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Hoffnung der US-Republikaner:Charaktertest für Chris Christie

New Jersey Governor Christie exits a polling station after casting his vote during the New Jersey governor election in Mendham Township, New Jersey

New Jerseys Gouverneur Chris Christie bei der Stimmabgabe im November 2013. Er wurde mit großem Vorsprung wiedergewählt.

(Foto: REUTERS)

Mit seiner zupackenden Art wurde Chris Christie zum Top-Kandidaten der Republikaner fürs Weiße Haus. Doch nun kämpft New Jerseys Gouverneur ums politische Überleben. Mitarbeiter sorgten absichtlich in einer Pendlerstadt für ein Verkehrschaos - weil deren Bürgermeister Christies Herausforderin unterstützt hatte. Nun zweifelt Amerika an Christies Eignung für höhere Weihen.

Von Matthias Kolb

Es klingt wie eine Episode aus der Mafia-Fernsehserie "Sopranos", die bekanntlich in New Jersey spielt. Ein Bürgermeister verweigert dem Gouverneur im Wahlkampf die Unterstützung. Also wendet sich eine Vertraute des Gouverneurs an einen Bekannten in der Verkehrsbehörde. Einige Wochen später versinkt die Stadt des aufsässigen Bürgermeisters im Chaos, weil die wichtige Brücke nach New York teilweise gesperrt ist.

Das Pikante für Chris Christie, den populären Gouverneur von New Jersey: Genau das ist offenbar im Sommer 2013 passiert.

Der Reihe nach: Am 13. August 2013 verschickte Bridget Kelly eine E-Mail mit den Worten "Es ist Zeit für ein paar Verkehrsprobleme in Fort Lee". David Wildstein, der Empfänger, ist bei der Port Authority of New York and New Jersey zuständig für die George Washington Bridge, eine zentrale Verbindung zwischen New Jersey und der Finanzmetropole - und er ging mit Christie zur Highschool. Und Bridget Kelly ist nicht irgendwer**: Sie arbeitet als Vize-Büroleiterin für Christie und gehört damit zum engsten Zirkel des Republikaners.

Wildstein handelte: Im September waren plötzlich zwei der drei Spuren, die von der Kleinstadt Fort Lee zur George-Washington-Brücke, der meist befahrenen Brücke der Welt, führen, gesperrt. Zehntausende standen im Stau, Pendler brauchten vier Mal länger als sonst zur Arbeit. Schulbusse standen im Stau und Krankenwagen kamen zu spät zu ihren Einsätzen. Diese Probleme thematisierten die Urheber der Sperrung auch in ihren internen E-Mails, welche der Tageszeitung The Record zugespielt wurden und die die New York Times dokumentiert (hier als PDF).

Herablassend schreibt Wildstein, man müsse sich keine Sorgen um feststeckende Schüler machen - deren Eltern seien schließlich Anhänger von Barbara Buono. Buono war jene Demokratin, die bei der Wahl am 6. November vergeblich versucht hatte, Christie als Gouverneur zu ablösen. Mark Sokolich, der demokratische Bürgermeister der Kleinstadt Fort Lee, hatte seine Parteifreundin unterstützt. Dies erboste das Christie-Lager, denn der Republikaner präsentiert sich gern als überparteilicher Problemlöser, der mit Demokraten kooperiert und von diesen geschätzt wird. In den E-Mails wird Bürgermeister Sokolich als "Idiot" und wegen seiner Abstammung abschätzig als "kleiner Serbe" bezeichnet - wobei der Absender sich selbst hier im Länderlexikon vergriffen hat, denn Sokolich hat kroatische Wurzeln.

Für die Präsidentschaftsambitionen des 51 Jahre alten Chris Christie ist der Vorfall aus zwei Gründen politisch extrem brisant:

  • Der Gouverneur hatte im Dezember auf einer Pressekonferenz erklärt, dass er nichts von der Absperrung gewusst habe und zugleich bestritten, dass einer seiner Mitarbeiter die umstrittene Verkehrsblockade angeordnet habe. Die jetzige Enthüllung bedeutet also entweder, dass Christie die Öffentlichkeit falsch informiert hat oder dass er seine Angestellten nicht im Griff hat. Daran wird auch die offizielle Erklärung nichts ändern, in der er das Verhalten "inakzeptabel" nennt und Konsequenzen für die Verantwortlichen ankündigt.
  • Zugleich stellen immer mehr US-Medien die Frage nach Christies Charakter - und damit auch nach seiner möglichen Eignung als Präsident. Die Episode zeige, dass der Republikaner in Wahrheit "ein Tyrann" sei, schreibt Ezra Klein im Wonkblog der Washington Post. Selbst wenn er die Aktion nicht angeordnet habe, herrsche bei seinen Angestellten offensichtlich die Überzeuung, ein solches Vorgehen wäre in Ordnung. Nun räche sich die PR-Strategie, in der Christie als unkonventioneller Pragmatiker präsentiert wird, der kein Blatt vor den Mund nimmt. Jeder Auftritt wird dafür von Mitarbeitern mitgefilmt - und besonders hitzige Wortgefechte des Gouverneurs mit Gewerkschaftern oder Lehrern von dessen Beratern bei YouTube hochgeladen.

Viele Konservative lieben diese Auftritte, die teilweise mehr als eine Million Mal angeklickt wurden. Doch zugleich finden sich im Netz auch kleine Handy-Videos, in denen Christie wie ein Schulhof-Tyrann wirkt, der überheblich auf andere Meinungen reagiert. Umgeben von Leibwächtern und Beratern fuchtelt er mit dem Zeigefinger vor einem Kritiker herum und ruft ihm zu: "Du bist ja ein toller Typ. Komm, geh weiter, geh weiter."

Klar ist: Staatsmännisches Verhalten sieht anders aus. Allerdings ist es wohl voreilig, wie Jonathan Chait vom New York Magazine bereits vom Ende der Kampagne "Christie 2016" zu sprechen.

Doch der Skandal um die George Washington Bridge bietet Christies Kritikern - sowohl inner- als auch außerhalb der Partei - nun wieder Gelegenheit, ausführlich über die Stärken und Schwächen des einstigen Staatsanwalts zu diskutieren.

Wegen seines Auftretens, seiner Schlagfertigkeit und rhetorischen Schärfe ist Christie seit Jahren ein Liebling der Medien: TV-Sender laden ihn gern ein und alle spekulieren seit Jahren über seine Karrierepläne. Anlässlich des Bridgegate-Skandals wird nun alles wieder debattiert, was für und gegen Christie als potenziellen Präsidentschaftskandidaten spricht: sein Charakter, seine politischen Aktionen, seine Vergangenheit, sogar sein Gewicht. So wurde zum Beispiel immer wider diskutiert, ob sein beachtlicher Leibesumfang ein Hindernis ist oder ob sich dieser nach der vorgenommenen Magenverkleinerung (mehr in diesem US-Blog) weiter reduzieren lässt.

Vielen Ultrakonservativen ist Christie suspekt, weil er nach dem Hurrikan Sandy im Oktober 2012 so gut mit US-Präsident Obama zusammengearbeitet hatte. Andere spotten, größer als sein Bauch sei nur Christies Ego: Beim Parteitag der Republikaner in Tampa hielt der Gouverneur die wichtige keynote speech - und erwähnte in seiner Rede den eigentlichen Kandidaten Mitt Romney erst nach 19 Minuten.

Zudem wird in den Politkreisen in Washington und in New Jerseys Hauptstadt Trenton oft darüber spekuliert, ob es in der Vergangenheit des Gouverneurs nicht zu viel "schweres Gepäck" gebe, das eine Kandidatur fürs Weiße Haus unmöglich mache. In ihrem Enthüllungsbuch "Double Down" über den Wahlkampf 2012 berichten die Autoren Mark Halperin und John Heilemann, dass Mitt Romney Christie nicht zum Vizepräsidenten machen wollte, weil es zu viele Ungereimtheiten und Skandal-Potenzial gab - da ist von zu hohen Reisekosten in seiner Zeit als Staatsanwalt, einer umstrittenen Tätigkeit als Lobbyist sowie obskuren Geschäften seines Bruders die Rede (Details hier).

Viel dürfte nun davon abhängen, ob weitere Dokumente auftauchen, ob Christie mit weiteren Vorwürfen konfrontiert wird. Ein weiterer Faktor dafür: Werden jene Mitarbeiter, die Christie nun schassen muss, loyal bleiben und schweigen - oder zusätzliche Details an die Presse durchstechen? Das Jahr 2014 hat für den konservativen Shootingstar aus New Jersey rauer angefangen als erhofft.

** Update: Als Reaktion hat Chris Christie seine enge Mitarbeiterin Bridget Kelly entlassen. Wie sich Christie als reuiger Sünder präsentiert, steht in diesem US-Blog. **

Linktipps: Die politische Brisanz des Bridgegate-Skandals wird prägnant von Chris Cilizza, dem Politblogger der Washington Post, zusammengefasst. Ende Dezember 2013 hatte die New York Times in einem Artikel über mehrere Fälle berichtet, in denen Chris Christie Kritiker schikaniert und eingeschüchtert haben soll. Der konservative TV-Sender Fox News berichtet auf seiner Website sehr nüchtern über den Fall - und übernimmt Christies Argumentation, dass er in die Irre geführt worden sei.

Eine Seite-3-Reportage über Chris Christie, den Bridgegate-Skandal und das vergiftete Politklima in den USA lesen Sie in der Freitagsausgabe der Süddeutschen Zeitung und in der SZ-Digital-App auf iPhone, iPad, Android und Windows 8.

© Süddeutsche.de/joku/bavo

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