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Humanitäre Katastrophen:Helfer im Fadenkreuz

März 2018: Ein Mann versucht Lebensmittel aus einem brennenden Lager des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen in al-Hudaida, im Westen Jemens, zu retten.

(Foto: AFP)
  • Der Bürgerkrieg in Jemen hat laut UN die "größte humanitäre Katastrophe der Gegenwart" entfesselt.
  • Für Helfer wird es in Krisengebieten immer riskanter, Unterstützung zu den Bedürftigen zu bringen.
  • Die Zahl der Menschen, die während ihres Einsatzes für andere getötet wurden, erreichte 2017 mit 139 den zweithöchsten Wert der Geschichte - nur 2013 starben noch mehr Helfer.

Vor wenigen Wochen kam Stephen Anderson zumindest in Sichtweite des Ortes, den er erreichen müsste, um Tausenden Menschen das Leben zu retten. Der Landesdirektor des UN World Food Programme (WFP) begleitete eine Mission der Vereinten Nationen, die die Chancen für Friedensverhandlungen für Jemen ausloten sollte. In der Hafenstadt Hodeidah verlas der Delegationsleiter eine Stellungnahme - umringt von Leibwächtern mit schweren Waffen. Anderson dachte in dem Moment nicht an den ersehnten Frieden, sondern an die Getreidemühle, die er am Horizont erkennen konnte. "Dort lagern 51 000 Tonnen Weizen, genug, um 3,7 Millionen Jemeniten einen Monat zu versorgen", sagt er am Telefon - ein unermesslicher Schatz in einem Land, in dem 8,4 Millionen Menschen schwer an Hunger leiden.

Der Bürgerkrieg in Jemen hat laut UN die "größte humanitäre Katastrophe der Gegenwart" entfesselt. Hilfe ist hier lebenswichtig, sie steht auch bereit - von den UN, von Hilfsorganisationen. Doch so wie das Getreide ist sie oft unerreichbar: "Jemen ist ohnehin gefährlich, aber um die Mühle ist es derzeit einfach zu gefährlich", sagt Anderson. Der Süden Hodeidahs ist Kampfgebiet, seit die von Saudi-Arabien geführte Militärkoalition hier in die von Rebellen gehaltene Stadt eindringen wollte. "Mitarbeiter dorthin zu schicken, kann ich derzeit nicht verantworten", sagt Anderson.

2017 starben Dutzende Menschen im Einsatz für Hilfsorganisationen

Die Lage in Jemen ist nur ein Beispiel dafür, wie sich die Arbeit von Hilfsorganisationen verändert hat. In den Adventswochen sammeln sie Millionen Spenden ein, es ist die Hochzeit der Zuwendungen. Doch immer öfter müssen sie abwägen: Ist es sicher genug, um die Hilfe auch zu den Notleidenden zu bringen? Droht die Hilfsaktion zu einem Selbstmordkommando zu werden? Obwohl fast alle Organisationen das Thema Sicherheit so ernst nehmen wie Stephen Anderson, zeichnet sich ein beunruhigender Trend ab: Immer häufiger gerät das Leben derer in Gefahr, die in Krisengebieten die Leben anderer retten wollen.

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Für 2018 liegen noch keine abschließenden Zahlen vor. "Doch 2017 war für uns eines der schwierigsten Jahre", berichtet etwa Dominik Stillhart, Direktor für Internationale Einsätze beim Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK). "Wir haben zehn Mitarbeiter verloren, alleine sieben in Afghanistan." Damit reiht sich die Statistik des IKRK in einen traurigen Trend ein: Die Zahl der Menschen, die während ihres Einsatzes für andere getötet wurden, erreichte 2017 mit 139 den zweithöchsten Wert der Geschichte - nur 2013 starben noch mehr Helfer. Und auch bei den Mitarbeitern, die verwundet (102) oder entführt (72) werden, zählte Humanitarian Outcomes Höchststände. Die Organisation erfasst die Angriffe auf Hilfsorganisationen. Für 2018 zeichnet sich bisher nur ein leichter Rückgang bei Zwischenfällen und Opfern ab, es gibt keine Entwarnung. Kriegsparteien nehmen Helfer mittlerweile ganz bewusst ins Ziel, diese Einschätzung teilen erfahrene Experten.

Andreas Papp, der für SOS Kinderdörfer weltweit als Nothilfekoordinator tätig ist, beobachtet diese Taktik bei verschiedensten Akteuren: "In Syrien, aber nicht nur da, stieg in den vergangenen Jahren etwa die Zahl der Fälle rapide, bei denen Krankenhäuser gezielt bombardiert wurden." Über eine Luftwaffe, die solche Angriffe fliegen kann, verfügen meist nur Regierungen, die Standards wie dem humanitären Völkerrecht verpflichtet sind. Lebensretter zu töten - das ist ein Kriegsverbrechen, eine Grenzüberschreitung. Doch schon 2016 stellte Michiel Hofman von Ärzte ohne Grenzen vor dem UN-Sicherheitsrat fest: Attacken auf Krankenhäuser und Helfer seien "neue Normalität".

Viele Milizen richten sich irgendwann auch gegen Helfer

Nicht nur aus der Luft, auch vom Boden aus droht Helfern zunehmend Gefahr. "Die Zahl der kämpfenden Parteien nimmt in den meisten Konflikten stetig zu, Rebellengruppen spalten sich", sagt Papp von den SOS Kinderdörfern. Viele Milizen richten sich irgendwann auch gegen Helfer - sei es aus Unwissenheit, sei es, um Hilfsgüter zu ihren Gefolgsleuten umzuleiten. "Ich nenne hier immer das Beispiel Darfur", sagt Papp. "Als ich dort 2004 zu einem Einsatz ankam, gab es drei Rebellengruppen. Als ich nach sieben Monaten wieder ging, waren es über ein Dutzend."

Der Konflikt in Darfur ist bis heute nicht befriedet, im angrenzenden Südsudan ging ein jahrzehntelanger Unabhängigkeitskampf nahtlos in einen Bürgerkrieg über. Dies ist auch für Dominik Stillhart vom IKRK ein Beispiel dafür, was die Arbeit für Hilfsorganisationen gefährlicher macht. "Wir beobachten, dass Konflikte immer länger dauern. Die größten, in denen wir präsent sind, dauern teils schon 30 Jahre." Das habe zur Folge, dass die Kriegsparteien sich über lange Zeit finanzieren müssten - einige Milizen setzen da auf Entführungen und Überfälle. "Politische und kriminelle Agenden überlappen irgendwann immer stärker." Gleichzeitig würden Helfer in solchen Konflikten manchmal zum Ziel des Frusts der Bevölkerung, die seit Jahren auf Besserung hoffe, "aber merkt, dass die Welt sich anscheinend nicht interessiert. Diese Wut kann sich dann an denen entladen, die vor Ort sind, um wenigstens ein bisschen Hilfe zu bringen."

In Konfliktgebieten tummeln sich mehr und mehr Söldner

Andreas Papp sieht einen weiteren Grund für Aggressionen gegen Helfer: Misstrauen. Vor allem seit Beginn des sogenannten Kriegs gegen den Terror hätten Staaten Geheimdienstler in Hilfsorganisationen eingeschleust. Gleichzeitig tummeln sich in Konfliktgebieten mehr und mehr Söldner von privaten Sicherheitsfirmen, mal uniformiert, mal in Zivil wie Helfer - "für die Menschen vor Ort ist das teils kaum mehr zu unterscheiden."

Sicherheit nimmt deshalb einen immer größeren Raum bei der Ausbildung der Helfer und ihren täglichen Routinen ein. Sowohl beim IKRK als auch bei den SOS Kinderdörfern gibt es regelmäßige Lagebesprechungen, die Missionsleiter mit ihrer Ortskenntnis entscheiden dann meist selbst, welche Einsätze möglich sind.

Eine Mission ganz abzubrechen ist für die Helfer jedoch immer heikel, weil wichtige Kontakte und das Gefühl für die Lage im Land verloren gehen. Hinzu kommt der moralische Druck, weiter zu helfen - wie etwa bei Stephen Anderson, der im Fall Jemens entscheiden musste, nicht zu dem dringend benötigten Getreide durchzubrechen. Regelmäßige Übungen von Ernstfällen sind selbst dann zwingend, wenn man Kindern einen Rückzugsort bieten und heilende Traumata keinesfalls wieder aufreißen will. "Die Evakuierung einer Einrichtung, wie wir sie etwa im Advent 2016 in Aleppo durchführen mussten, klappt nur, wenn jeder genau weiß, wo er im Bus zu sitzen und was er mitzunehmen hat", sagt Andreas Papp von den SOS Kinderdörfern.

Soll man sich bewaffnen oder Schutztruppen organisieren?

Man könnte auf die wachsenden Gefahren mit eigenen Waffen oder Schutztruppen reagieren, doch das lehnen die Organisationen ab. Die lokalen Helfer, die bei den meisten Missionen den Großteil der Mitarbeiter stellen und laut Humanitarian Outcomes etwa 90 Prozent der Opfer, haben ohnehin Familien vor Ort. Sie leben nicht in abgeschotteten Lagern, wie es internationale Unterstützer in Ländern wie Afghanistan, Jemen, Südsudan oder der Zentralafrikanischen Republik meist tun, wo das Helfen derzeit am gefährlichsten ist. Um eine gesamte Mission zu schützen, bräuchte man da fast eine kleine Privatarmee.

Vor allem aber kann der vermeintliche Schutz selbst zum Risiko werden: "Wer sich bewaffnet, wird in dem Konflikt als Partei wahrgenommen und irgendwann selbst zum Ziel", sagt Stillhart. "Wir arbeiten dann, wenn wir von allen Konfliktparteien akzeptiert werden." Dazu müsse man verhandeln, die eigene Arbeit erklären. Wie groß der Aufwand sein kann, illustriert er mit einem Beispiel von 2015: "Auf dem Weg von Damaskus nach Aleppo mussten wir über 60 Checkpoints passieren, alle waren von verschiedenen Gruppen besetzt." Mit jeder von ihnen hätten sie Kontakt suchen müssen.

Kommunikation, das sagt Stephen Anderson in Jemen, sei auch für ihn "der Schlüssel". In Städten wie Taizz seien bis zu zwanzig bewaffnete Gruppen aktiv, wer dort arbeiten wolle, müsse eben immer wieder aufs Neue erklären, was er vorhabe.

Seit der Missionschef des World Food Programme das bisher letzte Mal seine Getreidemühlen in Hodeidah sah, hat sich in Jemen einiges bewegt: Die Friedensgespräche, die damals initiiert werden sollten, sind eben zu Ende gegangen, in Schweden haben sich die Parteien als vertrauensbildende Maßnahme auf eine Waffenruhe geeinigt - vor allem für das umkämpfte Hodeidah. Seine 13 dort verbliebenen Mitarbeiter kann Stephen Anderson aber immer noch nicht losschicken: "Unser Team meldet heute Feuergefechte zwischen elf und 13 Uhr", schreibt er am Donnerstag per Whatsapp. Um zur Mühle zu fahren, sei es "wohl noch zu früh. Wir hoffen, dass sich die Lage schrittweise stabilisiert."

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