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Ende des Zweiten Weltkrieges:Als Marlene Dietrich das befreite KZ Bergen-Belsen besuchte

Deuxieme Guerre Mondiale (1939-1945) : Paris (France) 2 mai 1945. Un groupe de soldats americains de passage au Rainbow

Der letzte Anfang vom Ende: Hitler entzog sich seiner Verantwortung am 30. April. Anfang Mai lesen US-Soldaten in Paris von dessen Tod.

(Foto: imago images/Leemage)
  • Volker Ullrich hat ein Buch über die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs in Europa geschrieben.
  • Der Historiker und Publizist erzählt eindrucksvoll vom Untergang des nationalsozialistischen Regimes im April und Mai 1945.

Rezension von Dietmar Süß

Es war ein wahrlich unerwarteter Besuch, der sich am 7. Mai 1945 bei Oberleutnant Arnold Horwell ankündigte: "Captain Dietrich" hieß die Soldatin in Kampfstiefeln, die sich beim stellvertretenden Camp-Kommandanten von Bergen-Belsen, dem erst vor wenigen Wochen befreiten Konzentrationslager, vorstellte. Sie sei auf der Suche nach ihrer Schwester Liesel. Und dann verstand Horwell, wer da vor ihm stand: Es war Hollywoods glitzernder deutsch-amerikanischer Superstar, Marlene Dietrich.

Erst kurz zuvor war Dietrich als Truppenbetreuerin mit den amerikanischen Streitkräften in München gelandet. Über Umwege hatte sie davon gehört, dass sich jemand im Konzentrationslager Bergen-Belsen gemeldet und sich als ihre Schwester ausgegeben hatte.

Bergen-Belsen war ein Ort des Grauens: Leichen, wohin man blickte, und das Sterben sollte auch in den Tagen nach der Befreiung weitergehen. Zu entkräftet waren die wenigen Überlebenden. Und Elisabeth Will, die Schwester von Marlene Dietrich? Sie gab es wirklich - nur war sie eben keine der gepeinigten Häftlinge, sondern hatte mit ihrem Mann ein Kino für Wehrmacht - und die SS - betrieben.

Am gleichen Tag, das Land war eigentlich schon von den Alliierten eingenommen, warteten in Amsterdam die Einwohner der Stadt sehnsüchtig auf die 1. Kanadische Armee. Die Bürger hatten sich auf dem Dam, dem Hauptplatz der Stadt, versammelt, als plötzlich, mitten in das Gefühl des nahen Kriegsendes, Schüsse fielen. Deutsche Marinesoldaten eröffneten das Feuer, Heckenschützen, versteckt im ersten Stock eines naheliegenden Gebäudes. 22 Tote und 60 Verwundete gab es an diesem eigentlich so freudigen Tag.

All dies geschah an diesem Tag, und es war eben dieser 7. Mai 1945, als Generaloberst Alfred Jodl im alliierten Hauptquartier in Reims seine Unterschrift unter die Kapitulationsurkunde des Deutschen Reiches setzte. Dieses Mal hatten sich die Generäle nicht drücken können, die Niederlage selbst zu unterzeichnen. Am 8. Mai sollten die Waffen schweigen.

Jetzt musste die Zeremonie nur noch einmal, auf Druck Stalins, einen Tag später wiederholt werden. Dann war auch für alle sichtbar: Das Dritte Reich war besiegt, geschlagen durch die Alliierten, die bereit gewesen waren, den Kampf gegen den Nationalsozialismus unter hohen eigenen Opfern zu führen; eine Befreiung von der völkischen Mordpolitik, zu der die Deutschen selbst nicht in der Lage und in ihrer Mehrheit nicht willens gewesen waren.

Volker Ullrich konzentriert sich in seinem Buch auf jene letzten acht Tage im Mai 1945, als Hitler und seine "Paladine" Selbstmord begingen, Deutschland von den Alliierten endgültig besetzt wurde und sich in den Trümmern des Dritten Reiches bereits an manchen Orten wieder politisches Leben zu regen begann.

Erstaunliche Gleichzeitigkeit ungleichzeitiger Entwicklungen

Es ist eine immer wieder erstaunliche Gleichzeitigkeit ungleichzeitiger Entwicklungen, die - ebenfalls am 7. Mai - auch Erich Kästner in seinem Tagebuch beschäftigte: "Leute laufen betreten durch die Straßen. Die kurze Pause im Geschichtsunterricht macht sie nervös. Die Lücke zwischen dem Nichtmehr und dem Nochnicht irritiert sie."

Irritierend bleibt die Dramatik dieser Tage auch 75 Jahre nach Kriegsende, und mit Volker Ullrich hat diese Endphase des Dritten Reiches einen klugen und nachdenklichen Chronisten erhalten. Das Buch wartet nicht mit sensationellen Funden auf, es gibt nicht vor, mehr zu sein, als es verspricht.

Und so lebt seine Darstellung vor allem aus der Nahoptik seiner präzisen Beobachtung, aus der sicheren Kenntnis der Quellen und einem weiten Blick, der immer wieder über die Tage der Endzeitstimmung hinausgeht.

Volker Ullrich: Acht Tage im Mai. Die letzte Woche des Dritten Reiches. Verlag C.H. Beck, München 2020. 317 Seiten, 24 Euro. E-Book: 17,99 Euro.

Aber auch wenn so manchen das Gefühl beschleicht, in diesen Tagen sei die Zeit gleichsam für einen kurzen Moment stillgeschaltet, so ist das doch ein trügerischer Eindruck. Überall war Bewegung, Menschen machten sich auf, zurück aus den evakuierten Städten in der Hoffnung auf Nächte ohne Bombenalarme.

Geöffnet hatten sich die Tore der Konzentrationslager, und die Häftlinge der Todesmärsche suchten ebenso Unterkunft und ein Dach über dem Kopf wie mancher Wehrmachtssoldat oder befreite Zwangsarbeiter aus den unterirdischen Produktionsanlagen. Diese zwangsmobilisierte Gesellschaft war ein unübersehbarer "Ameisenhaufen", wie das ein britischer Diplomat vielleicht allzu flapsig beschrieb.

Hinter dieser Bewegung standen unterschiedliche Gewalterfahrungen, stand für die einen die ungläubige Hoffnung auf ein Leben ohne SS-Schergen, für manch andere der bittere Bruch der eigenen Lebensentwürfe und die Erkenntnis, wie hohl die Versprechungen des Dritten Reiches gewesen waren.

Blick auf Schmidt, Brandt und Schumacher

Ullrich konzentriert sich in seiner Geschichte auf das politische Geschehen, vor allem rückt er manch allzu mildes Urteil über die Regierung Dönitz zurecht. Eindringlich schildert er das Schicksal jüdischer Häftlinge und die Befreiung der Konzentrationslager, er fragt nach den frühen Erfahrungen deutscher Kriegsgefangener wie Helmut Schmidt, geht den Geschichten unterschiedlicher Widerstandsgruppen und auch den Versuchen der Offiziere nach, noch während der Kapitulationsverhandlungen ihren Anteil am Vernichtungskrieg kleinzureden.

Besonders eindringlich wird die Darstellung, wenn Ullrich in seinen Tageschroniken weiter blickt, über Deutschland hinaus, dorthin, wo junge Sozialisten wie Willy Brandt darauf hoffen, wieder nach Deutschland zurückzukehren. Und vielleicht hätte es sich auch gelohnt, in diesen Tagen zumindest auch nach Wien und Österreich zu schauen, wo es bereits seit dem 27. April eine neue, provisorische Staatsregierung gab.

Natürlich: Man wird über manche Schwerpunkte streiten können: Die Rolle der beiden Kirchen bleibt - auch in den historischen Rückblenden - etwas blass, und es sind eher die Schriftsteller und Politiker, für die sich Ullrich interessiert, weniger die Erfahrungswelt der "kleinen Leute". Ullrichs Buch macht eindringlich deutlich, wie wenig selbstverständlich es war, auf dem morastigen Untergrund dieser "Acht Tage im Mai" eine Demokratie zu gründen.

Und auch die Sozialdemokraten um Kurt Schumacher, die sich am 6. Mai 1945 in Hannover getroffen hatten, um ihre Partei wieder zu begründen, dürften davon nur geträumt haben - acht Tage im Mai, in denen Niederlage, Fanatismus und Gewalt ebenso spürbar waren wie die Hoffnung auf einen politischen Neubeginn, eine ruhige Nacht zum Schlafen und die Sehnsucht nach frischer Luft zum Atmen.

Dietmar Süß lehrt Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Augsburg.

© SZ vom 04.05.2020
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