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Hilfsorganisationen:Sie lassen sich nicht einschüchtern

Flüchtlinge warten auf Rettung durch die Organisation Sea Watch.

(Foto: Johannes Moths/AP)

Die Einsätze im Mittelmeer gehen trotz politischen Drucks aus Italien weiter. Doch die Fahrt nach Spanien ist auf Dauer auch keine Lösung.

Von Andrea Bachstein

Die Aquarius , deren erzwungene Fahrt nach Spanien mit Hunderten Flüchtlingen Europa aufgewühlt hat, lag am Dienstag noch in Valencia. Zwei Tage Pause für die Crew, Klarschiffmachen nach der einwöchigen Reise. Dann soll das Schiff der Organisation "SOS Méditerranée" zurück in den Heimathafen Catania in Sizilien, und dann "wird der Einsatz fortgesetzt", sagt Jana Ciernioch, Sprecherin der Organisation.

Die Aquarius mit ihrer 30-köpfigen Crew, darunter acht Mediziner von "Ärzte ohne Grenzen", soll weiter in der Such- und Rettungszone vor Libyen Schiffbrüchige sichten und retten. "Solange es keine europäische Rettungsmission gibt, bleiben wir vor Ort", sagt Ciernioch. Das ist der Kurs auch anderer Hilfsorganisationen, die im Kanal von Sizilien operieren.

Italiens Innenminister, Lega-Chef Matteo Salvini, hatte vor den Kommunalwahlen um Stimmen geworben mit der Ankündigung, die Aquarius- Flüchtlinge nicht an Land zu lassen. Und so kam es dann auch. Das besorgt die regierungsunabhängigen Organisationen (NGOs). Gorden Isler, Sprecher und Vorstandsmitglied der Regensburger NGO "Sea-Eye", sagt, die Regierung in Rom wolle die Hilfsorganisationen aktiv an ihrer Arbeit hindern. Abschrecken lassen sie sich aber nicht - auch, weil sie das internationale Seerecht auf ihrer Seite sehen. Das verpflichtet jedes Schiff, Schiffbrüchigen zur Hilfe zu eilen und sie schnell in einen sicheren Hafen zu bringen.

Spanien ist auf Dauer keine Lösung, es liegt zu weit entfernt

Ruben Neugebauer, Sprecher von "Sea-Watch", sagt: "Wir pochen auf das internationale Seerecht." Man werde "retten, solange wir können". Die Organisation sei gut vorbereitet, bunkere Nahrung und habe sogar eigene Luftaufklärung, um Schiffbrüchige zu finden. Neugebauer sagt: "Ich schließe nicht aus, dass wir Flüchtlinge in Italien an Land bringen, auch wenn wir riskieren würden, dass unser Schiff festgehalten wird."

Gorden Isler von Sea-Eye sagt: "Wenn wir uns korrekt verhalten, erwarten wir, dass wir korrekt behandelt werden. Wir haben immer eng abgestimmt mit der Seenot-Rettungszentrale in Rom gearbeitet. In neun von zehn Fällen schickt sie uns zum Einsatz. Wo nötig, sind wir Ersthelfer, bergen erst Frauen, Kinder, Verletzte." Aber die Boote seien viel zu klein, um viele aufzunehmen. Ziel sei es, Boote zu lokalisieren und die Seenotrettung zu alarmieren. So habe man zur Rettung von 14 000 Menschen beigetragen. "Nur 300 haben wir in italienische Häfen gebracht - auf Anweisung italienischer Behörden." Isler betont: "Mit Schleppern haben wir nie kooperiert, auch wenn den NGOs in Italien das wieder vorgeworfen wird." Schlepper seien Verbrecher. "Sie schicken Menschen in Gummibooten mit einem Millimeter Wanddicke aufs Meer."

Dauerhaft nach Spanien auszuweichen wäre für alle Organisationen ein Problem. Spendenfinanzierte Einsätze würden teurer, weil sie wegen der größeren Entfernung mehr Treibstoff bräuchten. Das sei aber noch nicht das Ärgste. "Man ist länger weg aus der Einsatzzone, weil der Weg so weit ist." Gerettete müssten länger auf See bleiben: "Sehr viele sind unterernährt, dehydriert, es gibt Verletzte. Wir waren jetzt die letzten, die Gerettete nach Italien brachten, 232 Menschen nach Reggio di Calabria. Viele mussten an den Tropf. Wir haben das Material dafür", aber bei Seegang Infusionen zu legen, könne schwierig sein.

Einige NGOs haben gerade keine Boote im Mittelmeereinsatz. "Moas" hat ihr Schiff wegen der Rohingya in die Andamanen-See geschickt, "Save the Children" zog ihres planmäßig Ende 2017 ab, die Juventa von "Jugend Rettet" wurde vergangenen August beschlagnahmt. Die Seefuchs von Sea-Eye fährt etwa 30 Seemeilen vor Libyen, die Aquarius geht bald in Einsatz, die Sea-Watch 3 ist knapp zwei Wochen in Malta auf der Werft. "Man muss sehen, wie die politische Lage dann ist, sie ändert sich ja fast täglich", so Neugebauer. Jana Ciernioch von SOS Méditerranée sagt: "Wir fahren auf Sicht."

© SZ vom 20.06.2018
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