Namibia:Chor der Vernachlässigten

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Namibia: Soll neu verhandeln lassen: der Präsident von Namibia, Hage Geingob (Mitte).

Soll neu verhandeln lassen: der Präsident von Namibia, Hage Geingob (Mitte).

(Foto: Gianluigi Guercia/AFP)

Vertreter von Herero und Nama kritisieren das Abkommen und die Regierung Namibias scharf. Sie hatten jedenfalls sehr andere Vorstellungen.

Von Bernd Dörries

Man kann nicht sagen, dass Jubel ausgebrochen wäre unter den Vertretern der Herero und Nama in Namibia, als das Abkommen zwischen Deutschland und der namibischen Regierung bekannt wurde. Es dauerte nur wenige Stunden, bis Vertreter der beiden Volksgruppen auf Demonstrationen, Pressekonferenzen und in Interviews ihre Wut und Enttäuschung zeigten. Der Vorschlag Deutschlands sei eine "Beleidigung", sagte Inna Hengari, die Vorsitzende der Oppositionspartei PDM. Es sei den Herero und Nama nie um "Projekte gegangen, sondern um Reparationen".

Der Versöhnungsvertrag, auf den sich die deutschen und namibischen Unterhändler geeinigt haben, sieht vor, dass Deutschland über einen Zeitraum von 30 Jahren 1,1 Milliarden Euro für soziale Projekte und Landkauf bereitstellt. "Das passiert, wenn ein schwacher Verhandlungspartner die Almosen annimmt, die ihm angeboten werden, nach dem Prinzip: Friss, Vogel, oder stirb", sagte Vekuii Rukoro, der sich als Oberhaupt aller Herero bezeichnet, aber nicht von allen Gruppen als solches anerkannt wird. Er kritisierte auf einer Pressekonferenz, es sei nicht nachzuvollziehen, warum die Regierung von ihrer ursprünglichen Forderung von 40 Milliarden Dollar abgerückt sei. "Es wurde ja auch nicht das eigene Blut vergossen. Nur die Stämme der Herero und Nama wurden so brutal verfolgt", sagte Rukoro.

Die Nachkommen der vom Genozid betroffenen Herero und Nama machen etwa 13 Prozent der Bevölkerung Namibias aus, sie fühlen sich bis heute von der Regierung vernachlässigt, die vor allem aus der Volksgruppe der Ovambo besteht. Deshalb hatten viele Herero-Gruppen gefordert, dass die deutsche Regierung direkt mit ihnen verhandeln sollte, was sowohl auf deutscher Seite als auch von der Regierung Namibias abgelehnt wurde. "Wenn Namibia Geld von Deutschland bekommt, sollte es an die traditionellen Führer der betroffenen Gemeinschaften gehen und nicht an die Regierung", sagte Joyce Muzengua von der Bewegung der Landlosen Menschen.

Die deutsche Kolonialzeit im heutigen Namibia hat die Besitzverhältnisse nachhaltig verändert, Herero und Nama wurde das Land enteignet, bis heute sollen sich 70 Prozent des kommerziellen Farmlandes im Besitz weißer Landwirte befinden, meist Nachkommen deutscher oder südafrikanischer Siedler. Das Abkommen sieht vor, dass Teile der Entschädigung auch für eine Landreform verwendet werden sollen. Dazu soll es Hilfe in den Bereichen Landwirtschaft, Wasserversorgung und Berufsbildung geben. "Die Gemeinschaften sind über ganz Namibia verteilt. Die Implementierung der Projekte wird ein Albtraum", befürchtet der Analyst Ndumba Kamwanya in der Tageszeitung Namibian.

Mehrere Opfervertreter haben die Regierung bereits aufgefordert, das Abkommen nicht zu unterzeichnen und neu zu verhandeln, unter größerer Beteiligung der Herero und Nama. Die namibische Regierung verweist darauf, dass viele Verbände in den langjährigen Verhandlungsprozess eingebunden gewesen seien, der Leiter der Delegation ist selbst Herero. Wie groß die Zustimmung jener Herero ist, die sich noch nicht mit lauter Kritik gemeldet haben, werden wohl erst die nächsten Wochen und Monate zeigen.

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