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Völkermord an den Armeniern:Was am Berg der Tapferen geschah

Memory Denied, Turkey and the Armenian genocide / MÄmoire reniÄe, la Turquie et le gÄnocide ArmÄnien

Vor 100 Jahren begann die Massenmorde an den Armeniern. Kemal Atatürk, Vater der modernen Türkei, nannte er die Völkermord-Vorwürfe eine "Verleumdung".

(Foto: Kathryn Cook/VU/laif)

Erst heute ist deutlich, wie verstrickt Deutschland in den Genozid an den Armeniern 1915 war. Dabei klang die Mitschuld schon in Franz Werfels "Die 40 Tage des Musa Dagh" an.

In einer Zeit, als man noch Briefe schrieb, notierte man gern auch Banales. "Mir geht es bis auf einen tüchtigen Schnupfen, den ich mir neulich im Libanon geholt habe, ganz gut."

So schrieb der deutsche Offizier Eberhard Graf Wolffskeel von Reichenberg am 30. März 1915 an seinen Vater. Wolffskeel, der aus Bayern stammte, befand sich da gerade im südöstlichen Anatolien, nahe der Kreisstadt Maras, die heute Kahramanmaras heißt, unweit der syrischen Grenze.

Der Deutsche und die Türken staunten über den Widerstand

Das Osmanische Reich und Deutschland waren im Ersten Weltkrieg Waffenbrüder, und der Mann aus Bayern diente als Stabschef einem türkischen Pascha. "Da liegt im Norden meines Bezirks ein Nest namens Zeitun, der Hauptsitz der in der Gegend hausenden Armenier", hielt Wolffskeel fest.

Später berichtete er auch nach Hause, was er von den Armeniern hielt. Diese, so der Graf, brächten nur "mangelhaftes Verständnis" für das "freundliche Angebot" der türkischen Regierung auf, "sie anderweitig anzusiedeln".

Als Wolffskeel dies dem Vater mitteilte, war er schon unterwegs zum Musa Dagh, dem Mosesberg. Dort hatten sich Armenier bewaffnet und auf einem Hochplateau verschanzt. Mit so viel Unbotmäßigkeit hatten weder der deutsche Offizier gerechnet noch die in Istanbul zu jener Zeit diktatorisch regierenden Jungtürken.

Leid und „Beileid“

Der Turm der Surp-Giragos-Kathedrale in Diyarbakir sollte nicht höher sein als ein nahes Minarett, so wurde er vor 100 Jahren mit einem Kanonenschuss geköpft. Danach wurde auch die Kirche fast ganz zerstört. Diyarbakir ist heute die heimliche kurdische Hauptstadt der Türkei. Doch bis zur Vernichtung der osmanischen Armenier 1915/16 war Diyarbakir ein Zentrum der armenischen Kultur. Die Kurden und die Armenier - beide Völker hatten unter dem türkischen Nationalismus schwer zu leiden. Doch bis es zu einer Annäherung kam, dauerte es lange, zumal sich auch kurdische Stämme einst an dem Besitz der vertriebenen Armenier bereichert und am Morden beteiligt hatten.

Seit 2011 ist die Giragos-Kathedrale vorbildlich restauriert und wieder geweiht. Die kurdische Stadtverwaltung hat die Armenier dabei tatkräftig unterstützt, die meisten Geldspenden aber kamen aus der armenischen Diaspora in den USA und Kanada. Nur etwa 60 000 Armenier leben heute noch in der Türkei, es sollen einst 1,3 bis 2,1 Millionen gewesen sein. In letzter Zeit haben auch einige türkische Muslime den Mut, armenische Wurzeln in ihren eigenen Familien wiederzuentdecken. Es gibt Erlebnisbücher, Dokumentationen, Volksliedsammlungen.

Die türkische Regierung will das Wort Völkermord für die Vertreibung und Vernichtung der osmanischen Armenier bis heute nicht akzeptieren. Der türkische Staat befürchtet auch Regressforderungen sowie armenische Gebietsansprüche, sagen Experten. Nach unterschiedlichen Quellen starben 1915/16 zwischen 500 000 bis 1,5 Millionen Menschen. Auch Christen anderer Volksgruppen gehörten zu den Opfern. 2014 sprach der damalige Regierungschef und heutige Präsident Recep Tayyip Erdoğan den Enkeln der Toten immerhin sein "Beileid" aus - 99 Jahre nach dem Beginn der mörderischen Massendeportationen. Auf eine Erklärung im 100. Jahr warten Türken und Armenier noch.

Sie staunten, dass sich da ein paar Tausend Dörfler gegen ihre erzwungene "Umsiedlung" wehrten - gegen die Deportationen, die für die Mehrzahl der Menschen tatsächlich in den Tod führten.

Ein deutscher Offizier an den Orten des Völkermords an den Armeniern? Wolffskeel war nicht der einzige. Soldaten der kaiserlichen deutschen Armee nahmen höchste Positionen im osmanischen Militär ein. Sie sahen zu und wussten von den Grausamkeiten; einige, nicht alle, billigten sie oder halfen gar dabei mit.

Andere wiederum - auch deutsche Militärangehörige, Diplomaten, Krankenschwestern und Kirchenmänner - wollten das Morden stoppen. Aber sie wurden nicht gehört, übergangen oder entmachtet.

Deutschland wollte Weltmacht werden, strebte nach einem "Platz an der Sonne", und "das imperiale Ziel war wichtiger als die sterbenden Armenier". So schreibt der in Istanbul lebende Journalist Jürgen Gottschlich in seinem gerade erschienenen Buch "Beihilfe zum Völkermord" über "Deutschlands Rolle bei der Vernichtung der Armenier" (Ch. Links Verlag, Berlin, 2015), in dem er auch aus den Wolffskeel-Briefen zitiert.

Armenische Flüchtlinge in Syrien

Armenische Flüchtlinge aus dem Osmanischen Reich 1915 in Syrien

(Foto: dpa)

Seit der Autor Wolfgang Gust 2005 die "Dokumente aus dem Politischen Archiv des deutschen Auswärtigen Amtes" herausgeben hat, ist die deutsche Mitwisserschaft an den Morden im fernen Anatolien kein Geheimnis mehr. Gottschlich hat auch in türkischen Archiven recherchiert, wobei der türkische Generalstab eher Gesäubertes freigab. Was man weiß, ist aber erschreckend genug. Und wenn das Gemeinmachen mit einem Verbrechen im Plauderton privater Korrespondenzen daherkommt, wirkt dies nicht weniger abgründig.