Süddeutsche Zeitung

Hitler-Attentat:"Es ist gemacht!"

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Am 20. Juli 1944 reagierten in den Berliner Führungsbehörden zunächst viele so, als sei das Attentat auf Hitler gelungen. Ein Augenzeugenbericht.

Wilhelm Melchers

Wilhelm Melchers trat 1925 in den Auswärtigen Dienst ein. Seit 1943 war er als Vortragender Legationsrat im Berliner Auswärtigen Amt tätig. Der Autor, der nach dem Krieg erneut im Auswärtigen Dienst stand, zuletzt als Botschafter in Athen, starb 1971. Der hier erstmals in geschlossener Form veröffentlichte Text stammt aus seinem Nachlass.

"Also, jetzt ist es endlich so weit." Adam von Trott, damals Legationsrat im Auswärtigen Amt, teilte mir mit, dass eine größere Gruppe unter Mitwirkung des Militärs einen Staatsstreich für einen der nächsten Tage plane. Hitler sollte beseitigt werden. Näheres dürfe er mir noch nicht mitteilen.

Er könne doch aber meiner Mitwirkung sicher sein? Man benötige im Amt einige zuverlässige und entschlossene Beamte. Auf meine Frage, wer beteiligt sei, mochte Trott noch keine Namen nennen, um niemanden zu gefährden.

"Die wissen über jeden von uns ganz genau Bescheid"

Am folgenden Morgen, dem 18. Juli, teilte ich Trott mit, welche Mitglieder des Auswärtigen Amts ich im kritischen Zeitpunkt für gefährlich oder nazistisch eingestellt und welche ich für zuverlässig hielte. Es sei erstaunlich, meinte Trott, wie tadellos das Auswärtige Amt sich über die elf Jahre seit 1933 gehalten habe; die Versuche vor allem des Ministers Joachim von Ribbentrop und seines berüchtigten Unterstaatssekretärs Martin Luther, das Amt zu nazifizieren, seien fehlgeschlagen. Auch wenn in die Presse-, Informations-, Rundfunk- und Inlandabteilung eine Menge unerwünschter Elemente eingedrungen sei, sei der Kern des Amts im wesentlichen gesund.

Dennoch stellte ich Trott die Frage, ob das feindliche Ausland, auf dessen Meinung es doch nach der unvermeidlichen Niederlage ankommen werde, diese Ansicht auch teile. "Lieber Melchers", antwortete Trott, "verlassen Sie sich darauf, die wissen über jeden von uns ganz genau Bescheid. Jeder wird so behandelt werden, wie er es verdient." Aber natürlich, so fügte er hinzu, müsse man dem Feind gegenüber die Schuld der Hitlerregierung für diesen Krieg voll zugeben.

Die nächste Unterhaltung zwischen uns fand am gleichen Tage nachmittags statt. Trott weihte mich nun ein, dass unser gemeinsamer Freund, der Vortragende Legationsrat Hans Bernd von Haeften, als Verbindungsmann zwischen den Militärs und dem Auswärtigen Amt fungiere. Sein Bruder sei der Adjutant des Obersten Graf Stauffenberg. Für uns hier in Berlin sei zunächst der Chef des Inlandheeres General Friedrich Olbricht maßgebend. Eine maßgebende Rolle spiele auch Generaloberst Ludwig Beck.

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"Es ist gemacht!"

Trott zufolge war das ganze Unternehmen von langer Hand sorgfältig vorbereitet. Der Staatsstreich sollte nicht nur in Berlin, sondern in der Provinz und im besetzten Gebiet sofort nach dem Attentat ausgelöst werden. Auch wenn der erste Teil der Aktion in Händen des Militärs lag, handelte es sich keineswegs um ein rein militärisches Unternehmen, sondern um eine von breiter Basis getragene Aktion, die auch die Opposition im Arbeiterlager mit umfasste. Mehrere einst führende Sozialdemokraten sollten mitarbeiten.

Regierungsviertel gesperrt

Sobald die Nachricht vom Gelingen des Attentats vorliege, sollte das Regierungsviertel Berlin abgesperrt und niemand mehr hinein- und herausgelassen werden. Bis zur Übernahme des Amts durch die neue Regierung werde von Haeften die notwendigen Vollmachten im Auswärtigen Amt in Händen haben. Vermutlich werde der morgige Tag die Entscheidung bringen. Ich sollte dann unauffällig versuchen, andere Gleichgesinnte unter irgendwelchen Vorwänden in der Nähe zu halten, dürfe sie aber keinesfalls etwas merken lassen. Später teilte Trott mir mit, das Unternehmen sei um einen Tag verschoben worden.

Am 20. Juli bat Trott mich gegen 15 Uhr telefonisch, ihn im Zimmer des Staatssekretärs Keppler aufzusuchen. Trott war auffallend blass; nachdem ich die Tür zum Vorzimmer, in dem seine Sekretärin arbeitete, hinter mir geschlossen hatte, sagte er mit leiser Stimme: "Es ist gemacht!" Dabei tat er mit dem Zeigefinger, als drücke er eine Pistole ab.

Wir öffneten eines der großen Fenster und sahen auf die Wilhelmstraße hinaus, durch die der Verkehr noch ungehemmt floss. Kurz danach deutete Trott auf seinen Schreibtisch; dort lag ein fertiger Brief zur Unterschrift. Er endete mit der vorgeschriebenen Grußformel "Heil Hitler!" Leise lachend meinte Trott: "Diesen elenden Gruß brauche ich nun nicht mehr zu unterschreiben!"

Darauf bat mich Trott, ihn zu verlassen; er werde mich rufen, sobald das Regierungsviertel abgesperrt sei. "Bis dahin schweigen Sie bitte so lange, bis Haeften hier ankommt."

Auf dem Korridor begegnete ich etwas später dem Vortragenden Legationsrat Ulrich Dörtenbach. Er fragte mich, ob ich eben die Rundfunksondermeldung gehört habe: Es sei ein Attentat auf Hitler erfolgt, aber misslungen. Hitler sei so gut wie unverletzt.

Ich war wie erstarrt.

Mein erster Gedanke war, die Nachricht sei vielleicht eine absichtliche Irreführung durch die Nazis oder aber eine taktische Falschmeldung unserer Leute. Ich suchte meinen Freund Legationsrat Ullrich auf. Der hatte zwar ein Radio im Zimmer stehen, aber noch nichts gehört. Entsprechend entsetzt reagierte er, als ich ihm von der Sondermeldung erzählte.

Danach ging ich wieder zu Trott. Bei ihm saß sein wissenschaftlicher Mitarbeiter und Freund Alexander Werth, der Trott offenbar gerade über die Sondermeldung unterrichtet hatte. Werth meinte, es komme jetzt alles darauf an, dass die Militärs ihr Programm durchführten, einerlei ob Hitler tot sei oder nicht.

Wieder sahen wir auf die Wilhelmstraße hinunter. Sie war jetzt fast leer und offensichtlich schon abgesperrt. Man ließ nur noch die unterwegs befindlichen Wagen und Passanten abziehen. Militärpatrouillen im Stahlhelm wiesen alle, die die anliegenden Gebäude verlassen wollten, zurück. "Gottseidank", rief Trott, "die Sache klappt also doch!" Es sei jetzt egal, ob das Attentat gelungen sei oder nicht. Der Staatsstreich sei im Gange, das sei gar keine Frage. Jetzt gäbe es wenigstens kein Zurück mehr, wir müssten zupacken und unsere Köpfe hinhalten, wie die Militärs es täten.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie der Autor die ungewisse Zeit des Abwartens erlebte.

"Es ist gemacht!"

Die bedrückte Stimmung, die uns befallen hatte, wich einer erleichterten Aufgeräumtheit. Überall in der Wilhelmstraße öffneten sich die Fenster; alles sah mit Spannung der Entwicklung entgegen. "Hoffentlich kommt Haeften bald", sagte Trott und bat mich, im Amt Umschau zu halten. Vor allem sollte ich feststellen, was auf dem Flur der Personalabteilung vor sich gehe.

Ich traf dort eine ganze Reihe von Kollegen in angeregtem Gespräch. Der mir eng befreundete Dirigent der Personalabteilung, Helmut Bergmann, zog mich in sein Zimmer, sah mich an und schwieg lange. Dann sagte er: "Melchers, was jetzt kommt, wird nicht komisch. Sehen Sie Ihre Notizbücher und Ihren Schreibtisch noch mal durch und nehmen Sie sich beim Telefonieren in Acht." Ich fragte ihn, ob er denn glaube, das Regierungsviertel sei auf Befehl Himmlers abgesperrt. Er fragte zurück, ob ich Veranlassung hätte, etwas anderes anzunehmen. Wir wurden unterbrochen, und ich ging wieder in Trotts Zimmer.

Dort war inzwischen Haeften angekommen. Wie Trott beteuerte er, dass ein Misslingen unmöglich sei, auch wenn Hitler noch lebe, wovon beide aber anscheinend nicht überzeugt waren.

Haeften erwartete jeden Augenblick von den Militärs die Weisung, das Amt vorläufig zu übernehmen. Er schien genau zu wissen, welche Sofortmaßnahmen er durchführen und welche Personen er verhaften lassen musste. Wir fragten uns, ob wir Bergmann einweihen sollten. Haeften zögerte. Bergmanns Gesinnung stehe außer jedem Zweifel, meinte er, doch sei er zu sehr Beamter, um sich sofort zur Teilnahme an einer noch unsicheren Sache entschließen zu können.

Dennoch entschloss Haeften sich, Bergmann aufzusuchen. Währenddessen versuchte Trott, Haeftens Bruder, den Adjutanten Stauffenbergs, anzurufen, bekam aber keine Verbindung. Dann kam Haeften enttäuscht zurück. Es sei so gewesen, wie er erwartet habe. Bergmann habe ihm geantwortet, er wolle das Gesagte nicht gehört haben. Im übrigen könne er ihm, Haeften, nur den guten Rat geben, seine Finger von Dingen zu lassen, die für ihn zu nichts Gutem führen und auch für andere verhängnisvoll werden könnten.

Mehr Eingeweihte als gedacht

Darauf fragte Trott mich, ob man sich wenigstens auf Bergmanns Anständigkeit verlassen könne. Ich erwiderte, Haeften könne gänzlich unbesorgt sein. Im übrigen habe Bergmann meiner Ansicht nach in der jetzigen Lage gar keine andere Antwort geben können. Man dürfe schließlich nicht vergessen, dass er als Personalchef der gesamten Belegschaft des Auswärtigen Amtes gegenüber eine besonders schwere Verantwortung trage.

In der anschließenden Unterhaltung erfuhr ich, dass auch der Gesandte Otto von Hentig und der Legationsrat Herbert Blankenhorn eingeweiht waren. Einige in Europa tätige Beamte, darunter Haeftens Vetter Gerritt von Haeften, der Generalkonsul in Basel, sollten telefonisch ins Amt einberufen werden.

Nachdem Haeften immer wieder bei seinem Versuch scheiterte, telefonische Verbindung mit den Militärs aufzunehmen, kamen mir allmählich doch Bedenken; ich äußerte Zweifel, ob die wiederholten Anrufversuche klug seien. Andererseits deutete die immer noch bestehende Absperrung des Regierungsviertels darauf hin, dass die Aktion noch lief. Doch dann sahen wir plötzlich, dass die Straße wieder freigegeben war, Menschen und Wagen strömten wieder am Hause vorüber.

Ich bat Haeften und Trott nun nachdrücklich, das Telefonieren zu unterlassen, um sich nicht außerordentlich zu gefährden. Am besten, so schlug ich vor, verließen wir jetzt unverzüglich das Zimmer. Werth pflichtete mir lebhaft bei; er selbst musste nun sowieso dienstlich fort.

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"Es ist gemacht!"

Gegen sieben Uhr abends erklärte Trott, er wolle bis acht in seinem Zimmer bleiben, um für Mitverschwörer erreichbar zu sein. Ich sagte ihm, ich sei für ihn und Haeften jederzeit die ganze Nacht über im nahegelegenen Hotel Adlon, wo ich wohnte, zu erreichen. Ich aß dann im Adlon mit einigen Kollegen zu Abend und ging früh zur Ruhe, da ich maßlos enttäuscht und erschöpft war.

Die Grausamkeit kennt keine Grenzen

Mitten in der Nacht gellte das vom Rundfunk übertragene Organ Hitlers durchs Hotel. Er geiferte gegen die "Usurpatoren", und es war klar: Die Rachsucht dieses Mannes würde sich überschlagen; die Grausamkeit seiner Schergen würde neue unerhörte Orgien feiern.

Am folgenden Tag traf ich Trott in seinem Zimmer an. Er sagte, dass er sich am gestrigen Abend noch bis 11 Uhr hier aufgehalten habe, dass aber nichts mehr geschehen sei. Wir verabredeten genau, was wir sagen wollten, wenn wir etwa gefragt würden, warum wir gestern Nachmittag in Trotts Zimmer zusammengekommen seien.

Wir waren ja zum Mindesten gemeinsam am Fenster gesehen worden. Es war nicht schwierig, eine Sprachregelung zu finden, da sich unsere Arbeitsgebiete eng berührten. Werth als Vertreter Trotts passte gleichfalls in den Rahmen und Haeften war ihr gemeinsamer Vorgesetzter als stellvertretender Dirigent der Kulturpolitischen Abteilung.

Wenig später teilte Trott mir mit, dass Haeftens Bruder, der Adjutant des Grafen Stauffenberg, erschossen worden sei. Danach habe ich Trott nicht wieder gesehen. Bergmann teilte mir wenig später streng vertraulich mit, dass er verhaftet worden sei - ebenso wie Hans Bernd von Haeften. Im übrigen haben Bergmann und ich, obwohl wir sehr eng miteinander befreundet waren, danach nie mehr ein Wort über die Erlebnisse des 20. Juli zueinander gesprochen.

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Quelle:
SZ vom 19.7.2008/vw/odg
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