Historiker Robert Gerwarth "In Weimar entstand die wohl liberalste Verfassung ihrer Zeit"

Am 6. Februar 1919 tritt die Verfassungsgebende Deutsche Nationalversammlung in Weimar erstmalig zusammen, die Eröffnungsrede hält der Volksbeauftragte Friedrich Ebert.

(Foto: dpa)

Robert Gerwarth erklärt, warum 1919 die meisten Deutschen die neue Republik als positiv begrüßten - und warum er nicht glaubt, dass es heute eine Radikalisierung gibt wie in den Jahren vor Hitlers Machtergreifung.

Interview von Oliver Das Gupta

Nach den Wahlen im Januar 1919 trat vor 100 Jahren in Weimar die verfassungsgebende Nationalversammlung erstmals zusammen. Das Ereignis gilt als die Geburtsstunde der Weimarer Republik. Doch wie wurde die junge Republik damals in Deutschland angesehen? Darüber sprach die SZ mit Robert Gerwarth. Der Historiker, Jahrgang 1976, leitet das Zentrum für Kriegsstudien am University College in Dublin. Er publizierte unter anderem eine Biografie über Reinhard Heydrich, den SS-General und Hauptorganisator des Holocaust. In den vergangenen Jahren widmete er sich verstärkt dem Ende des Ersten Weltkriegs und seinen Folgen. Zuletzt erschien Gerwarths Buch "Die größte aller Revolutionen - November 1918 und der Aufbruch in eine neue Zeit" (Siedler Verlag 2018).

SZ: Adolf Hitler konnte 1933 ganz legal nach der Macht greifen und die Diktatur etablieren. War die Weimarer Republik von Beginn an todgeweiht?

Robert Gerwarth: Nein, aber dieser Eindruck herrscht vor. Wir haben uns daran gewöhnt, die Geschichte der Weimarer Republik von Ihrem Ende her zu lesen, also ihrem Scheitern und der Machtergreifung Hitlers. Die Erfolge der Revolution, aber auch die relativ stabilen Jahre der Republik vor 1929 werden kaum beachtet.

Wie sahen die Perspektiven der Zeitgenossen vor 100 Jahren nach der Revolution aus, zu Beginn der Republik?

Auf der ganz linken Seite gab es das Gefühl, die Revolution sei "unvollständig" - aber das war eine Minderheitenposition. In weiten Teilen der Bevölkerung herrschte anfangs Erleichterung, dass der Krieg vorbei war und auch ein bemerkenswerter Zukunftsoptimismus. Entsprechend fielen die Wahlen zur Nationalversammlung aus. Aus ihr gingen Parteien gestärkt hervor, die zu wesentlichen Trägerinnen der Republik wurden. Die meisten Menschen sahen also den demokratischen Neubeginn positiv, allerdings aus verschiedenen Gründen. Die einen befürworteten die Entwicklung, weil sie überzeugte Demokraten waren. Andere lehnten den Bolschewismus ab oder dachten pragmatisch daran, dass eine Demokratisierung Deutschlands eine Garantie dafür sei, dass die siegreichen Alliierten des Ersten Weltkriegs einen milderen Friedensvertrag zulassen würden.

Es kam anders: Durch den Versailler Vertrag verlor Deutschland viel Territorium samt Bevölkerung und bekam immense Reparationszahlungen aufgebürdet.

Der Versailler Friedensvertrag dämpfte die Euphorie der Deutschen stark. Viele Menschen, gerade Anhänger der SPD, fühlten sich damals betrogen von dem US-Präsidenten Woodrow Wilson, der für einen Verständigungsfrieden der Kriegsgegner gestanden hatte. In den letzten Kriegsmonaten hatten viele gehofft, dass sich eine Demokratisierung Deutschlands auszahlen würde und am Ende ein Friede stehen würde, der weitere Kriege unmöglich oder zumindest unwahrscheinlich machen könnte.

Waren diese deutschen Hoffnungen denn realistisch?

Nein, eigentlich zu keinem Zeitpunkt. Denn in den Ländern auf der Siegerseite herrschten damals auch starke nationalistische Emotionen. Entsprechend hoch waren die Erwartungen an diesen Vertrag, der die Opfer von vier Jahren Krieg aufwerten sollte: Viele Menschen in den Siegerstaaten erwarteten einen drakonischen Frieden, Deutschland sollte bestraft werden. Für viele Franzosen, gerade in den vom Krieg besonders betroffenen Gebieten, war der Vertrag übrigens nicht hart genug.

Kehren wir nochmal zurück zur Nationalversammlung. War die in Weimar entstandene Reichsverfassung fortschrittlich im Vergleich zum Kaiserreich?

Ich würde sogar noch weiter gehen: In Weimar entstand die wohl liberalste Verfassung ihrer Zeit. Der Anfangsenthusiasmus spiegelt sich durchaus in dem Verfassungstext wider.

Doch diese Verfassung ließ auch zu, dass die Nazis rechtmäßig die Macht erlangen konnten.

Es wäre ein Fehler, die Schuld dafür in der Weimarer Verfassung zu suchen. Letzten Endes ist Hitler doch bis 1929, dem Beginn der Weltwirtschaftskrise, nur der Vorsitzende einer Splitterpartei gewesen. Nur die wenigsten Zeitgenossen konnten vorhersehen, dass Hitler wenig später Chef einer Koalitionsregierung werden würde. Insofern würde ich die Argumentation gerne umdrehen.

Wie das?

Überraschend ist doch, dass die Weimarer Republik so lange Bestand hatte. Der Beginn fand unter widrigsten Umständen statt: Geboren nach einer bis dahin historisch beispiellosen Niederlage, die Versorgungslage blieb erstmal miserabel, denn die alliierte Blockade bestand damals ja auch noch nach der Revolution. Millionen Männer waren tot oder sie kehrten versehrt und traumatisiert zurück. Sie mussten wieder in die Gesellschaft integriert werden. Dazwischen gab es an mehreren Orten blutige Kämpfe und Putschversuche. Und dennoch ging es im Vergleich zu anderen Ländern relativ friedlich zu.

Robert Gerwarth

(Foto: oh)

Damals gab es in Deutschland die Warnung vor "russischen Zuständen". Gemeint war das ehemalige Zarenreich, das nach den Revolutionen in ein vom Bürgerkrieg und Hunger verheertes Land geworden war.

In Deutschland fürchtete nicht nur die Rechte sondern auch die MSPD (Mehrheits-SPD) des ersten Reichspräsidenten Friedrich Ebert eine Bolschewisierung. Er hielt in einem hochindustriellen Land ein solch radikaldemokratisches Experiment, das leicht in einen Bürgerkrieg münden konnte, für fehl am Platze. In Deutschland hatten die Arbeiter - anders als in Russland - auch mehr zu verlieren als ihre Ketten.

Kommen wir zur innenpolitische Unruhe und das Erstarken nationalistischer Kräfte im heutigen Deutschland. Immer wird diese Entwicklung mit Weimar in den 1920er und Anfang der 1930er Jahren verglichen. Welche Ähnlichkeiten sehen Sie?

Die größte Parallele ist sicherlich die große Polarisierung. Die politische Mitte schwächelt und weicht auf, die politischen Extreme haben entsprechend mehr Zulauf. Dennoch halte ich die Betonung von Gemeinsamkeiten damals und heute für überstrapaziert. Die Rahmenbedingungen sind heute komplett anders. Das betrifft nicht nur die wirtschaftliche Situation, sondern auch die Stellung des Reichspräsidenten, der mit Artikel 48 der Reichsverfassung Grundrechte einschränken und Regierungen einsetzen konnte. Der Artikel war extra dafür geschaffen worden, in Notzeiten die Republik zu schützen, 1933 bewirkte er das Gegenteil.

Welche Unterschiede zwischen damals und heute gibt es noch?

Ein besonderes Kennzeichen der Spätphase der Weimarer Republik ist auch das Gewaltelement. Damals hatte jede Partei ihren eigenen Schlägertrupp, wodurch die politische Auseinandersetzung auf der Straße ausgetragen wurde. Das fehlt heute zum Glück.

Hitler brauchte allerdings nicht seine prügelnde SA, um 1933 zum Reichskanzler ernannt zu werden.

Das ist richtig. Hitler verfolgte nach dem gescheiterten Putsch von 1923 eine duale Strategie, die er von Mussolini gelernt hatte. Er ließ die Gewalt auf der Straße eskalieren, gleichzeitig versuchte er sich als legitimen Politiker zu etablieren. Hitler gab vor, das Chaos beenden zu wollen, dass seine SA aber weiter befeuerte. Von diesen Zuständen ist Deutschland weit entfernt. Ich glaube auch nicht, dass es zu einer weiteren Radikalisierung in Deutschland kommt. Wir müssen wohl einfach lernen, mit einer wie andernorts in Europa verbreiteten Auffächerung des Parteiensystems zu leben - also auch mit radikaleren Parteien im Parlament solange diese nicht verfassungsfeindlich sind.

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