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Nazi-Ikone Blutschwester Pia:Vernichtende Polizeinotiz

Eleonore Baur wurde am 7. September 1885 in Kirchdorf bei Bad Aibling geboren. "Meine Mutter", schildert sie in einer richterlichen Vernehmung am 10. Oktober 1949 im Arbeitslager Eichstätt, "ist kurz nach meiner Geburt gestorben. Mein Vater hat wieder geheiratet (...), ich war damals sechs oder sieben Jahre alt." Die Stiefmutter habe sie schlecht behandelt, "ich musste täglich um viertel nach vier Uhr aufstehen und in München an verschiedene Leute Milch austragen."

Sie habe sieben Jahre die Volksschule besucht, und habe noch am Tage ihrer Schulentlassung eine Stelle als Dienstmädchen bei einer Hebamme antreten müssen. 1905, also im Alter von 20 Jahren, sei sie mit einer befreundeten Krankenschwester nach Ägypten gefahren und dort in einem deutschen Krankenhaus als Krankenschwester ausgebildet worden.

Reise nach Ägypten

In der Spruchbegründung der Hauptspruchkammer München vom 26. August 1949 liest sich das so: "Schlechte häusliche Verhältnisse, mangelhafte Erziehung, keine Selbstzucht und ein übersteigertes Sexualempfinden brachten sie schon in ihrer frühesten Jugend mit der Polizei beziehungsweise Gesundheitsbehörde in Konflikt. Einen Beruf hat sie nicht erlernt, es entwickelte sich infolge ihrer Hemmungslosigkeit eine Art Abenteurernatur und 1905 reiste sie angeblich zur Pflege nach Ägypten."

Worauf sich die Aussage über das "gesteigerte Sexualempfinden" und die "Hemmungslosigkeit" stützen, geht aus den Spruchkammerakten nicht hervor; offensichtlich existierte ein inzwischen vernichteter Eintrag in den Polizeiakten über einen Vorfall, den Eleonore Baur im März 1949 gegenüber Ärzten der Münchner Universitätsnervenklinik, wo ein psychiatrisches Gutachten über sie angefertigt wurde, so darstellte:

"Nach einem Streit mit der Stiefmutter sei sie einmal aus dem Haus gelaufen und geradewegs auf die Theresienwiese. Dort sei ihr in der Dämmerung ein Mann begegnet, der sie auf den Boden geworfen und zu vergewaltigen versucht habe. Es sei bei diesem Vorfall nicht zu einem Verkehr gekommen und sie habe keineswegs, wie bei der Polizei behauptet worden sei, den Mann dazu animiert. Sie sei acht Tage in Polizeigewahrsam gewesen wegen angeblicher öffentlicher Unzucht. Noch heute (1949) fühle sie sich durch diese Ungerechtigkeit bedrückt."

Reichstagsbrand 1933

Demokratie in Flammen

In dem gleichen Jahr, in dem Eleonore Baur nach Ägypten reiste, wurde sie Mutter eines Sohnes, den sie vor ihrer Abreise ihrer Stiefmutter in Pflege gab. (Der Vater war nach ihren eigenen Angaben ein Jurastudent, der 1938 tödlich verunglückte; der von ihrem späteren ersten Ehemann adoptierte Sohn, Wilhelm Baur, machte unter den Nazis Karriere; er wurde Leiter des Zentralverlags der NSDAP und Vizepräsident der Reichsschrifttumsskammer; er fiel in den letzten Kriegsstagen in Berlin.)

Eleonore Baur blieb etwa zwei Jahre in Ägypten, dann kehrte sie, weil sie "sehr viel Heimweh hatte", wieder nach München zurück. In der Folgezeit habe sie privat als Krankenschwester gearbeitet; von einer Vereinigung freier Schwestern, die den Namen "Gelbes Kreuz" trug, habe sie den Namen "Schwester Pia" verliehen bekommen.