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Pazifismus:Fotos für den Frieden

Steichen wollte zeigen, "wie wundervoll das Leben ist."

(Foto: The Estate of Garry Winogrand, courtesy Fraenkel Gallery, San Francisco)

Edward Steichen organisiert in den Fünfzigern die bis heute weltweit erfolgreichste Fotoausstellung: Hinter "The Family of Man" verbergen sich politische Botschaften.

Diese Ausstellung hat Spuren hinterlassen. Tief bewegt schildert der Besucher seine Eindrücke: "Die Photographie verschweigt nichts. Ihr entgeht nichts. Wir blicken in dieser Photoschau in einen Spiegel. Wir erkennen uns. Wir sind nicht allein, und jeder ist für jeden da, ist für jeden verantwortlich, genau wie schon die Bibel fragte: Kain, wo ist dein Bruder Abel?" So schrieb der Schriftsteller Wolfgang Koeppen am 21. November 1955 im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung über "The Family of Man" in der Städtischen Lenbach-Galerie München.

Zu sehen sind 503 Fotos aus 68 Ländern - von Starfotografen wie Henri Cartier-Bresson, Dorothea Lange oder August Sander ebenso wie von Amateuren. Sie zeigen das menschliche Leben von der Geburt bis zur Trauer über Todesfälle; sie dokumentieren den Arbeitsalltag in den USA, China und Italien ebenso wie die Flirts von Verliebten oder die Freude spielender Kinder. Organisiert hat die Ausstellung der 1879 in Luxemburg geborene US-Amerikaner Edward Steichen, der Direktor der Fotografie-Abteilung des Museum of Modern Art (MoMA). Dort wird "The Family of Man" im Januar 1955 erstmals präsentiert, und von New York aus erobert sie die Welt.

Bis heute ist es die erfolgreichste Foto-ausstellung aller Zeiten mit mehr als neun Millionen Besuchern in 48 Ländern. Kabul, Caracas, Teheran, Jakarta, Tokio - dort sind die Schwarz-Weiß-Bilder ebenso zu sehen wie in München, Hamburg, Hannover und Frankfurt. In Westberlin betrachtet 1955 nicht nur Bertolt Brecht die Fotos. Ein Kunststudent namens Gerhard Richter ist so beeindruckt, dass er später sagen wird: "Die Ausstellung war ein echter Schock für mich. Die Fotos zeigten so viel und sie erzählten so viel über das moderne Leben, über mein Leben." Auch der Katalog, der weiterhin lieferbar ist, verkauft sich millionenfach.

Steichen half, Fotografie als Kunst zu etablieren

"The Family of Man" war eine epochale Schau, und Steichen trug entscheidend dazu bei, die Fotografie in den USA als Kunst zu etablieren. Lange gilt er als bestbezahlter Fotograf des Landes, dessen Werke in Galerien ausgestellt wurden. Zugleich macht er Modefotos für Vanity Fair und Vogue sowie Porträts von Greta Garbo oder Charlie Chaplin. Der Erfolg missfällt der Kritik: In ihrem Nachruf lobt die New York Times 1973 den "genialen Handwerker" für seine Technik, doch Steichens wichtigste Ausstellung wird nur kurz erwähnt.

Dies wundert nicht, denn "The Family of Man" wurde über Jahrzehnte hinweg missverstanden. Verantwortlich sind die wirkmächtigen Intellektuellen Roland Barthes, der dem damals fast achtzigjährigen Steichen "politische und historische Naivität" und "Sentimentalität" unterstellte, und Susan Sontag, die später in "On Photography" (1977) ähnlich argumentierte. Diese Sicht findet sich bis heute im deutschen Wikipedia-Angebot. In Wahrheit, so der Amerikanistik-Professor Gerd Hurm, sind Steichens Ideen aktueller denn je: "Er war Sozialist, Feminist, Pazifist und wollte die Welt vor einem Atomkrieg bewahren."

Dass Hurm seit 17 Jahren über Steichen forscht, ist die Folge eines Zufalls. Nachdem er von Freiburg an die Universität Trier gewechselt war, erfährt seine Ehefrau, dass sich im Schloss Clervaux in Luxemburg die letzte vollständige Version der Wanderausstellung befindet, die Steichen seinem Geburtsland überlassen hatte. Die Wucht der Bilder überwältigt Hurm. Er stürzt sich in die Recherche, vernetzt sich mit Kollegen in den USA und Europa und veröffentlicht den Sammelband "The Family of Man Revisited", der im April bei der Vorstellung im MoMA sowie an der Harvard University gefeiert wurde.

Es mag zunächst verwundern, sich heutzutage, wo jede Sekunde Millionen Fotos im Internet gepostet, geteilt und gelikt werden, mit der Wahrnehmung einer 63 Jahre alten Ausstellung zu beschäftigen. Doch die Angst vor einem Atomkrieg ist erschreckend aktuell im Jahr 2018, in dem Donald Trump das Nuklearabkommen mit Iran aufkündigt und den Atomgipfel mit Nordkorea als Egoprojekt betreibt. Dass ein US-Präsident Drohungen wie "Unsere Atomwaffen sind so massiv und mächtig, dass ich zu Gott bete, sie nie einsetzen zu müssen" ausstößt, schien bis vor Kurzem undenkbar. Zu Lebzeiten von Edward Steichen war dies normal.

"Nötig war ein positives Statement"

Die 1945 abgeworfenen Atombomben hatten Steichen tief verstört. Schon während des Zweiten Weltkriegs hatte er zwei Ausstellungen organisiert, die für Frieden werben sollten. Doch die Reaktionen enttäuschen ihn. Dann kommt ihm eine andere Idee, wie er in seiner 1963 erschienenen Autobiografie schreibt: "Nötig war ein positives Statement, um zu zeigen, wie wundervoll das Leben ist, wie fabelhaft die Menschen sind und wie viel Menschen in allen Teilen der Welt verbindet."

Also wählt er Bilder aus, die einerseits das Leben feiern und andererseits emotional berühren. 1955 wird die Schau im Museum of Modern Art eröffnet und sofort zum Publikumserfolg. Also entschließen sich die Beamten der United States Information Agency (USIA), die das Image der Vereinigten Staaten im Ausland fördern sollen, die Fotos überall in der Welt zu präsentieren. 1956 macht die Wanderausstellung Station in Paris. Dort lebt der Philosoph Roland Barthes; er verfasst einen vernichtenden Text, der später in seiner legendären Essaysammlung "Mythen des Alltags" publiziert wird. Barthes findet in der Schau nicht nur Belege für den US-Imperialismus, sondern wirft Steichen einen reaktionären Humanismus vor.

Etwas sperrig formuliert Barthes seine Hauptkritik: "Wir werden an der Oberfläche einer Identität festgehalten und durch Sentimentalität gehindert, in den späteren Bereich der menschlichen Verhaltensweisen einzudringen, wo die historische Entfremdung jene Unterschiede schafft, die wir schlicht und einfach 'Ungerechtigkeiten' nennen." Barthes konzentriert sich auf Details, er will die großen Zusammenhänge entlarven und aufklären. Der Franzose empfindet bereits den Titel der Schau als anmaßend und kritisiert etwa, dass keine Fotos von schwarzen Lynchopfern zu sehen sind: "Warum nicht die Eltern von Emmett Till, des von Weißen ermordeten jungen Negers fragen, was sie von der 'Großen Familie der Menschen' halten?"