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Historische Zäsur:Achtundsechzig war mehr als ein Aufstand

Demonstrationen nach Attentat auf Dutschke

Das Attentat auf Rudi Dutschke löste eine Welle von Protesten aus, wie hier am Ostersonntag 1968 auf dem Kurfürstendamm.

(Foto: dpa)

Wie wird die Studentenrevolte 50 Jahre später bewertet? Im Rückblick erscheint 1968 vielschichtiger, als viele glauben, aber auch provinzieller.

Am 13. September 1968 findet in Frankfurt am Main der 23. Delegiertenkongress des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes statt. Helke Sander hält dort als Vertreterin des Aktionsrates zur Befreiung der Frau eine Rede, in der sie betont, die Unterdrückung der Frauen lasse sich nicht individuell lösen und die Frage könne auch nicht auf die Zeit nach der Revolution vertagt werden. Damit kritisiert sie die in großen Teilen der Studentenbewegung vorherrschende Überzeugung, erst müsse der Hauptwiderspruch, der Kapitalismus, beseitigt werden, dann erledigten sich auch die Sache mit den Geschlechterrollen und die anderen Nebenwidersprüche.

Hans-Jürgen Krahl, einer der intellektuellen Köpfe der Bewegung, dem an der Aktualisierung des Klassenkampfes liegt, will nach der Rede Sanders zur Tagesordnung übergehen. Doch Sigrid Rüger, SDS-Aktivistin von der Freien Universität Berlin, wirft aus dem Saal heraus Tomaten Richtung Podium. Und eine davon trifft Krahl.

Während die in dieser Szene enthaltenen Konflikte in der Geschichtsschreibung zu Achtundsechzig bisher keine dominante Rolle spielen, wurde der Tomatenwurf selbst zu einem prominenten Moment, vergleichbar mit den Protesten gegen den Schah-Besuch, dem Attentat auf Rudi Dutschke oder der Ohrfeige für Kanzler Kiesinger.

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Dass Achtundsechzig komplexer, heterogener und auch provinzieller war, als es ikonische Bilder glauben machen, will Christina von Hodenberg, die an der Queen Mary University in London Europäische Geschichte lehrt, mit ihrem Buch "Das andere Achtundsechzig" zeigen. Sie deutet die Protestbewegung nicht in erster Linie als Generationenkonflikt, nicht als Auslöser einer sexuellen Revolution, als Kampf gegen NS-belastete Eltern oder allein als kulturelle Revolte. Die zentrale Errungenschaft von Achtundsechzig sei vielmehr die Politisierung der Geschlechterverhältnisse.

Hodenbergs wichtigste Quellen sind Interviews mit um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert geborenen Menschen, die in den Sechzigerjahren im Rahmen der "Bonner Längsschnittstudie des Alters" entstanden, sowie Gespräche, die 1967/68 an der Bonner Universität mit Angehörigen der Jahrgänge 1909 bis 1934 stattfanden. Ergänzt wird dieser Korpus um Interviews, die am Bonner Stadtmuseum 2005/06 mit ehemaligen Studierenden geführt wurden, die sich 1968 politisch engagiert hatten. Die Autorin hat also drei Generationen im Blick. Und Bonn muss als Beispiel für die Provinz herhalten.

Höchstens ein abstraktes Verständnis des Nationalsozialismus

Christina von Hodenberg deutet Achtundsechzig als Protest gegen Autorität und althergebrachte Hierarchien, der individuelle Freiheitsspielräume erweitert habe. Dabei sei der Aktivismus der Frauen langfristig am wirkmächtigsten gewesen; so habe er unter anderem die neue westdeutsche Frauenbewegung begründet: "Es gab einen weiblichen Marsch durch die Institutionen Ehe, Familie und Betrieb, hin zu einer weniger geschlechterspezifischen Aufgabenverteilung."

Dass viele kulturelle Wandlungen im Hinblick auf Sexualität, Erziehung oder Bildung ohnehin bereits eingesetzt hatten, räumt sie durchaus ein. Der Wandel von Geschlechter- und Erziehungsnormen wurde zudem nicht nur von der studentischen, sondern auch von Teilen der mittleren Generation getragen, wie die Historikerin aufzeigen kann.

Der Vorwurf, Hodenberg schreibe Achtundsechzig nun in eine Studentinnenbewegung um oder sie tue so, als hätten damals nicht Männer den Laden dominiert, wie ihn Wolfgang Kraushaar in der Süddeutschen Zeitung ("Umso schlimmer für die Tatsachen" vom 25. April) erhoben hat, ist allerdings haltlos, ja geradezu absurd. Ihr gelingt es vielmehr, Dynamiken ins Blickfeld zu rücken, die bislang zu wenig Aufmerksamkeit erfahren haben.

Interessant ist in der Monografie noch ein weiterer Aspekt: Zwar hätten die Studierenden politische Gegner stets schnell als "Nazis" oder "Faschisten" diffamiert, die eigenen Eltern hätten sie jedoch eher selten mit der NS-Vergangenheit konfrontiert. Stattdessen seien oft apologetische Familienmythen übernommen worden. Die meisten hätten, so Hodenberg, höchstens ein abstraktes Verständnis des Nationalsozialismus gehabt, was damals auch nicht anders zu erwarten gewesen sei. Die Erforschung des Nationalsozialismus und seiner Kontinuitäten stand schließlich bestenfalls am Anfang.