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Hexenprozesse von Salem:Mörderische Hysterie

Die Hexenprozesse von Salem: eine Darstellung von Thompkins H. Matteson, 1855.

(Foto: mauritius images/IanDagnall Co)

Das merkwürdige Verhalten zweier Mädchen führt im Jahr 1692 zu den berüchtigten Hexenprozessen in Neu-England. Rückblick auf einen Aufruhr, den 20 unschuldige Menschen nicht überleben.

Von Florian Welle

Der kalte Winter 1691/92 hat auch den Ort Salem nördlich des heutigen Boston fest im Griff. Elizabeth, die neunjährige Tochter des strenggläubigen puritanischen Predigers Samuel Parris, hört an den langen Tagen zusammen mit ihrer zwei Jahre älteren Cousine Abigail Williams den vor Magie strotzenden Erzählungen der Sklavin Tituba zu. Einst hatte Parris diese auf Barbados erworben, nun besorgt sie den Haushalt.

Eines Tages beginnen Elizabeth und Abigail ein merkwürdiges Verhalten an den Tag zu legen, das später auch weitere Mädchen ergreifen wird. Wie in Trance starren sie vor sich hin oder wälzen sich halluzinierend, von Krampfanfällen geschüttelt, auf dem Boden und geben merkwürdige Geräusche von sich.

Der hinzugezogene Arzt William Griggs kann kein organisches Leiden feststellen. Daher steht für ihn fest, dass die Kinder verhext worden sein müssen. Eine Diagnose mit weitreichenden Folgen.

Mindestens 150 Menschen wird sie bis zur Einstellung sämtlicher gerichtlicher Untersuchungen im Mai 1693 ins Gefängnis führen. Einige sollten die Haft nicht überleben. Neunzehn Unschuldige, überwiegend Frauen, endeten am Galgen, weil sie ihre "Schuld" nicht eingestanden.

Ein Beschuldigter erlag der Folter. Um sein Geständnis zu erzwingen, hatte man Giles Corey Gewichte auf die Brust gelegt, bis sie ihn erdrückten. Er starb am 19. September 1692. Das Einzige, was er angeblich unter Folter von sich gab, waren die Worte: "More weight". Die Hexenverfolgung, die vor allem in Europa wütete, war endgültig in der Neuen Welt angekommen.

Die Hexenprozesse von Salem, die der Stadt den mittlerweile durchaus zugkräftigen Spitznamen "The Witch City" verliehen haben, bewegen die Gemüter bis heute. Denn noch immer geben die Ereignisse, die mitunter Züge einer Massenhysterie trugen, Rätsel auf; wird über die Ursachen der Krampfanfälle und die Frage, wie ein ganzer Ort dem Hexenwahn verfallen konnte, mit den unterschiedlichsten Argumenten gestritten.

Waren die Mädchen Opfer ihrer Fantasie oder Simulantinnen? Wurden ihnen im Verhör bestimmte Aussagen untergeschoben? Welche Rolle spielte der tiefe Glaube der puritanischen Siedler an Hexerei und Magie?

Selbst eine Vierjährige steckte man ins Gefängnis

Als man die Mädchen aufforderte zu sagen, wer sie verhext habe, nannten sie drei Personen: die Sklavin Tituba, die vor sich hinbrabbelnde Bettlerin Sarah Good und Sarah Osborne, eine kranke alte Frau, die zuvor angeblich die Kinder ihres ersten Mannes um das Erbe gebracht hatte. Jede war eine Außenseiterin der Gesellschaft und damit ein willkommenes Opfer.

Anfang März begann John Hathorne - Vorfahre des Schriftstellers Nathaniel Hawthorne, der im 19. Jahrhundert mehrfach die Geschehnisse in seinen Büchern thematisieren wird - mit den Voruntersuchungen, die sich zu monatelangen Befragungen ausweiten sollten.

Von jetzt an war niemand in Salem mehr sicher. Es wurde leichthin beschuldigt und wohl auch böswillig denunziert. Nachzulesen ist all dies in dem Buch "The Salem Witch Trials. A Day-By-Day Chronicle of a Community Under Siege" von Marilynne K. Roach, das streckenweise Züge eines reißerischen Mystery-Thrillers trägt. Traf es anfangs noch den ärmeren Teil der Bevölkerung, gerieten später auch wohlhabende Bürger in Verdacht.

Selbst die vierjährige Tochter von Sarah Good steckte man ins Gefängnis. Salem, eine Stadt im Ausnahmezustand. Das hatte auch wirtschaftliche Auswirkungen.

Das alltägliche Leben kam so gut wie zum Erliegen, weil die Bauern ihre Felder nicht mehr bestellten. Entweder waren sie verhaftet oder wohnten als Schaulustige den Befragungen bei.

Auf der Suche nach den Ursachen weisen Forscher darauf hin, dass es in Salem schon lange zuvor Spannungen gegeben hatte. So standen sich zwei Lager gegenüber - hier das der eher säkularen Familie Porter, dort das des frommen Samuel Parris - und kämpften (nicht nur) um die ökonomische Vorherrschaft. Parris hoffte durch die Anklagen wohl, den zunehmenden Einfluss seiner Gegner zurückzudrängen.

Wiederum andere Forscher heben die Bedeutung der ständigen Kämpfe mit den umliegenden Indianerstämmen hervor. In den Augen der Puritaner waren diese Schergen Satans, was ein Klima der Angst erzeugte und damit den idealen Nährboden für die Hexenverfolgungen bereitete.

Löste eine Getreidevergiftung das bizarre Vergiftung der Mädchen aus?

Eine nüchternere Erklärung liefert Linnda R. Caporael. Der Wissenschaftlerin zufolge könnten die Mädchen eine Getreidevergiftung durch Mutterkorn erlitten haben. Der Pilz, der Roggen und Gerste befällt, hat eine ähnlich halluzinogene Wirkung wie LSD, löst Krämpfe, Visionen und ein Prickeln an Händen und Füßen aus.

Die Theorie könnte in der Tat das bizarre Verhalten der Mädchen, das am Anfang der Ereignisse stand, verständlich machen. Zumal das Wetter des Vorjahres - auf ein feuchtes Frühjahr folgte 1691 ein verregneter Sommer - die Bildung von Mutterkorn begünstigte und auch andere Bewohner, ja sogar Tiere, mit den Symptomen auffielen. Als alleinige Erklärung für den sich anschließenden Hexenwahn taugt die Erklärung jedoch nur bedingt.

Die Salemer Hexenprozesse gingen in die Geschichte ein und inspirierten viele Künstler. Neben Nathaniel Hawthorne ist der bekannteste Arthur Miller mit seinem sexuell stark aufgeladenen Theaterstück "Hexenjagd", das die Ereignisse als Parabel auf die Kommunistenhatz unter McCarthy benutzt.

Es dient auch als Vorlage für den berühmten Film "Die Hexen von Salem" mit Simone Signoret und Yves Montand in den Hauptrollen. Selbst Donald Trump spielt auf Salem an, wenn er von der Hexenjagd spricht, die man angeblich gegen ihn führt.

© SZ vom 11.01.2020/odg
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