Rede auf Filbinger:Historiker widersprechen Oettinger

NSDAP-Antrag von Filbinger

Der NSDAP-Aufnahmeantrag von Hans Filbinger von 1937. Das Dokumenten lagert im Bundesarchiv in Berlin.

(Foto: dpa)

"Filbinger hatte Handlungsspielraum": Was von Günther Oettingers Aussagen zu Hans Filbingers Nazi-Vergangenheit zu halten ist.

Oliver Das Gupta

Günther Oettinger äußerte sich in einem Interview mit der Bild-Zeitung abermals zur Causa Filbinger. Die renommierten Historiker Wolfram Wette und Manfred Messerschmidt nehmen zu einigen dieser Aussagen Stellung.

Oettinger zur SA-Mitgliedschaft Hans Filbingers: "In der SA waren viele Anhänger, aber auch viele Menschen, die nicht die Kraft zum Widerstand hatten."

In die Sturmabteilung, kurz SA, kam man nicht automatisch, sondern durch einen Aufnahmeantrag. Der Militärhistoriker Manfred Messerschmidt beschreibt zwei Wege in die SA: Mitglied konnte man freiwillig werden, indem man sich meldete. Die andere Variante war der SA-Wehrsport. Ganze Sportorganisationen wurden "geschlossen" von der SA übernommen. Ob sich einzelne Mitglieder unfreiwillig bei den Braunhemden wiederfanden, ist im Einzelfall schwer nachprüfbar, sagt Messerschmidt.

Filbinger war offenbar nicht Mitglied in einer Sportorganisation - wohl aber zeitweise im Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund (NSDStB) und dem Historiker Wolfram Wette zufolge ab Mai 1937 in der NSDAP.

Oettinger über Filbingers Geisteshaltung: "[Er war] ein zutiefst christlicher und konservativer Mensch mit einer belegbaren inneren Distanz zum NS-Regime.

Wolfram Wette sagt zu dieser Aussage: "Tatsächlich kann man das nicht belegen. Belegen kann man aber ganz andere Dinge: die Mitgliedschaften in NSDStB, SA und NSDAP." Als Soldat und Marinerichter sei Hans Filbinger ein "Funktionierer" gewesen, kurzum: ein "ehrgeiziger Karrieremann".

Nach Filbingers Sturz 1978 sann er darauf, sich und sein Lebenswerk zu rehabilitieren. "Wohl aus diesem Grunde gründete er das Studienzentrum Weikersheim", sagt Wette. Dort habe er Leute vom rechten Rand der CDU und noch weiterer rechts versammelt, damit sie zur "geistig-moralischen Erneuerung" (Filbinger) beitragen. "Er hat nie begriffen, dass er selbst Ursache seines Rücktrittes war."

Oettinger zu Filbingers Rolle beim Todesurteil gegen den Deserteur Walter Gröger: "Selbst der Verteidiger von Gröger hat später bestätigt, dass Filbinger keinen Spielraum hatte."

Zu Filbingers Handlungsspielraum "Filbinger hatte durchaus Handlungsspielraum", sagt Messerschmidt. Es habe Fälle gegeben, wo Ankläger nicht den Anweisungen des übergeordneten Gerichtsherrn folgten - ohne später bestraft worden zu sein. Doch diese Courage hatte Filbinger nicht: "Dafür hätte man eine ganz andere psychische Struktur haben müssen als 'der Untertan' Filbinger", sagt Wette.

Zum Rechtsbeistand Grögers Der Name von Grögers Rechtsanwalt ist im Urteil nicht erwähnt. Vermutlich handelte es sich um keinen zivilen Rechtsbeistand, sondern um einen Soldaten. Historiker Messerschmidt sagt, dass es sich meistens um Offiziere handelte. Die hätten zumeist "mitfunktioniert" - im Sinne der Anklage.

Dass Oettinger den Verteidiger als Auskunftsperson heranziehe, sei abwegig, sagt Wette. Nach dem Krieg waren laut Messerschmidt viele Beteiligte daran interessiert, die NS-Militärjustiz in nicht allzu schlechtem Licht erscheinen zu lassen.

Die Wehrmachtsdeserteure wurden erst 2002 vollständig rehabilitiert.

Manfred Messerschmidt ist Militärhistoriker, bis 1988 wirkte er am Militärgeschichtlichen Forschungsamt in Freiburg. 2005 erschien sein Buch "Die Wehrmachtjustiz 1933-1945".

Wolfram Wette lehrt Neueste Geschichte am Historischen Seminar der Universität Freiburg im Breisgau. Er gab 2006 das Buch "Filbinger. Eine deutsche Karriere" heraus.

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