Hitler-Attentat:"Es ist gemacht!"

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Trott zufolge war das ganze Unternehmen von langer Hand sorgfältig vorbereitet. Der Staatsstreich sollte nicht nur in Berlin, sondern in der Provinz und im besetzten Gebiet sofort nach dem Attentat ausgelöst werden. Auch wenn der erste Teil der Aktion in Händen des Militärs lag, handelte es sich keineswegs um ein rein militärisches Unternehmen, sondern um eine von breiter Basis getragene Aktion, die auch die Opposition im Arbeiterlager mit umfasste. Mehrere einst führende Sozialdemokraten sollten mitarbeiten.

Hitler-Attentat: Die Figur des nationalsozialistischen Diktators bleibt umstritten. Gleich nach der Eröffnung des Wachsfigurenkabinetts "Madame Tussauds" riss ein Besucher ihr den Kopf ab.

Die Figur des nationalsozialistischen Diktators bleibt umstritten. Gleich nach der Eröffnung des Wachsfigurenkabinetts "Madame Tussauds" riss ein Besucher ihr den Kopf ab.

(Foto: Foto: ddp)

Regierungsviertel gesperrt

Sobald die Nachricht vom Gelingen des Attentats vorliege, sollte das Regierungsviertel Berlin abgesperrt und niemand mehr hinein- und herausgelassen werden. Bis zur Übernahme des Amts durch die neue Regierung werde von Haeften die notwendigen Vollmachten im Auswärtigen Amt in Händen haben. Vermutlich werde der morgige Tag die Entscheidung bringen. Ich sollte dann unauffällig versuchen, andere Gleichgesinnte unter irgendwelchen Vorwänden in der Nähe zu halten, dürfe sie aber keinesfalls etwas merken lassen. Später teilte Trott mir mit, das Unternehmen sei um einen Tag verschoben worden.

Am 20. Juli bat Trott mich gegen 15 Uhr telefonisch, ihn im Zimmer des Staatssekretärs Keppler aufzusuchen. Trott war auffallend blass; nachdem ich die Tür zum Vorzimmer, in dem seine Sekretärin arbeitete, hinter mir geschlossen hatte, sagte er mit leiser Stimme: "Es ist gemacht!" Dabei tat er mit dem Zeigefinger, als drücke er eine Pistole ab.

Wir öffneten eines der großen Fenster und sahen auf die Wilhelmstraße hinaus, durch die der Verkehr noch ungehemmt floss. Kurz danach deutete Trott auf seinen Schreibtisch; dort lag ein fertiger Brief zur Unterschrift. Er endete mit der vorgeschriebenen Grußformel "Heil Hitler!" Leise lachend meinte Trott: "Diesen elenden Gruß brauche ich nun nicht mehr zu unterschreiben!"

Darauf bat mich Trott, ihn zu verlassen; er werde mich rufen, sobald das Regierungsviertel abgesperrt sei. "Bis dahin schweigen Sie bitte so lange, bis Haeften hier ankommt."

Auf dem Korridor begegnete ich etwas später dem Vortragenden Legationsrat Ulrich Dörtenbach. Er fragte mich, ob ich eben die Rundfunksondermeldung gehört habe: Es sei ein Attentat auf Hitler erfolgt, aber misslungen. Hitler sei so gut wie unverletzt.

Ich war wie erstarrt.

Mein erster Gedanke war, die Nachricht sei vielleicht eine absichtliche Irreführung durch die Nazis oder aber eine taktische Falschmeldung unserer Leute. Ich suchte meinen Freund Legationsrat Ullrich auf. Der hatte zwar ein Radio im Zimmer stehen, aber noch nichts gehört. Entsprechend entsetzt reagierte er, als ich ihm von der Sondermeldung erzählte.

Danach ging ich wieder zu Trott. Bei ihm saß sein wissenschaftlicher Mitarbeiter und Freund Alexander Werth, der Trott offenbar gerade über die Sondermeldung unterrichtet hatte. Werth meinte, es komme jetzt alles darauf an, dass die Militärs ihr Programm durchführten, einerlei ob Hitler tot sei oder nicht.

Wieder sahen wir auf die Wilhelmstraße hinunter. Sie war jetzt fast leer und offensichtlich schon abgesperrt. Man ließ nur noch die unterwegs befindlichen Wagen und Passanten abziehen. Militärpatrouillen im Stahlhelm wiesen alle, die die anliegenden Gebäude verlassen wollten, zurück. "Gottseidank", rief Trott, "die Sache klappt also doch!" Es sei jetzt egal, ob das Attentat gelungen sei oder nicht. Der Staatsstreich sei im Gange, das sei gar keine Frage. Jetzt gäbe es wenigstens kein Zurück mehr, wir müssten zupacken und unsere Köpfe hinhalten, wie die Militärs es täten.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie der Autor die ungewisse Zeit des Abwartens erlebte.

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