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Hoffnung, Gewaltfreiheit, Friede:Wenn der Attentäter zum Helden wird

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Trümmerfeld im Münchner Bürgerbräukeller nach dem Attentat auf Hitler am 8. November 1939

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Georg Elser hat versucht, Hitler zu töten. Wann ist Gewalt moralisch vertretbar? Schreiben Sie uns Ihre Meinung zu dieser und anderen Gewissensfragen.

Viel ist von diesem Jahr nicht mehr übrig. Dieser Schrumpfungsprozess führt bei vielen zu innerer Einkehr, Bilanzziehen, Hinterfragen. In diesem Jahr mit seinen Rechtsdriften, der Bundestagswahl und den nun spürbaren Nachbeben vielleicht umso mehr. Wie wollen wir miteinander umgehen? Welche Werte sollen uns leiten? Was lernen wir aus den Debatten dieses Jahres? Zu solchen Fragen will die SZ mit Ihnen ins Gespräch kommen - in diesem Artikel und auf dem Tollwood in München.

Nach dem Projekt Democracy Lab sind in der Vorweihnachtszeit jeden Mittwoch, Donnerstag und Freitag SZ-Autoren im Wohnzimmer der Demokratie auf dem Festivalgelände, die sich auf den Austauch mit Ihnen freuen (mehr dazu hier). Vorab haben sich Redakteure zu Grundbegriffen unserer Gesellschaft Gedanken gemacht - und das Prinzip der beliebten Gewissensfrage aus dem SZ-Magazin ins Gegenteil verkehrt. Sie sind gefragt: Wie würden Sie sich verhalten, was meinen Sie? Wenn Sie möchten, können Sie uns über das Formular am Ende des Artikels schreiben.

Gewaltfreiheit: Von der Legitimation von Gewalt

1939 versuchte Georg Elser, Hitler zu töten. Nur durch einen Zufall überlebte Hitler das Attentat im Bürgerbräukeller, einige andere Menschen starben. Elser wurde später von den Nazis ermordet. Heute wird der Attentäter geehrt, Straßen und Plätze tragen den Namen Georg Elser. Rückblickend weiß man, dass der Welt wohl schlimmste Verbrechen erspart geblieben wären, wäre damals, kurz nach Beginn des Zweiten Weltkriegs, der Tyrannenmord geglückt.

Und heute? Wäre es moralisch vertretbar, gegen einen Diktator nicht nur gewaltfrei zu demonstrieren, sondern ihn mit Gewalt zu vertreiben? Ihn gar zu töten? Das Grundgesetz billigt jedem Deutschen das Recht auf Widerstand zu gegen jemanden, der versucht, die demokratische Rechtsordnung zu zerstören. Dass der Widerstand gewaltfrei sein muss, steht nicht in der Verfassung. Nun stellt sich diese Frage glücklicherweise nicht in Deutschland. Aber in anderen Staaten herrschen Diktatoren. Sie unterdrücken ihre Bürger, lassen einsperren und morden, sie führen Kriege. Wie schlimm muss die Lage sein, dass Gewalt moralisch erlaubt ist?

Bernd Kastner, Innenpolitik-Redakteur SZ

Demokratie Wie sollen wir miteinander umgehen?
SZ auf dem Tollwood

Wie sollen wir miteinander umgehen?

Dieses Jahr mit seinen Wahlbeben hat viele Gewissheiten umgeworfen. Zeit, Fragen zu stellen und mit Ihnen ins Gespräch zu kommen - über unbequeme Meinungen, fremde Sitten und nasse Schuhe.   Von SZ-Autoren

Hoffnung: Von der Kraft, die qualvoll sein kann

Hoffnung kann helfen, die Dinge nicht nur zu ertragen, sondern zu tragen. Misst sich der Wert der Hoffnung daran, wie realistisch sie ist? Misst sich ihr Wert daran, ob sie am Ende vom Erfolg gekrönt ist? Ist es sinnlos, wenn ein Schwerkranker zu gesunden hofft, aber dann doch stirbt? Macht die Hoffnung den Menschen stärker, macht sie ihn größer als die Angst - oder gaukelt sie ihm etwas vor?

Nelson Mandela hielt die Hoffnung auf ein anderes Südafrika durch, obwohl wenig dafür sprach in all den Jahren, die er im Gefängnis saß, in denen er alt und älter wurde. Nelson Mandela hat recht behalten mit seiner Hoffnung. Was wäre, wenn er nicht recht behalten hätte? Wäre er zuschanden geworden an seiner Hoffnung? Hätte er sich am Ende seines Lebens dafür schämen müssen, weil sie eine Illusion war?

Hoffnung ist, so meine ich, die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, ohne Rücksicht darauf, wie es ausgeht - auch wenn Hoffnungen enttäuscht werden, auch wenn sie kleiner werden, wenn aus der Hoffnung des Kranken auf Gesundung im Lauf der Zeit kleinere Hoffnungen werden - auf einen schönen Tag, auf ein seliges Ende. Also was tun mit der Hoffnung? Ist sie, wie Nietzsche sagt, ein Übel, das die Qual nur verlängert? Oder ist sie eine Kraft, die den Menschen hält?

Heribert Prantl, Mitglied der Chefredaktion SZ

Demokratie Tod durch Liebe?
Würde, Solidarität, Toleranz

Tod durch Liebe?

Eine alte Frau wartet auf den Tod, ihr Mann drückt ihr ein Kissen aufs Gesicht. Darf er das? Ist es gar ein Akt der Nächstenliebe? Schreiben Sie uns Ihre Meinung zu diesen und weiteren Gewissensfragen.   Von SZ-Autoren

Frieden: Vom möglichen Sinn des Krieges

Januar 2014, zwischen Euphrat und Tigris. Frieden ist hier die Ausnahme, Krieg die Regel. Truppen des sogenannten Islamischen Staats erobern die irakischen Städte Falludscha und Ramadi. Vier Monate später fällt Mosul. Irakische Truppen laufen zu Zehntausenden davon, militärisches Gerät im Wert von vielen Hundert Millionen Dollar fällt der Terrorgruppe in die Hände. Massenflucht, Massaker, Hinrichtungen - der Irak droht zu zerfallen, selbst in Bagdad bereiten sich die Menschen auf einen Angriff vor.

Der Westen will nicht eingreifen, ein Krieg ist in Deutschland nicht zu vermitteln - vor allem scheint er aussichtslos zu sein. Aber die Gefahr durch den IS ist auch für Deutschland real. Die große Attentatswelle in Frankreich wird bald beginnen.

In diesem Augenblick melden sich die Kurden, sie werden in den Krieg gegen den IS ziehen. So fällt eine historische Entscheidung: Peschmerga-Kämpfer aus dem Nordirak sollen bewaffnet werden - mit deutscher Hilfe. 30 Panzerabwehrsysteme mit 500 Raketen, Sturmgewehre, Pistolen, Panzerfäuste. Der Krieg wird outgesourct. Der Frieden auch.

Drei Jahre später ist der IS nahezu aufgerieben. Der Krieg ist fast gewonnen, zumindest im Irak. Aber eben nicht ganz. Jetzt wollen die Kurden ihren Anteil am Kuchen, sie wollen die Unabhängigkeit. Waffen haben sie noch immer, aus Deutschland. Der nächste Krieg, diesmal gegen die schiitischen Truppen des Irak, wird im letzten Moment verhindert. Aber wie lange halten beide Seiten still? In Deutschland leben viele Kurden, viele Flüchtlinge sind aus dem Zweistromland gekommen, der Terror hat sich seinen Weg gebahnt. Hätte Deutschland, zusammen mit den USA und der Nato, selbst Krieg führen müssen, um Frieden zu schaffen?

Stefan Kornelius, Außenpolitik-Ressortleiter SZ

Flexbox Wohnzimmer der Demokratie

Die nächsten Themen und Termine auf dem Tollwood, jeweils von 19 bis 21 Uhr:

Mittwoch, 6.12.: Journalisten müssen für Aufklärung und Transparenz sorgen - auch bei den eigenen Fehlern (Klaus Ott, Investigativ-Redakteur SZ)

Donnerstag, 7.12.: Streiten statt keifen - wie lässt sich die Debattenkultur verbessern? (Sabrina Ebitsch, Entwicklungsredakteurin SZ.de, und Peter Lindner, stellvertretender Chefredakteur SZ.de)

Freitag, 8.12.: Altersarmut, Krankheiten, Pflege - wie gerecht kann eine alternde Gesellschaft sein? (Thomas Hummel, Autor SZ.de)

Mittwoch, 13.12.: Wählen - Recht oder Pflicht? (Jana Anzlinger und Lilith Volkert, Politik-Redakteurinnen SZ.de)

Donnerstag, 14.12.: So lebt ihr hier also: Geflüchtete Journalisten erzählen von ihrer Sicht auf München und Deutschland (Kolumnisten der Serie "Neue Heimat")

Freitag, 15.12.: Ist die deutsche Leitkultur bedroht? (Sonja Zekri, Feuilleton-Ressortleiterin SZ)

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