Historiker Robert Gerwarth "Ab 1917 geht es dann stärker um existenzielle Ziele"

Wie kam es zu dieser Entgrenzung?

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs herrscht eine klassische, noch sehr stark dem 19. Jahrhundert verhaftete Kriegslogik. Ziel ist letztlich die Hegemonie auf dem europäischen Kontinent. Etwa ab 1917 geht es dann sehr viel stärker um existenzielle Ziele, um die Implementierung einer völlig neuen Gesellschaftsordnung oder die Zerschlagung der Landimperien.

Stichworte: "Diktatur des Proletariats" und Neustaatenbildung?

Richtig. Und egal, ob das jetzt Klassenfeinde sind oder ethnische Feinde: Die Qualität und die Logik der Gewalt, die hinter deren Vernichtung steht, ist eine andere als die, die wir noch in dem zwischenstaatlichen Krieg 1914 sehen. Bemerkenswert am Ersten Weltkrieg ist auch, dass dieser Krieg zwischen Millionen von Soldaten zumindest an der Westfront am 11. November 1918 auf Anordnung von oben sofort beendet werden kann. Diese Art von Friedensstiftung ist in vielen Konflikten, die wir unmittelbar danach in Osteuropa finden, unmöglich - Kapitulation ist schlicht undenkbar.

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Beim Lesen Ihres Buches fühlt man sich häufig an heutige Entwicklungen erinnert, gerade was das Aufkommen nationalistischer oder extrem rechter Strömungen angeht.

Geschichte wiederholt sich nie eins zu eins. Allerdings lassen sich viele der Konflikte, mit denen wir heute konfrontiert sind, bis in die Zeit unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg zurückverfolgen.

Welche zum Beispiel?

Die Terrormiliz "Islamischer Staat" etwa hat als Ziel die Wiederherstellung des nach dem Ersten Weltkrieg abgeschafften Kalifats und die Revision der territorialen Neuordnung des Nahen Ostens, die in Paris 1919 beschlossen wurde. Beim Krieg in der Ostukraine wird im politischen Diskurs stets auf den kurzen Moment staatlicher Unabhängigkeit von 1918 verwiesen. Rechtsextreme Bewegungen tragen das Erbe jener Zeit immer mit sich.

Lässt sich aus der Geschichte von damals für die heutige Politik lernen?

Ob wir daraus Lehren ziehen können, zum Beispiel für die Bekämpfung rechtspopulistischer Bewegungen, das weiß ich nicht. Demokratien in Europa sind heute sehr viel stabiler als jene fragilen Ordnungen der Zwischenkriegszeit: Trotzdem: Schon 1918 - wie übrigens auch nach 1990 - schien der Triumph der Demokratie in Europa perfekt. 1934 waren von diesen Demokratien nur noch wenige übrig. Das sollte uns zu denken geben.

So desolat wie nach dem Ersten Weltkrieg ist die Lage ja in den westlichen Staaten heute nicht. Warum wenden sich trotzdem so viele Menschen rechtsgerichteten Bewegungen und Parteien zu?

Ich bin der Meinung, dass Geschichtsvergessenheit relativ viel damit zu tun hat. Nach 1945 haben die Eliten, aber auch breite Bevölkerungsschichten gesagt, so etwas wie die beiden Weltkriege dürfe nie wieder passieren. Es kam zu einem historisch einzigartigen Friedensprojekt innerhalb Europas. Doch das Friedens-Argument scheint heute bei vielen nicht mehr zu ziehen. Das beunruhigt mich sehr. Für Leute, die ein Verständnis für die Ereignisse in Europa in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts haben, ist die Vorstellung einer Rückkehr zu Nationalismus und Protektionismus und den daraus potenziell erwachsenden Konflikten nicht nur ein Problem. Diese Vorstellung ist ein absoluter Albtraum.

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