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Hetze gegen Muslime:Stereotypen verhindern den Dialog

Die Folgen der Stimmungsmache spüre ich mittlerweile fast täglich. Vergangene Woche las ich in Köln gemeinsam mit meinem jüdischen Co-Autor Michael Rubinstein aus unserem Buch: "So fremd und doch so nah" über das Verhältnis von Juden und Muslimen. Wir durften in einer Synagoge lesen. Den ersten Wortbeitrag aus dem Publikum übernahm ein aufgebrachter Herr, der die folgende Stunde nutzte, seine Pauschalkritik immer wieder lautstark, zur Not anderen ins Wort fallend, kund zu tun. "Der Protest 'Hooligans gegen Salafisten' in Köln sei nichts als eine legitime Meinungsäußerung", blaffte er mich an. Solche Äußerungen kann ich inzwischen (leider) ganz gut wegstecken. Woran ich mich aber nicht gewöhnen kann und will: dass niemand im Saal dem Mann widersprach.

Zwei Tage später. Wieder Köln. Dieses Mal sitze ich mit christlichen und jüdischen Vertretern auf einem Podium, das der Deutschlandfunk und Kölner Stadt-Anzeiger zum Thema "Glaube und Gewalt" ausgerichtet hat. Hier schleuderte mir nun ein empörter Mitbürger entgegen, dass "wir Deutschen die Schnauze voll von Euch Muslimen haben". Nach der Veranstaltung versuchte ein anderer Mann, älteren Damen zu erklären, dass sie so schnell wie möglich Hab und Gut verkaufen sollten: Köln werde in naher Zukunft islamisiert. Kein Witz!

Die notwendige Debatte benötigt Differenzierung

Ich glaube, es gibt inzwischen keine Gruppe auf der Welt, die so offen, hart und schonungslos kritisiert wird wie die Muslime. Selbstverständlich geschieht das in vielerlei Hinsicht zu Recht. Muslime bieten leider genügend Anlass zu Kritik und Entsetzen - das darf nicht verschwiegen werden. Aber wichtige und notwendige theologische und politische Debatten rund um den Islam lassen sich nicht durch das Verbreiten von Stereotypen erreichen, von Denunziationen, die mit dem Deckmantel aufklärender Kritik getarnt werden. Vielmehr müssen die Kräfte gestärkt werden, die den Dialog führen wollen, die gegen Missstände in den eigenen Reihen angehen. Dazu ist aber Differenzierung unerlässlich.

In dem Focus-Titel heißt es an einer Stelle: "Der Islam unterdrückt die Frauen. Dieser Punkt bedarf keiner ausführlichen Begründung." Man muss offenbar nicht mehr argumentieren, sich mit dem beschäftigen, was man kritisiert, ist sowieso alles klar. Ungefähr so differenziert argumentieren auch jene Fundamentalisten, die "den Westen" als kolonialistisch und moralisch verderbt diffamieren - Beispiele dafür gibt es genug, aber das eine beschreibt "den Westen" genauso wenig wie das andere "den Islam". Wer so vereinfacht, betreibt geistige Brandstiftung.

In der Konsequenz ist diese Stimmungsmache das Futter, das die islamischen Extremisten nährt. Die Salafisten locken Jugendliche mit dem Argument: der Westen hasst den Islam. Weiß man doch, muss man gar nicht groß erklären. Künftig können sie als Beleg den Focus-Titel hochhalten. Unser sozialer Friede hängt am seidenen Faden. Wer den Frieden will, sollte nicht an diesem Faden ziehen.

Zur Person

Lamya Kaddor, 36, ist Islamwissenschaftlerin, Religionslehrerin, Autorin und Vorsitzende des liberal-islamischen Bundes. Dass auch Schüler von ihr in den Dschihad ziehen wollten, empfand sie als persönliche Niederlage.

Lamya Kaddor, 36, ist Islamwissenschaftlerin, Religionslehrerin, Autorin und Vorsitzende des liberal-islamischen Bundes. Dass auch Schüler von ihr in den Dschihad ziehen wollten, empfand sie als persönliche Niederlage.

© SZ vom 17.11.2014/fran
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