Zweiter Weltkrieg Der monströse Irrtum der Nazis

Dennoch bleibt Stalingrad nicht nur wegen der Winterapokalypse in Erinnerung. Der Roten Armee gelang es mit der Einschließung der Deutschen an der Wolga erstmals in diesem Ausmaß, das Prinzip der Vernichtungsschlacht, der Einkesselung feindlicher Großverbände, gegen jene zu wenden, die es in ihrer Kriegführung seit Sedan 1870 und Tannenberg 1914 selbst immer wieder praktiziert hatten.

Die Geschichte des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion war im Jahr 1941 eine Geschichte der Kesselschlachten. Bei Minsk, Smolensk oder Kiew starben in solchen "Kesseln" Hunderttausende Russen, und Millionen gerieten in Kriegsgefangenschaft, in der anschließend die Mehrzahl verhungerte oder anderweitig von den Deutschen umgebracht wurde.

Auch ohne Stalingrad hätten die Deutschen den Krieg verloren

Gerade wegen dieser enormen Verluste dachten Hitler, aber auch viele seiner Generale, dass die Rote Armee sich nicht mehr "erholen" würde, ganz zu schweigen davon, dass sie zu einer Offensivoperation wie der Einkesselung Stalingrads überhaupt in der Lage wäre. Dieser monströse Irrtum führte zur totalen Niederlage in Stalingrad. Nach Stalingrad wiederum waren es die Deutschen, die in diversen Vernichtungsschlachten vor allem des Jahres 1944 von den sowjetischen Truppen geschlagen und zurückgetrieben wurden.

Bis weit in die Siebzigerjahre hinein war es in Westdeutschland unter Veteranen, Geschichtsinteressierten und bisweilen sogar Bundeswehroffizieren nicht unüblich, darüber zu debattieren, ob "wir" ohne die Niederlage bei Stalingrad den Krieg noch hätten gewinnen können. Zu solchen Diskussionen trugen auch die Memoiren etlicher Generale und Stabsoffiziere bei, die gerne alle "militärischen" Fehler bei der NS-Führung abluden, ohne sich wirklich bewusst darüber zu sein, dass sie, die Offiziere, die Vernichtungspolitik dieser Führung zum allergrößten Teil nicht nur mitgetragen, sondern erst möglich gemacht hatten.

Schlacht von Stalingrad

Wo Hitler den Krieg verlor

Nein, der Krieg wäre auch "ohne Stalingrad" nicht zu gewinnen gewesen. Er war von Anfang an verloren, spätestens aber mit dem Angriff auf die Sowjetunion 1941. Manifest wurde die Tatsache, dass 1941 das eigentliche Jahr der Wende war, spätestens durch den Kriegseintritt der USA nach dem Überfall der Japaner auf Pearl Harbor am 7. Dezember 1941.

75 Jahre danach hat sich in Deutschland manches sehr geändert, was die Wahrnehmung von "Stalingrad" angeht. Zwar beschäftigen sich die Medien, auch die SZ, mit dem Jahrestag, und in jenen TV-Privatsendern, die ohnehin unablässig Dokumentationen über Zeitgeschichte und Kriegstechnik versenden, läuft viel Stalingrad. Jenseits dessen aber bedeuten die Schlacht und ihre Folgen offenbar nicht mehr viel. Es gibt keine Gedenkfeiern, keine großen Tagungen, und für das deutsche Bewusstsein, gar das Nationalgefühl, wird Stalingrad möglicherweise doch schneller als gedacht zu Waterloo.

In Russland ist das anders. Präsident Wladimir Putin, der im März wiedergewählt werden will, besuchte zum Jahrestag die Stadt, die seit 1961 Wolgograd heißt. (Dies war der zweite Namenswechsel, nachdem Zarizyn 1925 in Stalingrad umbenannt worden war.) Zum 75. Jahrestag der deutschen Kapitulation hielt die russische Armee, die sich in ungebrochener Tradition zur Roten Armee sieht, eine Militärparade in Wolgograd ab. Es rollten neue T-90- und alte T-34-Panzer durch die Stadt.

Im postsowjetischen Russland ist der Rückgriff auf die alten Siege ein zentraler Bestandteil der empfundenen, zum Teil auch der dekretierten nationalen Identität. Zwar werden die letzten Überlebenden der großen Schlacht an der Wolga immer weniger. Der Mythos Stalingrad aber verliert in Russland keineswegs an Bedeutung.

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