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Nationalsozialismus:Rhetorik und Terror

Adolf Hitler auf dem Weg zur Reichstagssitzung in der Berliner Krolloper, 1938

Adolf Hitler auf dem Weg zur Reichstagssitzung in der Berliner Krolloper im Jahr 1938. Den Reichstag und viele Abgeordnete gab es noch, aber die Demokratie war seit 1933 abgeschafft.

(Foto: Knorr + Hirth)
  • Hans-Ulrich Thamer skizziert in einem Buch die Geschichte der NSDAP.
  • Der Zeithistoriker interpretiert die Riege um Hitler als "Glaubensgemeinschaft", der die meisten Deutschen folgten.

Der März vor 87 Jahren dürfte für nicht wenige Deutsche noch beklemmender gewesen sein als es die jetzigen Tage für uns Heutige sind.

Am 5. März 1933, bei den letzten formal noch freien Reichstagswahlen, erreichte die radikalnationalistische, zutiefst antisemitische Partei des fünf Wochen zuvor ins Amt gekommenen Reichskanzlers Adolf Hitler 43,9 Prozent der Stimmen.

Der erhoffte "haushohe" Erfolg war das nicht; auch mit den Deutschnationalen zusammen hatten die Nationalsozialisten im Reichstag keine Mehrheit und schon gar nicht zwei Drittel der Stimmen.

Die brauchte die Partei, um ihren Plan zur Zerstörung der parlamentarischen Demokratie umsetzen zu können. Also besann sich die NSDAP auf das, was sie seit ihrer Gründung am besten konnte: Agitation, Mobilisierung und Terror.

Der Reichsinnenminister setzte, um "Ruhe und Ordnung" sicherzustellen, kommissarische Regierungsleitungen in den Ländern ein; zusammen mit der in vielen Jahren erprobten Gewaltbereitschaft von SA und parteieigenen Schlägern war das ein furchteinflößender Zangenangriff auf Föderalismus und Verfassung des Reiches.

Die Verneigung Hitlers vor Hindenburg konnte allenfalls notorisch Wohlmeinende ruhig stimmen

Der emeritierte Zeithistoriker Hans-Ulrich Thamer nennt das Geschehen in seiner knappen, kenntnisreichen Geschichte der NSDAP zurückhaltend "staatsstreichähnlich".

Der "Tag von Potsdam" am 21. März 1933 mit der Verneigung Hitlers vor dem Reichspräsidenten Hindenburg konnte allenfalls notorisch Wohlmeinende ruhig stimmen.

Zwei Tage später verabschiedete der Reichstag allein gegen die Stimmen der SPD das Ermächtigungsgesetz. Es übertrug der Regierung fast unbeschränkte Befugnisse. Gewaltenteilung und Rechtsstaatlichkeit hörten auf zu existieren.

Dass es soweit kommen würde, stand am 24. Februar 1920 in München allenfalls in den Sternen. Bei ihrer "eher unauffälligen Gründung", so Thamer, war die NSDAP eine obskure Kleinpartei wie andere auch. Sie wuchs rasch, auch dank des begabten und aggressiven Propagandaredners Hitler, der die Gründung später zu einem "Erweckungsvorgang" aufbauschte.

Unablässig mobilisierte und kontrollierte "Volksgemeinschaft"

Entsprechend charakterisiert Thamer die Nationalsozialisten als "Glaubensgemeinschaft", die sich Hitler mit seiner Erlösungsrhetorik willig unterwarfen, so wie es später fast alle Deutschen taten.

Bei aller Kürze ist Hans-Ulrich Thamer ein detailreiches Buch über Aufstieg und Triumph der NS-Bewegung mit ihren schließlich mehr als sieben Millionen Mitgliedern gelungen.

Ihrem obersten Hassprediger folgte sie gläubig bis zum Machtverfall 1945, dabei die "Volksgemeinschaft" unablässig mobilisierend und kontrollierend.

Hans-Ulrich Thamer: Die NSDAP. Von der Gründung bis zum Ende des Dritten Reiches. Verlag C. H. Beck, München 2020. 127 Seiten, 9,95 Euro.

© SZ vom 23.03.2020/odg
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