Völkermord an den Armeniern Werfel schreibt prophetisch von "wandernden Konzentrationslagern"

Werfel war 1930 mit seiner Frau Alma in der Region unterwegs. Er begegnete dort armenischen Waisenkindern, deren Zustand ihn so erschütterte, dass er versuchte, Erwachsene zu finden, die das Grauen überlebt hatten.

Schriftsteller Franz Werfel und seine Frau Alma Mahler-Werfel.

(Foto: DPA)

Damals waren viele Armenier schon wieder auf den Musa Dagh zurückgekehrt, da die heutige Provinz Antakya nach dem Ersten Weltkrieg 1919 erst einmal französisches Mandatsgebiet wurde. 1939 fiel sie nach einer Volksabstimmung dann an die 1923 gegründete Türkische Republik, worauf die meisten Armenier wieder auswanderten. Bis auf die Bewohner von Vakifli Köy, das noch heute das letzte armenische Dorf auf dem Musa Dagh ist.

Werfel unternahm für seinen Roman intensive historische Studien. Als das Buch im November 1933 herauskommt, ist aus Deutschland schon das Dritte Reich geworden, und das fast 1000 Seiten starke Buch wird zwei Monate nach Erscheinen verboten. Werfels Werke werden in Deutschland verbrannt. Der Schriftsteller und seine Frau Alma sind bald selbst Flüchtlinge. Zu Fuß überqueren sie die Pyrenäen. Ein Schiff bringt sie nach New York. Franz Werfel stirbt im August 1945 in den USA.

Prophetisch hat er die armenischen Todeskarawanen als "wandernde Konzentrationslager" bezeichnet. In seinem Roman lässt er auch einen Scheich auftreten. Der Jude Werfel legt diesem Muslim in den Mund: "Nationalismus, die Krankheit Europas, füllt die leere Stelle aus, die Allah zurücklässt, wenn er aus dem Herzen vertrieben wird."

Leichen ermordeter Armenier.

(Foto: AP)

Eine der eindrücklichsten Szenen aus dem Roman beschreibt die Begegnung des evangelischen Pastors Johannes Lepsius mit dem "Kriegsgott des ottomanischen Reiches", mit Enver Pascha. Lepsius staunt, wie klein Enver ist und muss an Napoleon denken.

Zunächst versucht der Pastor, dem das Schicksal der Armenier schon seit Jahren am Herzen liegt, zu schmeicheln: "Exzellenz besitzen in Deutschland eine große Zahl von ergebenen Bewunderern. Man erwartet von Ihnen weltbewegende Taten." Dann schneidet Lepsius die "armenische Frage" an und klagt: "Die Ortsbehörden richten die Deportationen so ein, dass die Elenden schon während der ersten acht Tagesmärsche durch Hunger, Durst, Krankheit umkommen oder wahnsinnig werden, dass man die widerstandsunfähigen Knaben und Männer durch Kurden oder Banditen, wenn nicht gar durch Militär umbringen lässt."

Enver lässt sich weder beeindrucken noch erweichen. Er stellt dem Bittenden vielmehr die Gegenfrage, wie Deutschland denn "unter anderen Umständen innere Feinde" behandeln würde, "Polen, Sozialdemokraten, Juden"? So fragt der Türke. Lepsius gibt nicht auf und wagt ein letztes Argument: "Sie wollen ein neues Reich gründen, Exzellenz. Doch der Leichnam des armenischen Volkes wird unter seinen Grundmauern liegen. Kann das Segen bringen?"

Etwas später lässt der Dichter den mächtigen osmanischen Innenminister Talat, dem Enver Pascha von der Begegnung mit dem Pastor erzählt hat, noch einen Schlüsselsatz sagen: "Diese Deutschen fürchten ja nur das Odium der Mitverantwortlichkeit." Werfel war, das wird an dieser Stelle deutlich, die deutsche Verstrickung durchaus bewusst.

Der Pastor will Patriot sein

Der reale Lepsius aber schweigt später zur deutschen Komplizenschaft, wie man bei Gottschlich nachlesen kann. Der Pastor will eben auch ein deutscher Patriot sein. Er macht lieber generell den europäischen Mächten Vorwürfe: Das armenische Volk sei Opfer der politischen Interessen Russlands und Englands geworden. Für die rivalisierenden Mächte sei der "Schutz der Christen" im Orient nur ein Vorwand gewesen. Dafür hätten die Armenier schon im 19. Jahrhundert mit Verfolgung bezahlt.

Lepsius sagt dies im Juni 1921 als Sachverständiger im Prozess gegen den Attentäter Soghomon Tehlirjan. Der armenische Student hat in Berlin den inzwischen entmachteten Türken Talat auf offener Straße erschossen. Es ist ein Racheakt.

Kriegsminister Enver Pascha (li.) inspiziert mit Innenminister Talât Pascha in Konstantinopel eine Stellung. Im Hintergrund die Pionierkompanie, die den Schützengraben aushob.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Talat lebte nach seiner mit deutscher Hilfe bewerkstelligten Flucht aus Istanbul zuletzt in Berlin-Charlottenburg. Sein Mörder wird als unzurechnungsfähig freigesprochen. Man wollte größeres Aufsehen durch einen langen Prozess vermeiden. Tehlirjan hatte seine Familie durch den Völkermord verloren.

Werfels Roman gibt es seit über zehn Jahren auch schon in türkischer Übersetzung, gedruckt mittlerweile in mehreren Auflagen in Istanbul. Im Anhang mehrere halb verblasste Fotos. Sie zeigen die auf den rettenden Schiffen zusammengedrängten Menschen - Bilder, die an heutige Flüchtlingsschiffe im Mittelmeer erinnern.

Erster Weltkrieg Zum Sterben in die Wüste getrieben Bilder
Bilder
Völkermord an den Armeniern

Zum Sterben in die Wüste getrieben

Am 24. April 1915 begann die armenische Katastrophe. Zeitgenössische Bilder zeugen von Vertreibung, Hunger und Tod. Sie sind bis heute ein wichtiger Beweis für den Völkermord.