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Prantls Blick:Weihnachtslüge, Weihnachtswahrheit

´Shutdown" in den USA

Neben dem Kapitol in Washington leuchtet ein großer Weihnachtsbaum.

(Foto: dpa)

Die Botschaft "Friede den Menschen auf Erden" ist keine Vorhersage, sondern eine Aufforderung. Die frohe Botschaft lautet: Es stimmt nicht, dass nichts zu machen ist.

Jeden Sonntag beschäftigt sich Heribert Prantl, Mitglied der Chefredaktion und Ressortleiter Meinung der SZ, mit einem Thema, das in der kommenden Woche - und manchmal auch darüber hinaus - relevant ist. Hier können Sie "Prantls Blick" auch als wöchentlichen Newsletter bestellen - exklusiv mit seinen persönlichen Leseempfehlungen.

Stellen wir uns vor, Donald Trump würde an Weihnachten per Twitter verkünden: "Friede den Menschen auf Erden" - und dann auf den von ihm angeordneten Abzug der US-Truppen aus Syrien und aus Afghanistan verweisen. Wir würden eine solche weihnachtliche Twitterei mit Recht für unverschämt und anmaßend halten, für das lästerliche Reden eines lästerlichen Menschen, für die hoffärtige Lügerei eines unfriedfertigen Lügenboldes.

Ist Trump ein Engel, weil er lügt?

Bei aller Abneigung gegen diesen Präsidenten und bei aller Zuneigung zu den Engeln, die im Himmel über Bethlehem die Weihnachtsbotschaft verkünden - keimt da nicht auch ein furchtbarer Verdacht? Kann es sein, dass das Versprechen der Engel eine Lüge war und ist? Wo ist denn der Friede zweitausend Jahre nach seiner Verheißung? Seine Abwesenheit wurde doch soeben erst wieder, zum 70. Jahrestag der Verkündung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, tausendfach beklagt; schon lange war die Welt nicht mehr so unfriedlich. Friede den Menschen auf Erden? Ist das eine schöne und traurige Weihnachtslüge?

Ein bitterer Titel

Vor zwanzig Jahren lief in den Kinos mit großem Erfolg ein Film mit einer frohen Botschaft. Sein Titel behauptete: "Das Leben ist schön." Das ist ein bitterer Titel, denn der Film spielt in der Hölle, in einem Vernichtungslager. Er handelt von einer jüdisch-italienischen Familie, die am Ende des Zweiten Weltkriegs in ein KZ deportiert wird. Der Vater spielt, um seinen kleinen Sohn zu schützen, um ihm das KZ-Leben erträglich zu machen, den Kasper. Er erfindet eine irre Lügengeschichte: Er tut so, als seien alle Schrecknisse und Furchtbarkeiten des Lagers Teil eines großen Gesellschaftsspiels, bei dem man möglichst viele Punkte sammeln muss, um so den großen Preis zu gewinnen, einen echten Panzer. Am Ende sieht das Kind den versprochenen Gewinn: Ein Panzer fährt durchs Lagertor, die Amerikaner befreien das KZ. Der Film erzähle, so schrieben die Filmkritiker, von der Kraft der barmherzigen Lüge.

Lüge oder Widerstand?

Mir ist dieser Film sehr nachgegangen, er geht mir bis heute nach. Damals, es war auch an Weihnachten, habe ich in meinem Leitartikel gefragt, ob der Vater womöglich gar nicht wirklich gelogen, sondern versucht hat, eine neue Wirklichkeit herzustellen. Er kämpfte mit seinem vermeintlich lächerlichen Widerstand gegen die Realität. Er trotzte ihr ein Leben ab, das Leben seines Kindes.

Mut verändert die Wirklichkeit

Der vermeintlich aussichtlose, aber trotzdem notwendige Widerstand beschäftigt mich seitdem. Ich habe immer wieder über die Widerständler und Whistleblower geschrieben, über die Verteidiger der Menschenrechte, über die Geschichten und die Geschichte des Widerstands und darüber, dass im Widerstand die Kraft der Hoffnung steckt. Es gibt die wunderbaren Worte von den "guten Mächten", die Dietrich Bonhoeffer 1944, in tiefster Not, beschrieben und beschworen hat; kurz vor Kriegsende wurde er von den Nazis hingerichtet. Waren die Worte von den "guten Mächten" Lüge? Bonhoeffer war klar, dass er Hitler nicht wegbeten kann. Aber aus dem Gebet schöpfte er die Kraft zum Widerstand - und er hat anderen Menschen Mut gemacht. Solche Beispiele verändern die Wirklichkeit.

Friede den Menschen auf Erden: Das ist keine Prophezeiung, sondern eine Aufforderung

Die bedrohlichen politischen Irrlehren der Gegenwart, der populistische Extremismus und der neue aggressive Nationalismus sind keine Naturgewalten, sie sind nicht zwangsläufig, sie kommen nicht einfach unausweichlich auf uns zu. Es gibt keine Zukunft, von der man sagen könnte, dass es sie einfach gibt, dass sie einfach über uns kommt. Zukunft ist nichts Feststehendes, nichts Festgefügtes, Zukunft kommt nicht einfach - es gibt nur eine Zukunft, die sich jeden Augenblick formt: je nach dem, welchen Weg ein Mensch, welchen eine Gesellschaft wählt, welche Entscheidungen die Menschen treffen, welche Richtung die Gesellschaft einschlägt.

Die Frage ist nicht, welche Zukunft man erduldet, die Frage ist, welche Zukunft man haben will und wie man darauf hinlebt und hinarbeitet: "Friede den Menschen auf Erden."

Die frohe Botschaft lautet also: Es stimmt nicht, dass nichts zu machen ist. Es gibt kein historisches Gesetz, wonach Unmenschlichkeit exponentiell mit der Weltbevölkerung wächst, es gibt keine Zwangsläufigkeit, wonach Afrika verhungert und ein Völkermord dem anderen folgt. Für all das gibt es Ursachen - und die Verantwortung, dagegen etwas zu tun. Beispiele können die Wirklichkeit verändern. Und es gibt die Verantwortung, etwas zu tun.

Die Weihnachtsbotschaft vom "Friede den Menschen auf Erden" ist keine Lüge, sondern eine Aufforderung.

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