bedeckt München 20°

Hiroshima:Trauer ja, Entschuldigung nein

US-Außenminister John Kerry besucht Hiroshima und verzichtet auf eine Verbeugung vor den Opfern der Atombombe. Japan selbst ringt bis heute um eine klare Haltung zu Nuklearwaffen.

Von Christoph Neidhart, Hiroshima

US-Außenminister John Kerry legte am Montag am Kenotaph in Hiroshima einen Kranz für die Opfer der amerikanischen Atombombe nieder. Er besuchte den Friedenspark zusammen mit den Außenministern der G-7-Staaten, die in Hiroshima tagten. Unter ihnen auch Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier. Kerry ist damit der bisher ranghöchste amerikanische Politiker, der diese implizite Geste der Reue macht. Nach der Kranzniederlegung forderte er seinen japanischen Kollegen unplanmäßig auf, auch noch zur Atombombenkuppel zu gehen, dem Gerippe des einstigen Messegebäudes, das die Stadt als mahnende Ruine stehen ließ.

Das Kenotaph, ein leeres Grab auf einem Sockel unter einem gewölbeartigen Betonbogen, ist die symbolische letzte Ruhestätte der mehr als 292 000 bekannten Atombombenopfer von Hiroshima. Etwa 130 000 Menschen wurden am 6. August 1945 sofort getötet, die andern starben an den Spätfolgen der Verstrahlung.

Die Regierung in Tokio hofft, dass im Mai auch Präsident Obama das Mahnmal besucht

Während sich Steinmeier, wie es sich in Japan gehört, tief verbeugte, blieb Kerry aufrecht stehen und deutete nur ein Nicken an. Schon im Vorfeld ließ er verlauten, er werde sich für die Atomangriffe auf Hiroshima und Nagasaki nicht entschuldigen. In den USA hält noch immer eine Mehrheit diese für gerechtfertigt, auch im Senat. Kerry sind deshalb die Hände gebunden. Die japanische Regierung hofft, dass US-Präsident Barack Obama im Mai ebenfalls Hiroshima besuchen wird, wenn er zum G-7-Gipfel nach Ise kommt. Immerhin hat er seine Außenpolitik 2009 in Prag mit einem Appell für "eine Welt ohne Atomwaffen" eröffnet. In diesem Falle hätte Kerry sich zurückgehalten, um einer Versöhnungsgeste Obamas nicht vorzugreifen.

Klare Worte machte Kerry, der sich in internationalen Gremien aktiv für die nukleare Abrüstung einsetzt, dagegen mit seinem Eintrag ins Gästebuch des Friedensmuseums. "Jeder Mensch in der Welt sollte die Kraft dieses Mahnmals sehen und fühlen", schrieb er. In seiner Pressekonferenz sagte Kerry, er verpflichte "jeden Menschen im öffentlichen Dienst, ja, überhaupt jeden Menschen", sich für die atomare Abrüstung einzusetzen.

Das Museum, das die totale Zerstörung von Hiroshima und die Leiden der Opfer dokumentiert, habe ihn bestärkt, seinen Einsatz für die nukleare Abrüstung, aber auch gegen den Krieg mit konventionellen Waffen, zu verdoppeln. Auf die Frage, ob Obama nach Hiroshima kommen werde, antwortete Kerry allerdings nur mit einem vagen "Eines Tages".

G7 Foreign Ministers meeting in Hiroshima

Arm in Arm: US-Außenminister Kerry (Mi. li.) neben seinem japanischen Amtskollegen Kishida (Mi. re.) am Mahnmal für die Opfer der Atombombe in Hiroshima.

(Foto: Kimimasa Mayama/dpa)

Der japanische Außenminister Fumio Kishida, selber in Hiroshima geboren, machte die atomare Abrüstung zu einem Hauptthema des Treffens. "Der Graben zwischen den Atom- und Nicht-Atomstaaten klafft immer weiter auseinander", so Kishida. Dem müsse Einhalt geboten werden. Mit einer speziellen "Erklärung von Hiroshima zu Abrüstung und Nicht-Weiterverbreitung" fordern die Außenminister mehr Dialog zwischen den Atommächten und den übrigen Staaten. Kerry sagte, die USA wollten mit Russland über eine weitere Reduktion ihrer Atomarsenale verhandeln.

Der japanische Premier Shinzo Abe hatte vor 14 Jahren als Kabinettssekretär behauptet, kleine taktische Atomwaffen würden den Friedensparagrafen der japanischen Verfassung nicht verletzen. Im März wiederholte dies einer seiner Beamten vor dem Parlament. Ex-Verteidigungsminister Shigeru Ishiba, heute Abes Regionenminister, meint, die Kernkraftwerke machten Japan zur "virtuellen Atommacht", schon deshalb müsse Nippon an der Kernenergie festhalten. Und Abes Großonkel Eisaku Sato erlaubte es als Premier 1972 den Amerikanern in einem Geheimvertrag, gesetzeswidrig auf Okinawa Atomwaffen zu stationieren. In den USA posaunte Präsidentschaftskandidat Donald Trump kürzlich, Japan und Südkorea würden sich dereinst sowieso Atomwaffen zulegen. Außenminister Kishida versichert dagegen, Japan halte sich an seine drei nuklearen Nein: keine Herstellung, kein Besitz und keine Stationierung von Atomwaffen.

Andere Themen der Tagung in Hiroshima waren Nordkorea, der Kampf gegen den Terrorismus, der Nahe Osten, die Flüchtlingskrise und die Ukraine. Außerdem suchten die Japaner die Unterstützung ihrer Partner für klare Worte in einer "Erklärung zur maritimen Sicherheit". So soll China kritisiert werden, das sich im Südchinesischen Meer kleine, auch von den Nachbarstaaten beanspruchte Inseln einverleibt hat und militärisch ausbaut.

Schüler schwangen Fähnchen, als die Außenminister zum Kenotaph schritten, die Sonne schien. Kerry schüttelte Kinderhände. Obwohl er "tief bewegt" sei, so Kerry, sei er nicht gekommen, um in der Vergangenheit zu verharren. Das heutige Hiroshima sei ein Symbol der Wiedergeburt.

© SZ vom 12.04.2016

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite