uhren, dazu sein aggressiver Ton gegenüber Kritikern und eigenen Ministern - das alles hat die Entfremdung befördert. Die Franzosen wollen weder einen Parvenü noch einen Manager im Élysée-Palast, sondern einen Staatsmann, der über den Wirren der Welt steht.

Sarkozy hat es versäumt, die Euphorie von 2007 und seine Übermacht im Parlament zu nutzen, um Frankreich zu erneuern. Einzelne Reformen wie die Anhebung des Rentenalters auf 62 Jahre genügen dafür nicht. Frankreich ist im Inneren, als Gesellschaft, und im Äußeren, als Wirtschaftsmacht, schwächer als vor fünf Jahren. Es wäre zu billig, dafür allein die Krise verantwortlich zu machen.

Nichts ist bitterer als enttäuschte Liebe.

Nach fünf Jahren Sarkozy glauben viele Franzosen nicht mehr an die Gestaltungskraft der Politik. Sie ahnen, was der Zustand ihres Landes bedeutet: mehr Opfer für weniger Lohn. Das schafft Angst, Frust und Wut. So folgten viele Bürger anti-europäischen, nationalistischen Demagogen aus radikalen Parteien. Das starke Ergebnis der Rechtspopulistin Marine Le Pen ist ein Menetekel für ganz Europa.

Die moderate Alternative, der Sozialist Hollande, mag die Stichwahl gewinnen. Überzeugen tut auch er seine Landsleute kaum. Sie zweifeln, dass er Frankreich sanieren und zugleich die Erwartungen seiner linken Wähler erfüllen kann. Hollande ist für seine Wähler das kleinste Übel - nicht der Mann ihrer Wahl.

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Hollande siegt, Le Pen ist Dritte