NS-Geschichte Hitlers Hofstaat auf dem Obersalzberg

Adolf Hitler und Eva Braun beim Kaffee am Obersalzberg in den 1930er Jahren.

(Foto: SZ Photo)
  • Die Historikerin Heike Görtemaker versucht, Hitlers engster Entourage in seinem Alpenrefugium näherzukommen.
  • Zum Kern seines Hofstaates zählt Görtemaker drei Gruppen: das Personal, Ärzte, persönliche Adjutanten, Sekretärinnen, Chauffeure, Leibwächter, Diener, Vertreter der Regierung, des Militärs und der Partei und als dritte Fraktion die sozialen Zirkel.
  • Eine Sonderstellung nahmen Goebbels und Speer mit ihren Frauen ein.
Rezension von Knud von Harbou

Heike Görtemaker ist vertraut mit den Personen in Hitlers Umgebung. Die Potsdamer Historikerin hat sich schon 2010 mit Hitlers Geliebter (und kurz vor seinem Selbstmord angetrauter Frau) Eva Braun beschäftigt.

Sie weist nun darauf hin, dass bislang weder Funktion noch Funktionieren dieses engeren Kreises in der Literatur erörtert wurden. Hinzufügen könnte man, dass auch eine geschlossene Personenbeschreibung nicht vorlag. Erst unlängst hat Volker Ullrich im zweiten Band seiner Hitler-Biografie komprimiert die sogenannte Berghof-Gesellschaft während des Krieges abgehandelt. Vieles über diese Personen ist bereits dokumentiert, besonders über Prominente wie Goebbels, Speer und Bormann.

Zum Kern seines Hofstaates zählt Görtemaker drei Gruppen, einmal das Personal, Ärzte (Karl Brandt, Theodor Morell), persönliche Adjutanten, Sekretärinnen, Chauffeure, Leibwächter, Diener; dann militärische Adjutanten, Vertreter der Regierung, des Militärs und der Partei und als dritte Fraktion die sozialen Zirkel.

Eine Sonderstellung nahmen Goebbels und Speer mit ihren Frauen ein. Als Gruppe wahrnehmbar wurde sie, als Hitlers Aufstieg zum Alleinherrscher im Spätsommer 1934 beendet war und der Ausbau von Haus Wachenfeld auf dem Obersalzberg zum repräsentativen Berghof begann.

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Noch immer schwankt die Beurteilung zwischen "Zweckgemeinschaft" (Joachim Fest), "spießige bayerische Hitler-Gefolgschaft" (Albert Speer), Demonstration des "Nimbus seiner Unnahbarkeit" (Ian Kershaw).

In jedem Fall war es eine auf Hitler zentrierte geschlossene Gesellschaft. So sehr, dass er Gesetze und Verordnungen mittels "Führererlass" im Umlaufverfahren einbrachte, ohne Rücksprache mit den jeweiligen Ressortzuständigen. Wenn, dann geschah dies in eben diesem engeren Kreis, nicht mit den Mächtigen der NS-Bewegung, die auch gar keinen Zutritt zu seinem privaten Bereich hatten.

Die Autorin selbst gibt einen Überblick, wie viele Details die Forschung mittlerweile aufgearbeitet hat. So liest man erneut über die Frühgeschichte der NSDAP, die Personen, die Hitler um sich scharte.

Ein Kreis, der geschlossen und stabil nahezu bis Kriegsende als direkter Ansprechpartner für ihn wichtig war. Natürlich tauchen Fragen auf: Wer waren diese Personen, woher kamen sie, wie arrangierten sie sich mit der Monotonie der jeweiligen Befehlsstände Berghof und Wolfsschanze, Führerbunker Berlin? Sofern sie überlebten, überdauerte dieses Beziehungsnetz untereinander sogar den Krieg.

Nach Neugründung der NSDAP 1925 orientierte Hitler auch seine Umgebung neu: Alte Begleiter wie Christian Weber, Ernst Röhm oder Alfred Rosenberg rückten in den Hintergrund, dafür bekleidete etwa Goebbels 1926 die wichtige Position des Gauleiters von Berlin.

Im engsten persönlichen Umfeld bewegten sich nun Rudolf Heß, Ilse Pröhl, Emil Maurice, das Ehepaar Bruckmann, Ernst Hanfstaengl sowie der Fotograf Heinrich Hoffmann mit Familien. Der enorme Zuwachs an Parteimitgliedern - 1931 schon 260 000 - brachte es mit sich, dass die Zahl persönlicher Mitarbeiter stieg.

So wurden Parteiangelegenheiten von dem früheren SA-Kommandeur Wilhelm Brückner als Adjutant erledigt oder Otto Dietrich als Pressechef der etwa 70 NS-Zeitungen und verantwortlich für die Außendarstellung berufen. Kontakte zur Bourgeoisie und dem Finanzkapital zu eröffnen war Aufgabe von Magda Quandt, der späteren Frau von Joseph Goebbels.

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Menschenversuche und organisierter Massenmord

Görtemaker geht unter der Folie, Hitlers nächste Zuarbeiter zu schildern, den hinlänglich erforschten Komplexen wie der Machtübernahme oder dem Röhm-Mord 1934 nach, was ermüdend wirkt. Die Zäsur 1934 begründet sie mit der These: Aus dem Kreis der Täter für Hitler wurde ein Kreis um Hitler.

Bereits ein Jahr später änderte sich erneut Funktion und Zusammensetzung des Zirkels, Hitler schottete sich ab und lud nur noch selektiv auf den Berghof ein, der das Machtzentrum wurde. Das Bild des entsagungsvoll zurückgezogenen, sich nur seiner Aufgabe widmenden Führers hat hier seinen Ursprung.

Kriegsrealität und der Völkermord blieben absolutes Tabu

Den Berghof-Ausbau organisierte der ehemalige Landarbeiter ohne beruflichen Abschluss, der wegen Beihilfe zu Mord verurteilte Martin Bormann. Görtemaker rechtfertigt ihre Detailfreude mit dem Hinweis, dass der Berghof-Kreis bisher kaum Beachtung gefunden habe.

Ob dazu zählt, dass die Köchin zu Weihnachten "extra Geschenke" vom Führer erhalten hat, auf die sie "mächtig stolz" war, sei dahingestellt.

Dieses Bild verdichtet sie gewissermaßen durch eine Milieustudie, in der sie nochmals auf die Beziehung Hitlers zu Eva Braun eingeht. Beklemmend an dieser Atmosphäre war die Dominanz völlig unbedeutender Gestalten, die eine echolose Staffage für Hitlers berüchtigte Monologe abgaben.

Ausnahmen bildeten eigentlich nur Albert Speer, der Arzt Karl Brandt und Hitlers persönlicher Adjutant Nicolaus von Below, die ungehinderten Zutritt zu ihm hatten sowie, wenn auf dem Obersalzberg weilend, Joseph Goebbels (samt ihren Frauen).

Heike B. Görtemaker: Hitlers Hofstaat. Der innere Kreis im Dritten Reich und danach. Verlag C.H. Beck, München 2019. 528 Seiten, 28 Euro.

(Foto: )

Sie lebten in einer Gemeinschaft und wussten als solche natürlich um Kriegsplanungen und Judenvernichtung - entgegen ihren Einlassungen nach dem Krieg, von alledem hätten sie nie etwas mitbekommen. Stereotyp wiederholt sich die Aussage, man habe auf dem Berghof nur "Belangloses" auf "Bagatellniveau" ausgetauscht. In der Tat unterlag die Kriegsrealität und der Völkermord einem absoluten Tabu.

Gesprächsaufzeichnungen vom Berghof sind nicht überliefert. Das wussten die Teilnehmer wohl und versuchten sich so in den Verhören mit ihrer Rolle als stumme Zuhörer zu exkulpieren. Was aber auch zeigt, wie die NS-Führung ohne Kontrolle oder Widerspruch wenigstens traditioneller Eliten agieren konnte.

Speer anonymisiert dies noch weiter, als er in einem Interview nach dem Krieg im Zusammenhang mit den Zwangsräumungen jüdischer Wohnungen in Berlin und anschließender Deportation meinte, für ihn "waren (sie) keine Menschen mehr".

Nur verschwommen und pauschal artikuliert die Entourage in ihren Erinnerungen ihre Situation: "Von der Richtigkeit seiner Pläne" habe Hitler ihn, Below, überzeugt; der Krieg mit Polen sei "für alle überraschend gekommen", so Sekretärin Schroeder.

Der Text kreist oft um die Frage, wer was wusste. Die Antwort bleibt meist offen

Doch von allen Plänen erhielt der "Hofstaat" direkt oder indirekt genügend Kenntnis. Wie sollte sie Hitler denn auch in kleinstem Kreis geheim halten? Im Erleben der Begegnungen mit Staatsoberhäuptern, in ihrer Arbeit als Sekretärinnen, auf wochenlanger Begleitung des zum Hauptquartier umfunktionierten Sonderzuges, wo sie Zeugen der verbrecherischen Befehle wurden, in Besprechungen und Unterhaltungen auf engstem Raum, durch Heinrich Hoffmanns Fotos.

Doch alle bestritten, je etwas "von der jüdischen Frage" gehört zu haben. Verwertbar sind die Aufzeichnungen kaum, weil sie in ihrer Unschärfe wenig für eine historische Bewertung hergeben. So kreist der Text auch ständig um die Frage, "Was wusste wer?". Ergebnis nicht selten: "Es bleibt ein Geheimnis".

Das Leben in der Wolfsschanze, nahe dem ostpreußischen Rastenburg mit seinen 40 Gebäuden, Bunkern für mehr als 2000 Militär- und Zivilpersonen, bleibt ausgeklammert. Dabei wären die erdrückenden Lebensumstände dort wegen ihrer psychischen Auswirkungen relevant gewesen. Private Aufzeichnungen darüber gibt es jedoch nur wenige.

Eigentlich müsste es Heike Görtemaker nach ihrem Eva-Braun-Buch klar gewesen sein, was der private Quellenfundus hergibt. Die phänotypische Darstellung von Hitlers engstem Kreis aus überwiegend schlichten Menschen wiederholt das in der Literatur bereits Fixierte: eine Umgebung voller Servilität, Anpassung und lethargischem Schweigen inmitten eines monotonen Alltagslebens, die sich als immun gegen Auflösungen erwies.

Alles erstarb in alltäglicher Trivialität. Diese Sicht erklärt nichts und enthält keine neuen Erkenntnisse über Hitler, die Entwicklung und Realisation seiner Planungen. Diese etwa 20 Personen wirken als stumme, kritiklose Requisiten vor einem abgehobenen, mit erstaunlichem Selbstbewusstsein versehenen Hitler. Immerhin liegt jetzt eine spezifische Innenansicht vor, die so bislang nur in Teilaspekten untersucht wurde.

Hüten sollte man sich beim Lesen vor einem untergründigen Voyeurismus; dazu geben die Quellen nichts her. Wir müssen uns, um Hannah Arendt erneut zu strapazieren, mit der "Banalität des Bösen" in einem trivialen Alltagsgeschehen abfinden.

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