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Völkermord an den Armeniern:"Manchmal wehrt sich noch ein besonders Fanatischer", schreibt der bayerische Major

Noch einmal der Major aus Bayern, diesmal aus Urfa an seine Frau Sofie Henriette, im Oktober 1915: "Hier haben wir nun diese Tage die genommene Stadt gründlich nach versteckten, aufständischen Armeniern und Waffen durchsucht . . . Manchmal wehrt sich noch ein besonders Fanatischer. Die meisten ergeben sich aber ohne Widerstand, wenn sie entdeckt sind."

Am Musa Dagh in der Provinz Antiochia (dem heutigen Antakya) kam Wolffskeel allerdings zu spät, da hatten sich die 4058 überlebenden Armenier schon auf mehrere französische und ein britisches Kriegsschiff gerettet.

Gezeichnet: ein Überlebender der Schlacht von Musa Dagh.

(Foto: Wolfgang Kunz/Bilderberg)

Zuvor hatten sie sich erfolgreich gegen mehrere Angriffwellen osmanischer Soldaten verteidigt - 53 Tage lang. Der Schriftsteller Franz Werfel hat die Ereignisse später auf ein paar wenige Tage verdichtet, in seinem großen Roman "Die 40 Tage des Musa Dagh".

Das Buch ist eine atemberaubende, in vielem wahrheitsgetreue Nacherzählung des aus der Verzweiflung geborenen Widerstands der Menschen in den sechs Dörfern (bei Werfel sind es sieben) auf dem 1281 Meter hohen Mosesberg.

Als sie sich Mitte Juli 1915 entschließen, aus ihren Häusern in eine improvisierte Zeltstadt auf einer Anhöhe zu ziehen und Schützengräben anzulegen, da wissen sie schon, dass ein paar Wochen zuvor, am 24. April, in Istanbul die 300 führenden Persönlichkeiten der armenischen Gemeinschaft deportiert worden sind.

Der 24. April gilt heute weltweit als der Tag des Gedenkens an die massenmörderische Vertreibung des allergrößten Teils der armenischen Bevölkerung vom Boden der heutigen Türkei.

Der Minister begründet die Niederlage mit einer Dolchstoßlegende

Die Kunde des April-Ereignisses hatte sich auch vor 100 Jahren schon rasch verbreitet - bis zu dem mehr als 800 Kilometer von Istanbul entfernten Musa Dagh. Auch hatten die Armenier schon Kunde von den todbringenden Trecks der Elenden aus anderen Orten des Landes.

Die Macht lag in Istanbul damals in den Händen eines Triumvirats der ursprünglich reformorientierten, aber zunehmend nationalistischen Jungtürken, die den Sultan praktisch zur Seite gedrängt hatten: bei Kriegsminister Enver Pascha, Innenminister Talat und Marineminister Cemal. Ihr Reich war schon im Zerfall begriffen und von muslimischen Flüchtlingen aus dem Balkan überschwemmt.

Im Westen versuchten Briten und Franzosen über die Meerenge der Dardanellen den Durchbruch nach Istanbul, im Osten hatte Enver schon 100 000 jämmerlich ausgerüstete Soldaten in einer nutzlosen Winterschlacht gegen die überlegenen Russen geopfert.

Nach dieser Niederlage kam dem Kriegsminister eine Dolchstoßlegende gerade recht: Die christlichen Armenier in der osmanischen Armee hätten sich massenhaft auf die Seite der Russen geschlagen, wurde kolportiert. Es gab armenische Deserteure und eine mit Russland sympathisierende Nationalbewegung der Armenier. Aber für die Vernichtungspolitik Envers war dies nur der Vorwand.

Auch das hält ein Deutscher fest, der damalige Botschafter Paul Graf Wolff Metternich in einem Brief an Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg: "Enver Pascha und Halil Bey verschanzen sich hinter Kriegsnotwendigkeiten, dass Aufrührer bestraft werden müssen, und gehen der Anklage aus dem Weg, dass Hunderttausende von Frauen, Kindern und Greisen ins Elend gestoßen werden und umkommen."

Kaiser Wilhelm II. mit  Reichskanzler Bethmann Hollweg, 1910

Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg (re.) mit dem deutschen Kaiser Kaiser Wilhelm II. bei einer Automobilfahrt in Swinemünde.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Der deutsche Reichskanzler reagiert äußerst kühl. Er lässt das Auswärtige Amt in Berlin wissen: "Unser einziges Ziel ist es, die Türkei bis zum Ende des Krieges an unserer Seite zu halten, gleichgültig ob darüber Armenier zugrunde gehen oder nicht." Und Metternich, der Mahner? Er wird als Botschafter am Bosporus nach nur zehn Monaten schon im September 1916 wieder abberufen.

Der Musa Dagh ist im Frühling ein grün schimmerndes Paradies. Der Dichter Werfel schwärmt von einem "zauberhaft" begnadeten Berg, mit satten Almen, Wein- und Aprikosengärten und unzähligen Quellen, die "als schleiernde Kaskaden ins Meer" fallen. Werfel, 1890 in Prag geboren, beschreibt einen Ort, der friedlicher kaum sein könnte, bis die Katastrophe auch diesen Küstenstrich "außerhalb der Welt" am Golf von Alexandrette (dem heutigen Iskenderun) erreicht.