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Humanitäre Katastrophen:In Konfliktgebieten tummeln sich mehr und mehr Söldner

Andreas Papp sieht einen weiteren Grund für Aggressionen gegen Helfer: Misstrauen. Vor allem seit Beginn des sogenannten Kriegs gegen den Terror hätten Staaten Geheimdienstler in Hilfsorganisationen eingeschleust. Gleichzeitig tummeln sich in Konfliktgebieten mehr und mehr Söldner von privaten Sicherheitsfirmen, mal uniformiert, mal in Zivil wie Helfer - "für die Menschen vor Ort ist das teils kaum mehr zu unterscheiden."

Sicherheit nimmt deshalb einen immer größeren Raum bei der Ausbildung der Helfer und ihren täglichen Routinen ein. Sowohl beim IKRK als auch bei den SOS Kinderdörfern gibt es regelmäßige Lagebesprechungen, die Missionsleiter mit ihrer Ortskenntnis entscheiden dann meist selbst, welche Einsätze möglich sind.

Eine Mission ganz abzubrechen ist für die Helfer jedoch immer heikel, weil wichtige Kontakte und das Gefühl für die Lage im Land verloren gehen. Hinzu kommt der moralische Druck, weiter zu helfen - wie etwa bei Stephen Anderson, der im Fall Jemens entscheiden musste, nicht zu dem dringend benötigten Getreide durchzubrechen. Regelmäßige Übungen von Ernstfällen sind selbst dann zwingend, wenn man Kindern einen Rückzugsort bieten und heilende Traumata keinesfalls wieder aufreißen will. "Die Evakuierung einer Einrichtung, wie wir sie etwa im Advent 2016 in Aleppo durchführen mussten, klappt nur, wenn jeder genau weiß, wo er im Bus zu sitzen und was er mitzunehmen hat", sagt Andreas Papp von den SOS Kinderdörfern.

Soll man sich bewaffnen oder Schutztruppen organisieren?

Man könnte auf die wachsenden Gefahren mit eigenen Waffen oder Schutztruppen reagieren, doch das lehnen die Organisationen ab. Die lokalen Helfer, die bei den meisten Missionen den Großteil der Mitarbeiter stellen und laut Humanitarian Outcomes etwa 90 Prozent der Opfer, haben ohnehin Familien vor Ort. Sie leben nicht in abgeschotteten Lagern, wie es internationale Unterstützer in Ländern wie Afghanistan, Jemen, Südsudan oder der Zentralafrikanischen Republik meist tun, wo das Helfen derzeit am gefährlichsten ist. Um eine gesamte Mission zu schützen, bräuchte man da fast eine kleine Privatarmee.

Vor allem aber kann der vermeintliche Schutz selbst zum Risiko werden: "Wer sich bewaffnet, wird in dem Konflikt als Partei wahrgenommen und irgendwann selbst zum Ziel", sagt Stillhart. "Wir arbeiten dann, wenn wir von allen Konfliktparteien akzeptiert werden." Dazu müsse man verhandeln, die eigene Arbeit erklären. Wie groß der Aufwand sein kann, illustriert er mit einem Beispiel von 2015: "Auf dem Weg von Damaskus nach Aleppo mussten wir über 60 Checkpoints passieren, alle waren von verschiedenen Gruppen besetzt." Mit jeder von ihnen hätten sie Kontakt suchen müssen.

Kommunikation, das sagt Stephen Anderson in Jemen, sei auch für ihn "der Schlüssel". In Städten wie Taizz seien bis zu zwanzig bewaffnete Gruppen aktiv, wer dort arbeiten wolle, müsse eben immer wieder aufs Neue erklären, was er vorhabe.

Seit der Missionschef des World Food Programme das bisher letzte Mal seine Getreidemühlen in Hodeidah sah, hat sich in Jemen einiges bewegt: Die Friedensgespräche, die damals initiiert werden sollten, sind eben zu Ende gegangen, in Schweden haben sich die Parteien als vertrauensbildende Maßnahme auf eine Waffenruhe geeinigt - vor allem für das umkämpfte Hodeidah. Seine 13 dort verbliebenen Mitarbeiter kann Stephen Anderson aber immer noch nicht losschicken: "Unser Team meldet heute Feuergefechte zwischen elf und 13 Uhr", schreibt er am Donnerstag per Whatsapp. Um zur Mühle zu fahren, sei es "wohl noch zu früh. Wir hoffen, dass sich die Lage schrittweise stabilisiert."

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