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20 Jahre nach dem Massaker von Srebrenica:"Wir fühlen mit euch"

Mirsada, Überlebende von Srebrenica mit ihrer Tochter Anela. Mirsada wurde zusammen mit ihrer halbjährigen Tochter aus Srebrenica deportiert, als die UN-Schutzzone im Juli 1995 fiel.

(Foto: Barbara Hartmann)

1995 massakrierte die Armee der bosnischen Serben in Srebrenica 8000 muslimische Männer. Heute wagen Frauen von beiden Seiten ein Stück Versöhnung.

Es ist alles noch hier. Die Einschusslöcher der Exekutionen. Der Zaun, hinter dem sich die Männer, Frauen und Kinder drängten. Die stillgelegte Batteriefabrik, in der die Flüchtlinge Schutz suchten und in der die niederländischen UN-Soldaten ihre Verachtung an die Wand schmierten: "Keine Zähne? Schnurrbart? Riecht wie Scheiße? Ein bosnisches Mädchen."

Es gibt keinen Audioguide, der das Grauen ausbremst, keine Eintrittskarte, mit der man die Gewissheit kaufen könnte, dass alles schon lange vorbei ist. Das Einzige, das sich in Srebrenica heute konstant weiterentwickelt, ist der Friedhof in Potočari. Er wächst. Kurz vorm Ortseingang, gleich gegenüber der Batteriefabrik, reihen sich 6200 weiße Grabsteine aneinander, jedes Jahr kommen neue hinzu.

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Im Juli 1995 marschierten bosnisch-serbische Truppen in die UN-Schutzzone ein und richteten ein Massaker an - General Ratko Mladic gilt als Hauptverantwortlicher.

8000 Männer und Kinder sind im Juli 1995 in Srebrenica von der Armee der bosnischen Serben ermordet worden, ohne dass die völlig überforderte UN-Truppe aus den Niederlanden den Versuch gemacht hätte, die Opfer zu beschützen. Irgendwann sollen sie alle hier beerdigt sein. Nijazija Aljkanovic, 1968-1995, steht auf einem der Grabsteine. Diese kleine Marmorsäule ist der Grund, warum Mirsada jedes Jahr nach Srebrenica zurückkehrt. An den Ort, an dem mit 23 Jahren ihr erstes Leben aufhörte.

Als Leiche ihres Mannes beerdigt sie eine Handvoll Knochen

Das letzte Mal, als Mirsada ihren Mann sieht, steht er an der Straße, die heute zum Friedhof führt. Es ist der 14. Juli 1995. Nijazijas Hände sind auf dem Rücken zusammengebunden, neben ihm steht sein Bruder, vor ihm serbische Soldaten. Mirsada sitzt eingepfercht zwischen anderen Frauen in einem Bus, der sie ins sichere Tuzla, auf bosnisches Gebiet, bringen soll; auf ihrem Arm ihre sieben Monate alte Tochter. Nijazijas Kind. "Halt an!", schreit Mirsada den Busfahrer an.

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Sie sieht durchs Fenster, wie ein Soldat Nijazija einen Gewehrkolben ins Kreuz schlägt. Er geht zu Boden. Der Bus fährt weiter. Ein Jahr später werden Nijazijas Kleider gefunden. 2010 ein Splitter seines Schienbeins und ein Teil seiner Hüfte. Kurz darauf beerdigt Mirsada die Handvoll Mensch, die ihr die Forensiker als Leiche ihres Mannes übergeben.

Im Weltbild der Familie bleibt eine Frau, die ihren Mann verloren hat, immer Witwe

Juli 2015. Auf Mirsadas Terrasse in Tuzla liegen frisch gewaschene Teppiche zum Trocknen in der Sonne. Bald ist die Fastenzeit Ramadan vorbei, und ihr Haus soll sauber sein. Unter einem Birnbaum hat ihr neuer Mann Samir aus Steinen einen Tisch gebaut. Hier sitzt Mirsada in der gleichen Sommerhitze wie vor 20 Jahren. Auf dem Tisch Kaffee, Saft, schmelzende Schokoladenkekse und eine blaue Plastiktüte mit Fotos von Nijazija.

Als Mirsada von ihrem ersten Mann erzählt, geht Samir Rasen mähen. "Dann ist es einfacher für sie", sagt er später, als sie neuen Kaffee holt. Vielleicht ist es auch einfacher für ihn. Samir ist der Grund, warum Mirsada ihren Nachnamen nicht nennen will. Seine Familie will von ihrem alten Leben nichts hören. Und Mirsadas Familie nichts von einem Neubeginn. In ihrem Weltbild bleibt eine Frau, die ihren Mann verliert, bis zu ihrem eigenen Tod Witwe.

"Aber ich war doch jung. Ich wollte geliebt werden." Mirsada hat ihre schwarzen Haare hochgebunden, silberne Kreolen in die Ohrläppchen gesteckt und einen Jeansrock zum türkisen Oberteil angezogen. Wenn man ihr sagt, dass das schön aussieht, strahlt sie. Zwischen Keks und Kaffee vibriert ihr Handy. Mirsada tippt und wischt, dann zeigt sie das Display, auf dem ein Strichmännchen ein riesiges Herz umarmt. "Aus Srebrenica", sagt Mirsada, "von Dubravka".

Zwölf Frauen aus Srebrenica, teils bosnisch, teils serbisch, treffen sich regelmäßig

Mirsada, Dubravka, Svetlana, Selma, Nadzija, Almasa, Vojka, Jasminka, Amela, Liljana, Timka und Dada: zwölf Frauen aus Srebrenica. Sieben bosnische Muslimas und fünf serbische Christinnen. Die serbischen Frauen blieben in Srebrenica, in der Republika Srpska, die muslimischen Frauen wohnen seit dem Massaker von 1995 in Tuzla, im mehrheitlich muslimischen Teil des heutigen Bosnien-Herzegowina. Die gemeinsame jugoslawische Welt gibt es nicht mehr.

Zwölf ehemalige Nachbarinnen, zwischen denen heute zwei Stunden Autofahrt und die Frage liegen, wer schuld daran ist, dass der Hälfte von ihnen die Männer fehlen; die Väter, die Söhne, die Cousins. Ob sie sich dennoch regelmäßig treffen wollten, fragte vor 16 Jahren der bosnische Verein Prijateljice, Freundinnen. Sie wollten. Sie nennen sich "Kontaktgruppe", es gibt nur Vornamen. Eine der Frauen hat vor Gericht die serbischen Mörder ihres Mannes identifiziert. Die Witwe will ihre Kinder schützen und anonym bleiben.

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Sie weiß noch genau, wie sie das erste Mal den anderen Frauen erzählen wollte, wie ihr Leben weiterging, sagt Mirsada. "Ich konnte nur zwei Sätze sagen: Ich heiße Mirsada. Ich habe in Srebrenica meinen Mann verloren." Dann versagte ihr die Stimme. Es brauchte Monate, bis sie das erste Mal beschreiben konnte, wie sie 1995 alleine mit ihrem Baby zum UN-Stützpunkt lief, um sich in Sicherheit zu bringen. Wie sie dort zwei Tage lang in einem Keller wartete, in dem hüfthoch brackiges Wasser stand; wie sie ihr Baby auf den hohen Autoreifen eines Lasters legte, damit es schlafen konnte. Wie sie schließlich in einen Bus verfrachtet und nach Tuzla gefahren wurde.

Die Blauhelme hatten die "Schutzzone" ohne Gegenwehr an den bosnisch-serbischen General Ratko Mladić übergeben. Zwei Tage später hatte Mirsadas Baby keinen Vater mehr. Heute ist das Baby von damals eine junge, stille Frau, die sagt: "Der Juli ist immer ein trauriger Monat, das ist nun mal so."

Politiker tun sich schwer, über die Toten der ehemaligen Feinde zu sprechen

Mitten in diesem traurigen Monat trifft sich die Kontaktgruppe. Alle tauschen Sandalen gegen Hausschuhe, jemand stellt einen Aschenbecher auf die Fensterbank, eine andere geht Kaffee machen. Irgendwann nimmt eine ihren Mut zusammen und benennt das Problem des Tages: Die Serbinnen fehlen. Sie haben in letzter Minute abgesagt und sind auf eine Gedenkfeier nach Bratunac gefahren, elf Kilometer von Srebrenica entfernt. Am 12. Juli 1992 haben dort bosnische Muslime aus Srebrenica 69 serbische Zivilisten, Frauen und Kinder umgebracht. Damit der 20. Jahrestag des Genozids ihre Trauer nicht komplett in den Hintergrund drängt, haben die Serben ihren Gedenktag eine Woche vorverlegt. Die anwesende Hälfte der Kontaktgruppe schimpft über die späte Absage und schickt gleichzeitig eine Nachricht an die Serbinnen, in der steht: "Wir fühlen mit euch. Das ist ein sehr trauriger Tag für euch."

Simple Sätze, zu denen sich die wenigsten serbischen, bosnischen oder kroatischen Politiker durchringen können, wenn sie über die Toten der ehemaligen Feinde sprechen. Die Frauen schicken zwischen Tuzla und Srebrenica noch ein paar Emoticons hin und her, Herzen, Tränen, Bären. Auf dem Tisch liegen sieben identische neue weiße Telefone. Ihre kleinen Versöhnungsschritte machen sie inzwischen öffentlich. Die Kontaktgruppe ist auf Facebook und Instagram.

Den Kriegsbildern Alltagsfotos entegegensetzen

Warum? Zunächst, weil eine deutsche Künstlerin sie dazu überredet hat. Im Jahr 2000 brachte die Münchner Fotografin Barbara Hartmann kofferweise Einwegkameras nach Tuzla und Srebrenica. Sie wollte den Kriegsbildern, die aus Bosnien um die Welt gegangen waren, Alltagsfotos entgegensetzen.

Die Frauen fotografierten ihr Leben. So ausdauernd, dass die Kontaktgruppe und die Künstlerin das Projekt 2005 wiederholten und ein Buch und eine Ausstellung entstanden. 2015 beginnt die Fotodokumentation erneut. Dieses Mal live und interaktiv. Unter dem Schlagwort "everydaysrebrenica" veröffentlichen sie Bilder von ihren Blumenbeeten, von ihren Kindern und von Ausflügen. Wie nah Alltag und Schmerz, das Weiterleben und die Narben beieinander liegen, zeigen erst die Bildunterschriften. Und hier liegt die eigentliche Antwort auf das Warum: weil durch die Bilder das Sprechen beginnt.

Mirsada hat ein Foto von einem jungen Mann und seinem Hund gepostet. Darunter steht: "Mein lieber Bruder. Er ist nach Srebrenica zurückgekehrt. Hier ist er zusammen mit seinem besten Freund." Ihr Bruder, sagt Mirsada, vertraut nur noch seinem Hund. Srebrenica ist heute eine Stadt, in der viele der Häuser, in denen früher Muslime lebten, leer stehen. Es ist eine Stadt, in der es keine neutralen Positionen mehr gibt. Die Menschen sitzen in den zwei verbleibenden Cafés zusammen, doch über das, was geschehen ist, spricht kaum jemand.

Eine der serbischen Frauen aus der Kontaktgruppe wartet seit zwanzig Jahren auf die Nachricht, ob ihr Mann tot oder lebendig ist. Er war Muslim. Sie hat ihn seit 1995 nicht mehr gesehen. Es ist eine der muslimischen Frauen, die ihr den Kontakt zu den Forensikern vermittelt, die per DNA-Probe die Leichen identifizieren. Für solche Schicksale ist in den öffentlichen Diskursen kein Platz. Nicht in dieser neuen Gesellschaft, in der die ethnische Zugehörigkeit wie ein Banner vor sich hergetragen wird. Wo Opferzahlen der einen Seite gegen Opferzahlen der anderen Seite aufgerechnet werden.

Die Bilder verlieren ihre Unschuld, als Mirsada sie zu beschreiben beginnt

Beim heutigen Treffen suchen die Frauen Bilder aus der Zeit vor 1995 aus, die sie unter die aktuellen Fotos in ihrem Instagram-Feed mischen wollen. Mirsada zeigt zwei Fotos: ein geschminkter Mann in Frauenkleidern auf einer Bühne und eine Gruppe Menschen am Strand in Badehose und mit Sonnenhut. Die Bilder verlieren ihre Unschuld, als Mirsada sie zu beschreiben beginnt.

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Der Mann im bunten Rock ist ihr erster Ehemann, Nijazija, während einer Theateraufführung in Srebrenica, 1994, als der Krieg schon begonnen hatte. Eigentlich studierte er Schauspiel in Belgrad, in Srebrenica war er nur, um in den Semesterferien seine Eltern zu besuchen. Als er sah, unter welchen Bedingungen sie dort während des Krieges lebten, brachte er es nicht übers Herz, wieder zu fahren. Er begann für die UN zu übersetzen. Mirsada arbeitete als Freiwillige im Krankenhaus. Beim Tanzen haben sie sich verliebt. "Ich kannte ihn erst einige Monate, als wir geheiratet haben. Normalerweise hätte ich länger gewartet, aber in einer Stadt mit so vielen Flüchtlingen und Soldaten brauchte ich seinen Schutz." Dann zeigt Mirsada auf das Strandbild: "Das war ein Freund meiner Eltern, mein Grundschullehrer." Als sie ihn das letzte Mal sah, trug er die Uniform der bosnisch-serbischen Armee, er stand daneben, als die Frauen von ihren Männern getrennt wurden.

"In schwierigen Zeiten werden wir nostalgisch. Dann werden Fotos unsere Medizin"

Eine nach der anderen legen die Frauen Fotos aus leichteren Zeiten auf den Tisch. Menschen beim Picknicken, Fußballspielen, Sonnenbaden, Gitarrespielen, Grillen. Als Jasminka an der Reihe ist, bleibt der Tisch leer. Sie ist mit ihrem Mann aus Srebrenica geflohen, noch bevor die Enklave fiel. In ihrem Gepäck hatten Fotos keinen Platz. In Tuzla angekommen, wurden sie in das Haus einer serbischen Familie einquartiert, die ihrerseits in Richtung Republika Srpska geflohen war. Auf dem Fußboden: die Fotoalben, die die Serben zurücklassen mussten. "Da konnte ich zum ersten Mal weinen. Stundenlang. Um diese Familie, und um uns." Es ist still geworden im Raum. Die resolute Timka, die älteste der Gruppe, wischt sich die Augen trocken. Manchmal schieben sich die Erinnerungen wie eine mächtige Welle ins Jetzt. "Ich hätte einfach gern ein Foto, auf dem mein Mann noch jung und gut aussieht", sagt Jasminka. Die Welle ebbt ab, Jasminka lacht.

Am Nachmittag, als die Frauen in Tuzla wieder nach Hause gehen, postet Dubravka aus Srebrenica ein Bild. Ein leerer Kreisverkehr in der Mittagssonne. Dazu der Text: "Heute wenig los in Srebrenica." Kein Wort von der Gedenkfeier in Bratunac, von ihrer Trauer. Lauter könnte dieses Bild nicht schweigen. Und gleichzeitig erzählt es von den Tabus, die seit 20 Jahren bestehen. Von der Gefahr, dass Gedenken provozieren kann. Von der Macht, mit der der Genozid das Zusammenleben prägt. Umso mehr, solange die serbische Seite ihn leugnet und die bosnische Seite alle Serben in Kollektivschuld nimmt. Einen Tag später schickt Dubravka ein neues Bild, eine Collage alter Fotos. Sie schreibt: "In schwierigen Zeiten werden wir nostalgisch. Dann werden Fotos unsere Medizin. Sie erinnern uns an glücklichere Tage und an die, die nicht mehr bei uns sind." Die Frauen in Tuzla klicken: "Gefällt mir".