Historische Zäsur Insel Berlin - eine "tendenziell surreale Stadt"

Der Auschwitzprozess hatte bekanntlich von 1963 an eine Veränderung eingeleitet, das ganze Ausmaß der Verbrechen war aber noch weithin unbekannt. Die These, Achtundsechzig habe keinen Fortschritt für die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit bedeutet, ist allerdings eine zu starke Zuspitzung der Autorin.

Man denke etwa an die vom SDS organisierte Ausstellung "Ungesühnte Nazi-Justiz" 1959 in Karlsruhe und 1960 in Berlin oder an die von Studierenden angeregten Veranstaltungen zur Rolle der Universitäten im Nationalsozialismus in den Jahren 1964 und 1965. Hier wurden immerhin wichtige Fragen formuliert, auch wenn der inflationäre Faschismusvergleich freilich wenig hilfreich war.

Der Tomatenwurf spielt auch in einer anderen Neuerscheinung zum fünfzigsten Jubiläum von Achtundsechzig eine Rolle. Für das Buch "Berlin. Stadt der Revolte" haben Michael Sontheimer und Peter Wensierski unter anderem Helke Sander interviewt. Die Journalisten bewegen sich durch Berlin und widmen sich in Reportagen verschiedenen Erinnerungsorten wie etwa dem SDS-Zentrum auf dem Kurfürstendamm oder dem ersten Kinderladen in der Kopfstraße.

Mit Holzleitern in den Osten geflüchtet - vor Westberliner Polizisten

Daraus entsteht eine Protestgeschichte, die von 1965 bis 1990 reicht und den Osten und den Westen gleichermaßen erfasst: von Studentenprotesten über die RAF, die Gründung der taz und die Hausbesetzerszene bis hin zur Ostberliner Oppositionsbewegung.

Sontheimer und Wensierski, beide Mitte der Fünfziger geboren, studierten in den Siebzigerjahren an der Freien Universität Berlin, sie sind mit manchen der Ereignisse persönlich vertraut und haben Zeitzeugen befragt. Ihr Buch liefert dichte Beschreibungen untergegangener Milieus; kritische Analysen oder überraschende Deutungen enthält es freilich nicht.

Besonders spannend ist der Band gerade dann, wenn es um den Osten der Stadt geht. Zu Beginn der Achtzigerjahre entstand auch in Ostberlin eine Gruppe der "Frauen für den Frieden". Sie protestierten, letztlich erfolgreich, vor allem gegen ein neues Wehrpflichtgesetz, mit dem von 1982 an auch Frauen zur Volksarmee eingezogen werden sollten. Eindrucksvoll sind zudem die Passagen über den Literarischen Salon von Wilfriede und Ekkehard Maaß, über den Sitz des Untergrundverlags, der die radix-blätter druckte, oder über die Wohnung von Bärbel Bohley in der Fehrbelliner Straße 91, die ein Treffpunkt der Oppositionsbewegung wurde.

Studentenrevolte 1967/68

Als Polizisten Pflastersteine warfen

"So etwas konnte es nur in einer tendenziell surrealen Stadt geben", heißt es zu Beginn einer der Reportagen. Und wenn man eine Weile in dem Buch liest, wird klar, wie das gemeint ist. Die Autoren erzählen Geschichten von einer Insel, auf der Dinge geschahen, die heute unfasslich erscheinen. Da ist etwa der 1. Juli 1988: Die DDR hatte beim Mauerbau ein Dreieck ausgespart, immerhin 40 000 Quadratmeter nördlich des Potsdamer Platzes. In den Achtzigerjahren wurde mit Westberlin über den Verkauf des Areals verhandelt, schließlich einigte man sich auf eine Summe von 76 Millionen D-Mark.

Doch Ende Mai, gut einen Monat bevor das Grundstück den Besitzer wechseln sollte, besetzten Punks und Autonome das Gebiet. Nach einer Woche wurde um die Besetzer, die mittlerweile ein kleines Hüttendorf errichtet hatten, ein zwei Meter hoher Zaun gezogen. Am 1. Juli um Mitternacht, als das Areal offiziell bereits zu Westberlin gehörte, rückte die Polizei an. Die Besetzer, zu diesem Zeitpunkt 182 Personen, kletterten über Holzleitern in den Ostteil und ließen verdutzte Polizisten hinter sich. Nach einem Frühstück kehrten sie über den Bahnhof Friedrichstraße in den Westen zurück.

Achtundsechzig habe, das ist die Bilanz der Autoren, eine Kulturrevolution in Gang gesetzt, und Feministinnen hätten, hier stimmen sie mit Christina von Hodenberg überein, "mit der Demontage des Patriarchats" begonnen. Während diese Deutung überzeugt, mutet das Lamento, das die Autoren im Nachwort anstimmen, merkwürdig an.

Sie beklagen, mittlerweile kämen nicht länger "junge Anarchisten und Künstler" nach Berlin, "sondern die karrieristischen Töchter und Söhne der Wohlhabenden aus München und Stuttgart" oder junge Spanier und Griechen, die nach Arbeit suchten: "Sie wissen nicht viel über Berlin, sie interessieren sich nicht weiter für die Stadt und ihre Geschichte. Für viele von ihnen ist Berlin eine transit city, eine coole Zeile für einen globalisierten Lebenslauf." Selbst wenn es genauso wäre: So what? Es gibt nun mal keine Pflicht zur historischen Auseinandersetzung.